27.01.13

Brüderle

Deutschland schreit gegen Sexismus auf

#Aufschrei ist derzeit eines häufigsten Schlagworte im deutschen Twitter-Universum. Brüderle war nur der Anlass für eine Sexismus-Debatte.

Von Annette Prosinger
Foto: dapd

Üble Anmache oder harmloser Flirt? FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle sieht sich Sexismus-Vorwürfen ausgesetzt
Üble Anmache oder harmloser Flirt? FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle sieht sich Sexismus-Vorwürfen ausgesetzt

Was war das? Üble Anmache oder harmloser Flirt, Alt-Herren-Witzchen oder Machismo pur? Seit dem Bericht der "Stern"-Reporterin Laura Himmelreich, 29, über ihre Begegnung mit einem offenbar testosteronüberschwemmten Rainer Brüderle, 67, an einer Hotelbar hat Deutschland ein neues Thema: Sexismus im Alltag. Politiker nehmen Stellung, Prominente melden sich zu Wort, und auf Twitter bricht die Debatte alle Rekorde: #Aufschrei ist derzeit das am häufigsten verwendete Schlagwort.

Unter Politikern dreht sich die Debatte vor allem um die Fragen: Darf Journalismus so indiskret sein? Wie sehr muss sich ein Politiker unter Kontrolle haben? Der "Stern" hat in seiner jüngsten Ausgabe von Annäherungsversuchen des FDP-Politikers Rainer Brüderle gegenüber einer jungen Reporterin berichtet. Das reichte von altväterlichen Avancen ("Ich würde Ihnen meine Tanzkarte anbieten") bis zu Kommentaren über ihre Oberweite ("Sie können ein Dirndl auch ausfüllen"). Dass die Reporterin Brüderle auf den professionellen Zusammenhang ihrer Begegnung verwies – "Sie sind Politiker, ich bin Journalistin" –, konnte ihn nicht bremsen. Ein Dementi von Rainer Brüderle gibt es nicht zu diesem Artikel. Er zieht es offenbar vor, gar keinen Kommentar abzugeben. Scharfe Kritik kommt dagegen von Wolfgang Kubicki, FDP-Chef in Schleswig-Holstein: "Bisher waren abendliche Gespräche, ob beim Essen oder nach einem Parteitag an der Hotelbar, ein durch Vertraulichkeit geschützter Bereich."

Es ist bestimmt nicht das erste Mal, dass ein Politiker einer Journalistin zu nahe kommen wollte. Doch bisher wurde das gerne verschwiegen. Der "Stern"-Bericht ist ein Regelbruch, der auch in der Medienbranche für Kritik sorgt. Dass die Begebenheit bereits vor einem Jahr stattgefunden hatte und erst jetzt veröffentlicht wurde, kurz nachdem Brüderle zum Spitzenkandidaten der FDP für die Bundestagswahl gekürt worden war, ist in der medienwirksamen Absicht durchschaubar.

Wucht dieses "Aufschreis" überrascht

Doch die öffentliche Diskussion hat sich längst von Brüderle und der journalistischen Ethik wegbewegt. Um den allgemeinen, ganz alltäglichen Sexismus geht es hier, und unter dem Twitter-Topic "#Aufschrei" laufen im Minutentakt die Statements ein: In 140-Zeichen-Botschaften berichten Frauen (und einige Männer) von männlichen Übergriffen auf Firmenfeiern und Volleyballturnieren, im Büro, im Unterricht, im Freundeskreis. "Für Frauen", twittert Nicole Simon, "ist die Frage nicht, ob sie je belästigt wurden, sondern nur, wie lang das letzte Mal her ist."

Die Wucht dieses "Aufschreis" überrascht. Sexismus, das war doch ein Thema des ausgehenden 20. Jahrhunderts, droht jetzt der Geschlechterkampf aus den 1970er-Jahren zurückzukehren? Ist die Gesellschaft nicht weiter?

Doch, ist sie. Und genau das ist der Grund, warum es nun Aufregung gibt. Frauen haben mittlerweile im Berufsleben Positionen erreicht, in denen sie sich Anzüglichkeiten nicht mehr gefallen lassen müssen. Der Sekretärin, der Assistentin, der Arzthelferin ging es in vergangenen Zeiten anders, waren sie doch abhängig von den Chefs. Doch die Frau an der Bar, in der Politiker B. nur die Gelegenheit zum Herrenwitz erkennen wollte, verfügte über einen Beruf, der einen eigenen Machtapparat hinter sich hat. Den hat sie genutzt. Nicht unbedingt auf die feine Art, aber schlagkräftig.

Und diese Ungleichzeitigkeit sorgt nun für die Sensation: Hier der alte Mann, der vermutlich nicht einmal ahnte, wie belästigend seine Avancen waren – da die junge Frau, die sich stark genug weiß, um sich zu wehren. Ob sie ihm damit mehr geschadet hat als er ihr, gehört zu den offenen Fragen in der Debatte, in deren Zentrum jetzt die Kommunikation zwischen Männern und Frauen generell steht: Frauen begegnen Männern beruflich auf Augenhöhe – aber ihre Verhaltensweisen sind immer noch verschieden. Was Männer für ein neckisches Spiel halten, erleben Frauen als unverschämte Erniedrigung. Der Spaß des einen ist für die andere Sexismus. Männer sind in ihrem Drang zu Machtdemonstrationen für Frauen so schwer auszuhalten wie für Männer Frauen mit realer Macht. Und alle müssen lernen, miteinander klarzukommen. Das ist schwer. Und das gibt Krach. Aber dieser Krach ist gut. Er ist die Begleitmusik des gesellschaftlichen Fortschritts.

Die Debatte bei Twitter

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Reaktionen
  • Alice Schwarzer

    „Es ist neu, dass diese Art von sexistischem Verhalten nicht im besten Fall als peinlich abgetan, sondern als politisch gewertet wird. Dass es also einer der Faktoren ist, an denen wir messen müssen, ob dieser Mann geeignet ist für eine politische Spitzenposition. Seit die Journalistin Laura Himmelreich Klartext geschrieben hat, ist Brüderle kein Politiker mit Zukunft mehr, sondern ein Mann von gestern“

     

    Alice Schwarzer ist Feministin und Buchautorin

  • Katrin Göring-Eckardt

    „Das ist eine längst überfällige Debatte, die hoffentlich auch dazu führt, dass Sexismus in Zukunft klarer benannt und nicht toleriert wird. Und die Frauen darin bestärkt, sich nichts gefallen zu lassen“

     

    Katrin Göring-Eckardt ist Grünen-Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl

  • Manuela Schwesig, Stellvertret

    „Ich bin froh, dass das Thema sexuelle Belästigung aus der Tabuzone geholt und von vielen Frauen jetzt so offen diskutiert wird.

    Der alltägliche Sexismus in all seinen Facetten ist völlig inakzeptabel. Letztlich ist das ein deutlicher Ausdruck mangelnder Wertschätzung und damit fehlender Gleichberechtigung der Frauen. Nicht hinnehmbar finde ich auch, dass Frauen, die von solchen sexistischen Übergriffen berichten, nachträglich zu Täterinnen gemacht werden“

     

    Manuela Schwesig ist Stellvertretende SPD-Vorsitzende

  • Amelie Fried

    „Natürlich habe ich diesen harmlos daherkommenden, alltäglichen Sexismus erlebt, und mit ihm den Konflikt jeder Frau: Lächle ich das jetzt cool weg? Oder sage ich, dass es mir unangenehm ist, und riskiere damit, die verklemmte Emanze und Spaßbremse zu sein?

    Meist habe ich mich aus Selbstschutz für die erste Variante entschieden. Ich bin keine Freundin übertriebener politischer Correctness. Aber wenn Grenzen überschritten werden (und diese Grenzen zieht jede/r für sich selbst), muss man sich wehren dürfen“

     

    Amelie Fried ist Buchautorin

  • Anke Domscheit-Berg

    „Sexismus ist nicht nur verletzend und entwürdigend, er schränkt auch die Freiheit insbesondere von Frauen und Mädchen ein. Vielen Männern ist überhaupt nicht klar, wann und wie oft sie mit ihrem Verhalten Grenzen überschreiten und was für ein Ausmaß dieses Problem aus Sicht der Frauen hat“

     

    Anke Domscheit-Berg, Unternehmerin

  • Senta Berger

    „Macht und Machtmissbrauch hat es immer gegeben. Es liegt an jedem selbst, sich dagegen zu wehren. Durch die Berichterstattung über Herrn Brüderle hat sich in meiner Einschätzung nichts geändert. Problematisch finde ich eher den Zeitpunkt der Veröffentlichung“

     

    Senta Berger ist Schauspielerin

  • Ramona Pop

    „Die Diskussion ist wichtig, es gibt ganz offensichtlich ein großes Bedürfnis, über dieses Thema zu reden. Politik ist nach wie vor eine Männerwelt, und genau das merkt man gelegentlich auch. Aber es gibt nicht nur im Umgang der Geschlechter eine Distanzlosigkeit, sondern auch in vielen anderen Bereichen“

     

    Ramona Pop ist Grünen-Fraktionschefin im Berliner Abgeordnetenhaus

  • Silvana Koch-Mehrin

    „Die FDP ist das Schlusslicht, wenn es darum geht, Gleichberechtigung in der eigenen Partei zu leben“

     

    Silvana Koch-Mehrin ist FDP-Politikerin

  • Friederike Werner

    „Zwischen Türstehern und Hostessen ist man natürlich in einer klischeebeladenen Umgebung. Ich kann jedoch nicht behaupten, dass dies in irgendeiner Weise von Nachteil war, eine Frau zu sein. Im Gegenteil, wenn, dann haben die Türsteher wohl eher uns Frauen um den entgegengebrachten Charme beneidet. Die Tatsache, dass ich in einem solch männerdominierten Business gearbeitet habe, zeigt, dass alles möglich ist – egal, welches Geschlecht“

     

    Friederike Werner hat als Türsteherin des Asphalt gearbeitet und ist jetzt PR-Managerin

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