25.01.13

Sexismus-Debatte

Brüderles Entgleisung ist peinlich, aber kein Skandal

Seine Äußerungen sind geschmacklos und schlechtes Benehmen. Mehr aber auch nicht, findet Hajo Schumacher.

Von Hajo Schumacher
Foto: dapd

Rainer Brüderles Äußerungen sind peinlich. Aber er hat auch Fürsprecher. Und nicht jeder findet es richtig, ein paar unpassende Bemerkungen öffentlich anzuprangern.
Rainer Brüderles Äußerungen sind peinlich. Aber er hat auch Fürsprecher. Und nicht jeder findet es richtig, ein paar unpassende Bemerkungen öffentlich anzuprangern.

Damit das mal klar ist: Es geht nicht darum, Rainer Brüderle zu verteidigen. Sein Gesäftel gehört zu jenen Geschmacklosigkeiten, wie sie tagtäglich beim Supermodel-Wettlauf, auf dem Oktoberfest oder in Magazinen mit rein wissenschaftlich illustrierten Brustvergrößerungs-Dossiers gepflegt werden.

Handelt es sich beim spätabendlichen Dialog zwischen Politiker und Journalistin aber um einen Fall von Machtmissbrauch oder gesellschaftlichem Niedergang? Nein. Ein Senior hat schlichtweg schlechtes Benehmen zelebriert. Wäre Brüderle ein Gentleman, hätte er sich spätestens am nächsten Morgen entschuldigt und aus dem Vorgang gelernt, derlei Peinlichkeiten fortan zu unterlassen.

Solche Sprüche gehören in Deutschland zum kulturellen Kanon

Der Fall illustriert weniger einen Skandal als vielmehr einen kulturellen Graben. Auf der einen Seite eine junge Frau, die auch an der Hotelbar gutes Benehmen und professionelle Distanz erwartet. Auf der anderen Seite Brüderle, wo die Anzüglichkeit zum kulturellen Kanon gehört; kein Kuhstall, in dem sich nicht eine Parallele ziehen ließe. Der Mann im Pensionsalter steht für ein verklemmtes Mario-Barth-Deutschland, das diesen Stil zwischen Euter und Tanzkarte, bekannt aus "Vom Winde verweht" übrigens, für volkstümlichen Charme hält. Weite Teile der deutschen Comedy-Kultur basieren auf diesem Witzesystem, der Kölner Karneval ebenso wie das Privatfernsehen. Niemand ist gezwungen, bei diesem Niveau-Limbo mitzumachen. Verboten ist das Gezote nicht, sondern einfach nur langweilig.

Zusammenprall der Kulturen

Nun kommt es bisweilen zum Zusammenprall der Kulturen, wie an jener legendären Hotelbar. Hier herrschten keine Macht- oder Abhängigkeitsverhältnisse, sondern unvereinbare Vorstellungen von Benimm. Und man wünscht sich moderne Frauen, die in dieser Situation Coolness beweisen. Die Dame kann dem anzüglichen Herrn etwa mit tückischem Verständnis die Glatze tätscheln ("Ich möchte Ihrem Infarkt nicht beiwohnen"), ihn auf das Bezahlfernsehen im Zimmer hinweisen oder die schöne alte Kulturtechnik der Ohrfeige wiederbeleben.

Die Geschichte ist moralisch fragwürdig

Sich aber ein Jahr später an den Fauxpas erinnern und in einer Mops-Postille zufällig dann platzieren, wenn der Betroffene zum Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl erhoben wurde, das ist moralisch nicht weniger fragwürdig als Brüderles Gequatsche.

Und jetzt kommt die wahre journalistische Verantwortung ins Spiel. Wenn jede Peinlichkeit zum Monsterskandal hochgesungen wird, verliert das wirklich Empörende an Aufmerksamkeit. Es gibt zahllose skandalöse Vorgänge, sei es Kinderprostitution, Missbrauch von Schutzbefohlenen oder der perfide Druck, dem Frauen am Arbeitsplatz ausgesetzt sind.

Dies Arge aber verschwindet im ewigen Strom ritualisierter Empörung, wenn eine Gesellschaft auch die kleinen Dinge riesengroß macht. Wir Journalisten sollen der Welt sagen, was wichtig ist. Das fragwürdige Benehmen älterer Herren gehört nicht zwingend dazu.

Ganz anders als Hajo Schumacher beurteilt Judith Luig die Brüderle-Geschichte. Sie hält die Veröffentlichung nicht nur für in Ordnung - sondern für absolut notwendig.

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