Zollkonflikt, zurückhaltende Verbraucher und verunsicherte Unternehmer hinterlassen deutliche Bremsspuren bei der Konjunkturentwicklung in Deutschland. Neuen Berechnungen des Statistischen Bundesamts zufolge ist die hiesige Wirtschaft zwischen April und Ende Juni stärker geschrumpft als zunächst erwartet. Wichtige Fragen und Antworten.
Was sind die Gründe für das stärker geschrumpfte BIP?
Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ging im Vergleich zum ersten Quartal um 0,3 Prozent zurück. Zunächst hatte die Behörde für den Zeitraum lediglich einen Rückgang um 0,1 Prozent errechnet.
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Im Inland ließen Investitionen in Bauten, Maschinen und Fahrzeuge durch Unternehmen deutlich nach, die Industrieproduktion entwickelte sich schlechter als zunächst angenommen und auch der private Konsum blieb hinter den ursprünglichen Erwartungen zurück.

Mit Blick auf den Export bremst die erratische Handelspolitik der USA die deutsche Industrie. „Zum Jahresauftakt kam es zu vielen vorgezogenen Käufen und entsprechend stärkeren Exporten. Im zweiten Quartal war die Nachfrage nach deutschen Produkten vor allem aus den USA entsprechend schon gesättigt und die Ausfuhren haben sich schwach entwickelt“, sagte die Konjunkturexpertin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), Geraldine Dany-Knedlik, dieser Redaktion.
Das heißt auch: Die von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) angekündigte Wirtschaftswende lässt weiter auf sich warten. Die Bundesregierung hatte geplant, mit „Wachstumsbooster“ und „Bauturbo“ die Wirtschaft anzukurbeln, hinzu kommen milliardenschwere Sondervermögen. Doch nach den ersten 100 Tagen der Koalition aus CDU/CSU und SPD unter Führung sind viele ernüchtert.
Sind die Maßnahmen also verpufft?
Für diese Bewertung ist es zu früh. Der Wachtsumsbooster etwa setzt Investitionsanreize durch verbesserte Abschreibungsbedingungen. Bis die Unternehmen die Investitionen aber tatsächlich tätigen, kann durchaus Zeit vergehen. Die vorgesehene Absenkung der Unternehmenssteuer soll zudem erst ab 2028 kommen.

Durch den Bauturbo können Städte und Kommunen beispielsweise auf das Aufstellen eines Bebauungsplans verzichten. Das spart Zeit und Bürokratie. Trotzdem ist der Bauprozess langwierig, Effekte werden auch hier erst mittelfristig zu spüren sein.

Donnerstag
Wirtschaft in Berlin
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Hinzu kommt: Beide Maßnahmen wurden erst im zweiten Quartal vom Kabinett beschlossen – zu spät, um überhaupt nennenswerte Effekte für die BIP-Entwicklung in diesem Quartal zu haben.
Wann kommt der Aufschwung?
Ökonomen gehen grundsätzlich davon aus, dass sich die staatlichen Milliarden für Verteidigung und Infrastruktur die Wirtschaft bald auch in besseren BIP-Zahlen erkennen lassen werden. „Die sich anbahnenden Einigung der über Handelsbedingungen zwischen der EU und USA und vor allem die geplanten massiven Investitionen in die Infrastruktur und Verteidigung dürften der Wirtschaft zum kommenden Jahreswechsel Schwung verleihen“, so DIW-Expertin Dany-Knedlik.
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Auch Top-Ökonomin und Wirtschaftsweise Veronika Grimm rechnet damit, dass noch Geduld nötig ein wird. Sie sagte dieser Redaktion: „Die erneut sinkende Wirtschaftsleistung ist kein gutes Zeichen. Auch im laufenden Quartal ist kaum mit einem Wachstum zu rechnen. Deutschland wird 2025 voraussichtlich stagnieren.“
Grimm nahm auch die Politik in die Pflicht. „Aktuell bleiben fast alle wichtige Reformen aus, weil sich die SPD und auch Teile der CDU/CSU dagegen sperren. Das führt dazu, dass keine Wachstumsdynamik entsteht und außerdem die zusätzliche Verschuldung umfangreich in konsumtive Staatsausgaben fließt“, bemängelte sie. Die Bundesregierung müsse sich nun deutlich entschlossener der Wirtschaftspolitik widmen. „Bisher entfacht sie im besten Fall lediglich ein Strohfeuer durch die schuldenfinanzierten Investitionen“, fasste die Wirtschaftsweise zusammen.
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Wie reagiert die Politik?
Innerhalb der Koalition glaubt man daran, dass beschlossene Maßnahmen ihre Wirkung entfalten werden. „Die strukturellen Herausforderungen lassen sich nicht über Nacht lösen. Unsere angestoßenen Reformen brauchen Zeit, aber werden wirken“, sagte SPD-Fraktionsvize Armand Zorn dieser Redaktion. Gleichzeitig betonte der Politiker, sich Sorgen zu machen über die länger anhaltende Stagnation. Man nehme das ernst. „Eine starke Wirtschaft ist essenziell, um Wohlstand, Fortschritt und gute Löhne zu sichern. Den Wirtschaftsmotor wieder auf Hochtouren zu bringen und die industrielle Produktion in Deutschland zu fördern ist deswegen auf absehbare Zeit unser wichtigster Fokus“, erklärte er weiter.
Warum müssen die Statistiker Zahlen revidieren?
Das ist durchaus üblich. Das Statistische Bundesamt gibt zeitnah nach Quartalsende eine erste Schätzung bekannt, wie sich die Wirtschaft in diesem Zeitraum entwickelt hat. Wenige Wochen später, wenn die Daten konkreter geworden sind, erfolgt eine Revision. Abweichungen von 0,2 Prozent sind dabei nicht gänzlich unüblich, meist bewegt sich die Abweichung aber zwischen minus und plus 0,1 Prozentpunkten oder die Schätzung wird bestätigt.
Für Aufsehen sorgte zuletzt aber eine jahresübergreifende große Revision der Wiesbadener Behörde. Dadurch ergaben sich Veränderungen: In den Jahren 2023 und 2024 war demnach die deutsche Wirtschaftsleistung noch deutlicher geschrumpft als zunächst ermittelt. Für 2023 steht nun ein Minus von 0,9 Prozent (bisher: minus 0,3) in der Statistik, 2024 ging das Bruttoinlandsprodukt um 0,5 Prozent (0,2) zurück.
Die deutliche Revision hat auch Folgen für die Konjunkturprognosen für das laufende Jahr. So weisen die revidierten Daten für das vierte Quartal 2024 nicht mehr ein Minus von 0,2 Prozent aus, sondern ein Plus von 0,2 Prozent. Für das erste Quartal 2025 wurde das bisherige Wachstum von 0,4 auf 0,3 Prozent nach unten revidiert. DIW-Expertin Dany-Knedlik: „Die revidierten Zahlen des BIP passen im Grunde besser zu anderen wichtigen Wirtschaftskennzahlen, die eine Rezession angedeutet haben in den Jahren 2023 und 2024.“ Die Zahlen würden auch nahelegen, dass sich die deutsche Wirtschaft seit dem vorherigen Winter wieder auf einem aufsteigenden Ast befände.









