Bundesliga

Union behält einen kühlen Kopf

Union hat den Weg zum Klassenerhalt eingeschlagen, weil der Aufsteiger nicht nur gegen Hertha eine besondere Mischung offenbarte.

Unions Christian Gentner (r.) setzt sich gegen Herthas Rekordeinkauf Dodi Lukebakio durch.

Unions Christian Gentner (r.) setzt sich gegen Herthas Rekordeinkauf Dodi Lukebakio durch.

Foto: O.Behrendt via www.imago-images.de / imago images/Contrast

Berlin. Knapp ein Drittel der Bundesliga-Saison 2019/20 ist gespielt. Und nach zehn von 34 Spieltagen ist es durchaus üblich, ein erstes Zwischenfazit zu ziehen. Jenes für den 1. FC Union übernimmt Robert Andrich, Mittelfeldspieler der Köpenicker: „Wir haben jetzt zehn Punkte, und das bei diesem Auftaktprogramm. Ich glaube, wir können jetzt schon sagen, dass wir in der Bundesliga angekommen sind.“

Andrichs Trainer Urs Fischer zählt zu jenen, die eher selten während einer laufenden Spielzeit Bilanz ziehen. Folglich sieht der Schweizer auch „eine Tendenz. Die Spiele zeigen eine gewisse Entwicklung, die Mannschaft findet sich immer besser zurecht.“

Gerade für einen Aufsteiger, noch dazu einem kompletten Neuling im Fußball-Oberhaus, spielen die Nerven eine entscheidende Rolle. Wer sie im Griff hat, ist auch in der Lage, seine fußballerischen Qualitäten abzurufen, in den entscheidenden Momenten die richtigen Entscheidungen zu treffen oder sich nicht von der Atmosphäre im Stadion rettungslos mitreißen zu lassen.

Fischer propagiert kontrollierte Emotionen

Die Union-Profis scheinen ihre Nerven im Griff zu haben, wie vor allem die vergangene Woche gezeigt hat. Mehr noch, sie scheinen ein wirkungsvolles Rezept gefunden zu haben, um im Mai den erhofften Klassenerhalt feiern zu können.

Kaum ein Tag vergeht, an dem Fischer nicht fast schon dogmatisch wissen lässt: „Es ist wichtig, das wir Emotionen mit ins Spiel bringen, aber sie auch kontrollieren.“ Gerade die Auftritt beim FC Bayern (1:2), drei Tage später im DFB-Pokal beim SC Freiburg (3:1), erst recht aber im Derby gegen Hertha BSC (1:0) haben die Spieler gezeigt, dass sie ihrem Coach gut zugehört haben.

In München ließ sich Union nicht von der Größe des Gegner beeindrucken, sondern konzentrierte sich vor allem auf sich selbst. In Freiburg agierten die Köpenicker unspektakulär, aber effektiv. Und gegen Hertha gelang es, trotz des Pyro-Irrsinns gerade aus dem Gästeblock den Fokus auf das Spiel nicht zu verlieren.

„Die Erwartungshaltung erleichtert die Arbeit“

Sinnbildlich sei hier Sebastian Polter genannt, der am vergangenen Sonnabend vor seinem verwandelten Elfmeter stoisch darauf wartete, dass Schiedsrichter Deniz Aytekin seine richtige Entscheidung durch den Videobeweis bestätigt sah.

„Die realistische Erwartungshaltung macht unsere Arbeit leichter“, sagt Christian Genter. Der Mittelfeldspieler weiß, wovon er redet. In der vergangenen Saison haben überzogene Erwartungen dazu beigetragen, dass der VfB Stuttgart in die Relegation musste und gegen Union abgestiegen ist.

Bei Union hätten diese äußeren Einflüsse „nicht so die große Auswirkung. Das ist keine Garantie, dass wir deswegen die Liga halten, aber ein großer Pluspunkt im Kampf um den Klassenerhalt“, erklärt Gentner.

Unions Gentner lobt gestiegenen Mut

Ein zweiter Grund sei laut Gentner, „dass wie die Niederlagenserie in der Länderspielpause weggesteckt haben, das kann einen schon ganz schön stressen“. Union hatte vor der Pause im Oktober vier Mal in Folge verloren. Doch Trainer Fischer konnte die zwei Wochen Pause nutzen, um die Niederlagen in Ruhe aufzuarbeiten. „Auch weil die Erwartungen nicht in Richtung Europapokal gehen“, so Gentner.

Die Mannschaft konnte sich so ihrer Stärken besinnen und in der Trainingsarbeit ihren Fehlern widmen. Gentner jedenfalls sieht Union auf dem richtigen Weg. „Von der Kompaktheit hatten wir schon in den Wochen zuvor ordentlich agiert, aber es gab immer wieder Kleinigkeiten, die schneller bestraft wurden“, verdeutlicht der 34-Jährige.

Nicht nur gegen Hertha „kam nun auch Mut dazu. Das hat die Mannschaft gut hinbekommen“, lobt Gentner. Mut, der auch im Spiel beim FSV Mainz 05 am Sonnabend (15.30 Uhr, Sky) gefordert sein wird.

Unions Profis sind bereit

Mut für eigene Offensivaktionen, ohne die Defensive zu vernachlässigen. Emotionen ja, aber nicht kopflos. „Die Mischung zwischen Druck machen und Absicherung ist inzwischen da“, sieht auch Unions Kapitän Christopher Trimmel eine Entwicklung: „Wir wollen hinten immer mindestens einen Spieler mehr haben als der Gegner.“

Hinzu kommt „das Bewusstsein, dass du bereit sein musst. Wie in Freiburg, wo die Mannschaft auf sechs Positionen verändert wurde. Das funktioniert in dieser Gruppe total gut“, berichtet Gentner aus dem Innenleben des 33-Mann-Kaders. Und wieder: Emotionen, nicht von Beginn an oder gar nicht spielen zu dürfen – ja.

Doch beim Umgang mit der Situation bewahrt die zweite und dritte Reihe einen kühlen Kopf, kanalisiert die Emotionen in Trainingsleistungen, statt die Unzufriedenheit störend nach außen zu richten.

Trainer Fischer sieht steinigen Weg

In der Fischer-Ära wird Zusammenhalt groß geschrieben, wie die Pokalwoche erneut gezeigt hat. „Wir waren fünf Tage zusammen, konnten viele Gespräche führen. Das hilft auch, den Teamgeist weiterzuentwickeln. Die Solidarität, die gelebt wird – auch da haben wir Fortschritte erzielt“, sagt Fischer.

Keine Frage, Union scheint seinen Weg für eine erfolgreiche Premierensaison in der Bundesliga gefunden zu haben. „Wir sind ein Stück weiter“, erklärt Fischer, „das garantiert dir aber nicht, dass es immer so weiter geht.“

Der Trainer ist sich sicher: „Es wird auch wieder Rückschläge geben. Dieser Weg ist nach wie vor steinig und holprig. Wir müssen uns auch nichts einbilden aufgrund des Sieges gegen Hertha. Die drei Punkte waren für mich viel wichtiger als die Stadtmeisterschaft oder der Derbysieg. Oder wie immer man es nennen mag.“

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