Bundesliga

Unions Gikiewicz: „Meine Frau sagte: Du bist ein Idiot“

Union-Torwart Gikiewicz spricht über den Pyro-Irrsinn im Derby und erklärt, warum er sich den Fans auf dem Rasen entgegenstellte.

Union-Torwart Rafal Gikiewicz weist vermummten Union-Fans den Weg zurück auf die Tribüne.

Union-Torwart Rafal Gikiewicz weist vermummten Union-Fans den Weg zurück auf die Tribüne.

Foto: Bernd K nig via www.imago-images.de / imago images/Bernd König

Berlin. Der Pyro-Irrsinn im Derby gegen Hertha BSC, die Szenen nach dem Abpfiff, als vermummte Fans des 1. FC Union über den Zaun vor der Tribüne auf das Spielfeld der Alten Försterei gesprungen waren, um sich in Richtung Gäste-Block aufzumachen – auch drei Tage nach dem 1:0 des Aufsteigers aus Köpenick brodelte es noch bei Union-Torwart Rafal Gikiewicz.

„Wir sollten eigentlich über unser Spiel und unseren Sieg sprechen, stattdessen reden alle nur darüber“, sagte der Pole. Darüber, wie er sich nach Abpfiff jenen Chaoten in den Weg gestellt hatte, um sie wieder vom Rasen zurück auf die Tribüne zu schicken, oder besser gesagt: zu brüllen.

„Ich habe laut ‚Raus!‘ gerufen, auf Deutsch, Polnisch und Englisch“, berichtete Gikiewicz: „Wir wollten den Erfolg mit unseren Fans feiern, aber einige wollten nur Show machen, das verstehe ich nicht.“ Mit ausgebreiteten Armen hatte sich der Torwart dem Mob entgegengestellt, der sich dann auch tatsächlich wieder zurückzog.

Gikiewicz fordert respektvollen Umgang

„Warum müsst ihr aufs Spielfeld? Berlin ist jetzt ein halbes Jahr rot, fertig“, rief Gikiewicz am Sonnabendabend. Auch am Dienstag zeigte er noch sein Unverständnis für die Aktion: „Warum machen sie so blöde Sachen, kommen mit Maske auf den Platz. Das verstehe ich nicht.“

Von seinen Teamkollegen war er nur schwer zu beruhigen. Union-Verteidiger Christopher Lenz gelang es schließlich – wenn auch mit Mühe – Gikiewicz zu bremsen. „Er kennt Gikiewicz, weiß, dass in ihm viele Emotionen stecken. Er hat gesagt, das musst du nicht machen, aber ich wollte nur, dass sie zurückgehen.“

Selbst als er von einem jener Unverbesserlichen am Hals gepackt wurde, ließ Gikiewicz nicht locker. „Er ist nur 1,50 Meter groß. Aber ich bin jetzt 18 Monate hier und habe Respekt vor unseren Zuschauern. Die Zuschauer sollten auch Respekt vor Gikiewicz haben“, sagte der 32-Jährige.

Union-Torwart wird für seine Courage gefeiert

Noch im Stadion mit lauten Sprechchören, später auch in den sozialen Netzwerken wurde Gikiewicz für seine Courage und sein Eingreifen gefeiert. „Wir wollen die Klasse halten. Wenn wir aber eine Strafe bekommen und auswärts ohne Fans spielen müssen, ist das viel schlimmer für uns.“

Angst habe er in diesem Moment keine gehabt. „Ich kenne viele von ihnen, sie kommen zu jedem Auswärtsspiel und stehen hinter meinem Tor. Aber wenn die Polizei eingreifen muss, wird es vielleicht noch aggressiver. Wir brauchen nicht noch mehr Strafen und Probleme“, begründete Gikiewicz sein Handeln.

Zumal er mit solchen Situationen aus seiner Heimat bestens vertraut ist. Auch beim Derby zwischen Slask Breslau und Zaglebie Lubin „sind immer viele Emotionen“. Gikiewicz spielte dreieinhalb Jahre für Breslau (Wroclaw), ehe er 2014 zu Eintracht Braunschweig wechselte. Von dort ging es über den SC Freiburg im Sommer 2018 zu Union.

„Einer könnte ein Messer dabei haben“

Kritik für sein Verhalten musste er dennoch einstecken. „Meine Frau sagte zu Hause: Du bist ein Idiot, du kannst verletzt werden, einer könnte ein Messer dabei haben“, erzählte der 1,90-Meter-Mann, „aber es war ein Impuls. Ich bin schon ein bisschen verrückt, aber positiv verrückt.“

Den gleichen Impuls hatte auch Siegtorschütze Sebastian Polter, der mithalf, die fehlgeleiteten Union-Fans rechtzeitig zu stoppen. Es sei, so der Union-Stürmer, „auch unsere Aufgabe, die Fans vor Dummheiten zu bewahren, die dem Verein schaden könnten“.

Für Unions Mittelfeldspieler Christian Gentner war es in den Momenten nach dem Schlusspfiff „einfach wichtig, dass wir das gelöst bekommen haben, die Jungs schnell zur Vernunft kamen und wieder auf ihre Plätze zurück sind“.

Gikiewicz’ Familie verließ Tribüne aus Sorge

Ihre Plätze verlassen hat hingegen Gikiewiczs Familie, weil aus dem Hertha-Block immer wieder Raketen in Richtung Haupttribüne abgefeuert wurden. Auch Polters Kinder und Freundin hatten das Derby vom Innenbereich der Haupttribüne aus weiter verfolgt.

„Es ist zu viel Pyro, das ist nicht normal“, sagte der Torwart, der zugab: „Ich habe auch ein bisschen Angst bekommen.“ Vor allem, als er in der zweiten Halbzeit vor dem Hertha-Block spielen musste. „Vielleicht schießen sie mir ja in den Rücken“, verdeutlichte Gikiewicz. Angesichts der Tatsache, dass Raketen auch in Richtung Union-Trainerbank abgefeuert wurden, eine verständliche Sorge.

Fakt ist: Nicht nur nach der Partie, als die Situation zu eskalieren drohte, sondern auch während des Spiels hat sich Gikiewicz als der erhoffte Rückhalt erwiesen. Seinem Ziel, in dieser Saison acht Mal zu Null spielen zu wollen, ist er mit seiner zweiten Partie ohne Gegentor (zuvor 2:0 gegen den SC Freiburg) ein Stück näher gekommen.

Gikiewicz mit zweitem Spiel ohne Gegentor

„Wir haben schnell gespielt, mit zwei, drei Ballkontakten, hatten mehr Ballbesitz. Hertha hatte keinen Plan, sie wussten nicht, was sie machen sollten. Vor der Saison hieß es, Hertha freue sich auf sechs Punkte gegen Union, jetzt sind sie bei minus drei“, erklärte Gikiewicz, dessen Ziel die EM-Teilnahme mit Polen im nächsten Jahr bleibt.

Wobei er auch einen Job als Türsteher nicht ausschloss, wie er mit einem Schmunzeln verriet. „Robert Andrich hat so etwas gesagt. Aber dann muss der Job auch gut bezahlt werden.“

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