Zweite Liga

Union-Trainer Jens Keller zündet die zweite Stufe

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Michael Färber
Jens Keller ist bereit für sein zweites Trainerjahr beim 1. FC Union

Jens Keller ist bereit für sein zweites Trainerjahr beim 1. FC Union

Foto: Soeren Stache / dpa

Wie Union-Trainer Jens Keller seine Mannschaft auf eine Zweitliga-Saison vorbereitet, die vom Bundesliga-Aufstieg gekrönt werden soll.

Berlin.  Für Reisen in die Zukunft ist Jens Keller nicht zu haben. Wichtig ist für den 46-Jährigen das Hier und Jetzt. Das lässt ihn bodenständig erscheinen. Zumindest gibt der Trainer des 1. FC Union sich so, darauf angesprochen, wie wichtig für ihn persönlich der Aufstieg in die Bundesliga wäre. „Ich habe Spaß an meinem Job, schaue aber nicht in die Ferne. Ich sehe zu, dass ich das Beste gebe, wie die Mannschaft in jedem Training konzentriert bin und meine Arbeit zu hundert Prozent mache“, erklärt der Trainer: „Was dann dabei rauskommt, wird man sehen.“

Es ist die zweite Saison, in die Keller als Verantwortlicher an der Seitenlinie beim Berliner Fußball-Zweitligisten geht. Eine Spielzeit, die gleich mit einem echten Wahrsager beim FC Ingolstadt (13 Uhr, Sky) beginnt. Für Keller „kein Problem, weil beide Mannschaften auch noch nicht hundertprozentig wissen, wo sie stehen“.

Um dies Herauszufinden, ist eine Reise in die Vergangenheit nötig. Fünfeinhalb Wochen hat Keller seine Profis laufen, passen, sich kräftigen, regenerieren und in acht Testspielen siegen lassen. Anders als bei seiner ersten Vorbereitung vor einem Jahr, als sich die Spieler erst an den Coach und seine Spielidee gewöhnen mussten, wurde nun bei jeder Trainingseinheit in den vergangenen 37 Tagen klar: Keller zündet die zweite Stufe seines Aufstiegsplans. Union soll abheben, ohne abzuheben. In die Erstklassigkeit, aber mit klarem Kopf. „Die Erwartungshaltung ist deutlich höher“, weiß Keller. Er kann das Einschätzen, als früherer Bundesliga-Coach beim VfB Stuttgart und vor allem bei Schalke 04 hat er erfahren, was wirklicher Erfolgsdruck bedeutet.

Der 46-Jährige ist gelassen trotz gestiegener Erwartungen

Diesen Druck, den er nun bei Union verspürt und der viel mehr durch Hoffnung als durch Zwang genährt wird, hat er selbst iniziiert. Über die Mannschaft, über Platz vier in der Vorsaison und den wohl besten Fußball, den es bislang in der Alten Försterei gegeben hat. „In diesem Jahr sind gewisse Vorzeichen gegeben aufgrund der vergangenen guten Saison, die wir gespielt haben. Die Erwartungshaltung macht mich aber nicht unfassbar nervös, und die Mannschaft auch nicht“, glaubt Keller. Seine Einschätzung stützt sich dabei auf drei Säulen: Erfahrung, Erfahrung und Erfahrung.

Zum einen ist da die Erkenntnis aus dem spielerischen Schritt, den die Köpenicker gemacht haben. „Die Mannschaft hat gesehen, welche Qualität sie hat und was sie in der Lage ist zu leisten, wenn sie frei aufspielen kann, mit Herz und ohne groß nachzudenken“, sagt Keller. Um so wichtiger war es für ihn, nach dem Bau der ersten Stufe, die dem Team bei der Balleroberung mittels Pressing und Gegenpressing den nötigen Schub gegeben hat, nun für einen Schubkraftverstärker zu sorgen. „Wir wollen Ideen haben, wie wir Tore erzielen“, so Keller. Den Gegner andribbeln, direkt den Weg zum Tor suchen – Elemente, die Defensivreichen zum bersten bringen sollen.

Dann ist da die Erfahrung aus der Talsohle, die Union im letzten Saisondrittel erlebt hat und durch die die Profis nun gewachsen sein dürften. „In den entscheidenden Situationen vorige Saison war die Mannschaft überfordert und hat zuviel nachgedacht“, erklärt Keller. Eine Reaktion, die er durchaus erwartet hatte, weshalb er in der Vorbereitung oft eine Mischung aus Spielverhalten, Wahrnehmung und Koordination trainieren ließ, um unter Druck aufstiegsreif reagieren zu können.

Stammspieler sind geblieben, die Qualität wurde erhöht

Schließlich setzt er auf die Erfahrung, die die Zugänge vor allem in der Defensive mitbringen. Marc Torrejon (31) und Christoph Schösswendter (28) dürfte in der Innenverteidigung wenig aus der Ruhe bringen. Akaki Gogia (25) belebt die Offensive, die jungen Marcel Hartel (21), Peter Kurzweg (23) und Grischa Prömel (22) im Minimum den Konkurrenzkampf. „Wir haben den Kader geändert auf einigen Positionen und Qualität dazugeholt. Aber wir müssen erst wieder eine Mannschaft werden“, sagt Keller: „Wie gut sie dann funktioniert, zeigt sich immer erst bei Rückschlägen, wie sie dann zusammenhält und da wieder rauskommt.“

Wie stark sich Union bereits auf die Bundesliga fokussiert, zeigt sich im Kleinen. Und im Großen. Die Stadionpläne, die Mitte Juni per überdimensionaler Videoanimation eine Alte Försterei mit 37.000 Plätzen offenbarten, haben den Glauben an einen Aufstieg auch bei den Fans gesteigert. Derart, dass die Macher des Union-Saisonprogrammheftes das Foto eines Fan-Transparents aus der Vorsaison auf eine klare Botschaft an die Liga beschnitten: Wir steigen auf!

„Wenn wir aber nur darüber reden, bringt uns das nicht weiter. Wir müssen immer wieder konzentriert trainieren und auch im Spiel konzentriert sein, nicht nur eine Woche, sondern 34 Spieltage“, mahnt Keller. Wohl wissend: „Wenn man Vierter wird, nur einen Stammspieler (Roberto Puncec nach Rijeka, d.Red.) abgibt und sich noch verstärkt, sagt jeder, wir sind oben dabei. Aber diese Erwartung haben wir auch an uns selbst.“

Eine Zeitreise gönnt sich Keller schließlich doch. Sein Vertrag läuft am Saisonende nach zwei Jahren aus, und welcher Grund für eine Weiterbeschäftigung wäre größer, als der Sprung in die Bundesliga? „Ich bin ehrgeizig und möchte es packen, klar“, sagt Keller schließlich. Ganz bodenständig.