Saisonvorbereitung

Bei Union herrscht jetzt eiskalter Wettbewerb

Das Trainingslager des Zweitligisten ist von Konkurrenzkampf geprägt. Trainer Keller wandelt damit auf den Spuren von Joachim Löw.

Stephan Fürstner kämpft bei Union um den wichtigen Platz im defensiven Mittelfeld

Stephan Fürstner kämpft bei Union um den wichtigen Platz im defensiven Mittelfeld

Foto: City-Press / picture alliance / City-Press Gb

Bad Kleinkirchheim.  „Hallo, ich bin Andy.“ Die Offenheit, mit der er seinem Gesprächspartner gegenübertritt, ist ebenso entwaffnend wie die anschließende Verwunderung groß ist. Denn im Namen Akaki Gogia kommt gar kein Andy vor. Der Spitzname, mit dem sich der neue Offensivmann des 1. FC Union vorstellt, ist ein Überbleibsel aus der Vergangenheit, aus den ersten Jahren in Deutschland, nachdem ein neunjähriger Bursche mit seinen Eltern 2001 aus Georgien ausgewandert war. „Damals habe ich die deutsche Sprache noch nicht so verstanden und bin wegen meines Vornamens auch oft gehänselt worden“, sagt Gogia. Ganz offen.

Selbstbewusst und doch locker sitzt er in der Lobby des Hotels „Die Post“ in Bad Kleinkirchheim, als er von der Geburt jenes Andys mit deutschem Pass erzählt. Die Botschaft, die der inzwischen 25-jährige Fußballprofi mitgebracht hat, ist ein Rundschreiben an die gesamte Mannschaft des Zweitligisten: „Ich bin zu Union gekommen, um die Qualität nach oben zu schrauben – wenn es geht.“

Akaki Gogia ist im Mittelfeld überall einsetzbar

Gogia ist ein wichtiger Baustein im Kaderkonstrukt von Jens Keller, in dem der Coach auf den Spuren von Joachim Löw wandelt. Der Bundestrainer schickte beim Confed Cup in Russland ein Perspektivteam ins Rennen, um eine neue Konkurrenzsituation für die Etablierten beim Weltmeister zu schaffen. Der Titelgewinn hat ihm recht gegeben.

Ähnlich ist die Transferpolitik bei den Köpenickern in diesem Sommer ausgelegt. Bis auf Roberto Puncec – der Innenverteidiger hat Union auf eigenen Wunsch in Richtung HNK Rijeka/Kroatien verlassen – gab Union ausschließlich Spieler ab, die kaum eine Rolle gespielt haben. Die Stammformation in der Vorsaison stellte sich praktisch von allein auf und erreichte mit Rang vier die beste Platzierung der Klubgeschichte. Doch ein Ausruhen auf diesen Meriten kann und darf es nicht geben, wenn der Aufstiegstraum in dieser Saison realisiert werden soll. Deshalb wurden neben Gogia vornehmlich junge, talentierte Spieler verpflichtet, die Keller formen kann und die den Stammkräften Druck machen sollen.

So darf man gespannt sein, wer sich im Kampf um den wichtigen Platz im defensiven Mittelfeld durchsetzt. Stephan Fürstner (29) hatte die Position inne, auch Dennis Daube (27) durfte als Ersatzmann auf der Sechs ran. Doch Fürstner sieht sich von Hause aus eher als Abräumer, und Daube hatte trotz seiner Qualitäten in der Spieleröffnung noch viel Luft nach oben. Mit Grischa Prömel wurde nun ein Profi geholt, von dem sich Keller beides erhofft: defensive Stabilität und offensive Elemente. Oder eben eine Leistungssteigerung des Duos Fürstner/Daube. Ein Schachzug, der aufgehen könnte, besitzt Prömel trotz seiner 22 Jahre doch schon einiges an Erfahrung: Der ehemalige Karlsruher gehört zu jenem Team, das bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro 2016 die Silbermedaille gewann.

Auch Kristian Pedersen (22) weiß, dass er nicht mehr automatisch der Startelf angehört. Schon in der vergangenen Spielzeit konnte er in der Rückrunde (auch wegen einer Oberschenkelverletzung) nicht mehr an die wirklich guten Leistungen der Hinrunde anknüpfen. Echte Alternativen gab es für Keller jedoch nicht. Das hat sich durch den Transfer von Peter Kurzweg (23) geändert. Die „Axt von Giesing“ wird den Dänen fordern.

„Wir haben uns qualitativ deutlich verstärkt“, sagt Steven Skrzybski (24). Noch einer jener Platzhirsche, denen ihr Revier streitig gemacht wird, mit dem jungen Marcel Hartel (21) – und eben mit Gogia. „Für die Breite des Kaders ist das enorm wichtig. Es ist gut, dass man Konkurrenz spürt“, erklärt Skrzybski. Wohl wissend, dass ihm gerade mit Gogia ein echter Mitbewerber für den Platz im rechten Mittelfeld im Nacken sitzt. „Wenn ich ihn nicht kennen würde“, erklärt Skrzybski, „wüsste ich gar nicht, welches sein starker Fuß ist.“ Weil beide gleich stark sind. Das macht ihn ebenfalls zu einem Kandidaten für die Zentrale, in der Felix Kroos und Damir Kreilach bislang das Sagen hatten, als auch für die linke Seite.

Keine Frage, die Reviere werden sich verschieben. „Anders geht es auch nicht“, sagt Gogia, „der Konkurrenzkampf muss sein.“ Wenn der quirlige Dampfmacher von einer „guten Truppe“ spricht und damit sein „gutes Gefühl“ zum Ausdruck bringt, ist jedoch eines nicht zu leugnen: Union wird ihn nicht für rund eine Million Euro aus Dresden geholt haben, um den damit zweitreuersten Einkauf der Klubgeschichte (nach Sebastian Polter, 1.5 Millionen Euro) auf die Bank zu setzen.

Den Stamm der Fast-Aufsteiger behalten, neue Qualität hinzugewonnen – ist der Weg für Union in die Bundesliga damit schon geebnet? Gogia muss ein wenig lachen. „Das weiß nur der liebe Gott“, sagt der georgisch-orthodoxe Christ. Offen und ehrlich.