Kraftvoll und gleichmäßig stemmt Marc Torrejon das 16 Kilogramm schwere Gewicht über seinen Kopf – immer und immer wieder. Und man muss schon für einen Moment aufblicken, um sich zu vergewissern, dass man nicht am Venice Beach von Los Angeles steht, wo Bodybuilder ihre Kräfte zur Schau stellen, sondern auf einem Rasenplatz.

„In meiner gesamten Karriere habe ich immer Krafttraining gemacht, seit der A-Jugend“, erzählt Torrejon. Für Innenverteidiger sei das wichtig, „um körperlich stabil zu bleiben. Man darf nur nicht zu viel machen, sonst bekommt man zu viel Muskeln, und das Gewicht steigt.“ Spätestens wenn ein Ball ins Spiel kommt, sind letzte Zweifel ausgeräumt, Torrejon ließe nur seine Muskeln spielen. Das Rund gehorcht dem Spanier, beim Jonglieren mit dem Kopf, der Schulter, natürlich mit dem Fuß. Und schlägt der Katalane dann einen Pass in die Spitze, findet dieser oft seinen Mitspieler. Als ob er schon seit Jahren Profi des 1. FC Union ist und nicht erst seit Anfang Juli.

Weltmeister Carles Puyol war seine Inspiration

Marc Torrejon, 31 Jahre alt, in diesem Sommer vom Bundesligisten SC Freiburg gekommen, bringt die Erfahrung aus elf Jahren Profifußball mit – aus 164 Spielen in der Primeira Division (Espanyol Barcelona, Racing Santander) und 105 Partien in Bundes- und Zweiter Liga (1. FC Kaiserslautern, SC Freiburg). Wegweisend für seine Karriere war kein Geringerer als sein Landsmann Carles Puyol. Torrejon kommt ins Schwärmen, wenn er vom Weltmeister von 2010 erzählt. „Sein Willen, seine Einstellung, Zweikämpfe, Laufleistung – alles war top“, erklärt der Abwehrmann.

Aus der Ahnung, woher er selbst seinen Antrieb hat, ist längst Gewissheit geworden. Puyol habe „nie aufgegeben oder einen Ball verloren gegeben. In der zweiten Mannschaft von Barca hat Puyol zunächst rechts offensiv gespielt. Trainer Louis van Gaal hat ihn dann zur ersten Mannschaft geholt, als rechten Abwehrspieler, später als Innenverteidiger – und er hat jede Position gespielt, einfach so.“ Es ist dieser Teamgeist, den Torrejon auch bei Union einbringen will. Für die Mannschaft da sein, für den Erfolg.

Das heißt auch, Verantwortung zu übernehmen. So wie er es vor einem Jahrzehnt schon getan hat. Torrejon muss schmunzeln, wenn er auf das Uefa-Cup-Finale mit Espanyol Barcelona 2007 gegen FC Sevilla angesprochen wird. „Wir haben verloren, und ich habe einen Elfmeter verschossen. Wir waren schlecht beim Elfmeterschießen. Aber es war eine gute Erfahrung, auch wenn ich es in diesem Moment kaum glauben konnte.“ Damals schien für Torrejon eine Welt zusammenzubrechen, heute ist es für ihn vielleicht einer der wichtigsten Bausteine seiner Karriere. „Ich habe danach auch weiter Elfmeter geschossen. Bei Espanyol gab es damals einige Spieler, die gesagt haben: Ich schieße nicht. Ich finde aber, das ist eine ganz normale Verantwortung für einen Fußballspieler.“ Torrejon ging voran, mit seinen 21 Jahren.

Zuletzt hatte Union Pech mit erfahrenen Abwehrspielern

Führungsqualitäten, die sich nun Union von ihm erhofft. Bislang waren die Köpenicker nicht vom Glück verfolgt, wenn es um erfahrene Spieler ging, die der Abwehr Stabilität verleihen sollten. Mario Eggimann (2013 bis 2015 bei Union) und Emanuel Pogatetz (Januar 2016 bis Juni 2017) erwiesen sich als Fehlgriffe. Torrejon könnte nun der erhoffte Glücksgriff sein. Glück, dass Torrejon selbst gehabt hat, als er 2006 von Malaga zu Espanyol gewechselt ist. Auch wenn sein Herz seit jeher für den großen Rivalen der Stadt – den FC Barcelona – schlägt. „Das ist fast normal. In der Jugend bei Espanyol waren 90 Prozent Fan von Real Madrid oder dem FC Barcelona“, erzählt Torrejon, dessen Schwester Marta mit Spanien gerade um den EM-Titel in den Niederlanden spielt.

Die Erinnerung an damals zaubert ihm ein Lächeln ins Gesicht: „Du bist ein Kind von vier, fünf Jahren, und schaust Fußball. Und bei mir zu Hause lief immer Barca.“ Weil es mehr ist als nur ein Klub. „Barcelona hat viele Sportabteilungen, neben Fußball auch Basketball und Handball, sogar Baseball. Zudem gibt es viele Stiftungen außerhalb des Sports, mit denen Menschen in vielen sozialen Bereichen unterstützt werden“, sagt Torrejon.

Gesellschaftliches Engagement, das man auch in Köpenick kennt. Ist Union auch mehr als nur ein Klub? „Ich war ein paar Mal in der Altstadt von Köpenick, und da merkt man schon, dass Union überall zu finden ist“, sagt der Spanier. Auch wenn er erst wenige Wochen dabei ist, einmal musste er doch bereits mächtig staunen: „Die Stadionvorstellung war unfassbar. Ich habe noch nicht erlebt, dass so viele Fans zu so einer Präsentation kommen.“

Spanier kann Passstärke und Zweikampfhärte kombinieren

Der Wechsel aus dem beschaulichen Freiburg nach Berlin ist ohne Zweifel eine Umstellung. So wie jene im Jahr 2012, als er von Racing Santander nach Kaiserslautern ging. Er hat sie gemeistert, wie auch die Unterschiede zwischen spanischem und deutschem Profifußball. „In Deutschland geht es viel um Statistiken, wie viele Zweikämpfe man gemacht hat, wie viele Sprints. In Spanien habe ich diese Statistiken kaum gehabt“, sagt er. „In Spanien habe ich ein gutes Spiel gespielt, wenn ich viele Pässe nach vorn spielen konnte und wir viel Ballbesitz hatten. Hier gewinnst du zehn Zweikämpfe, doch wenn du einen verlierst und der noch zu einem Gegentor führt, hast du schlecht gespielt. In Spanien schaut man mehr auf fußballerische Dinge.“ Er versucht, eine Balance zu finde – zwischen offensiven Aktionen und defensiver Stabilität.

Die Erwartungshaltung an ihn wird dadurch nicht geringer, das weiß auch Formel-1-Fan Torrejon. Er könnte ein Grund sein, dass Union auf der Überholspur in Richtung Bundesliga fährt. „Besser sein zu wollen als vergangene Saison heißt, um den Aufstieg zu kämpfen. Das ist Druck, aber ein positiver. Und im Fußball gehört Druck dazu“, sagt Torrejon: „Ich finde, wir können das mit dieser Mannschaft schaffen.“ Marc Torrejon scheint für diesen Kraftakt gerüstet.