Bundesliga

Hertha vor der Zerreißprobe

Am Tag nach dem Rückzug von Jürgen Klinsmann herrschen bei den Hertha-Profis und im ganzen Verein Verunsicherung.

Zusammenstehen in stürmischen Zeiten: Die Hertha-Profis lauschen den Worten ihres Trainergespanns – ohne Klinsmann.

Zusammenstehen in stürmischen Zeiten: Die Hertha-Profis lauschen den Worten ihres Trainergespanns – ohne Klinsmann.

Foto: nordphoto / Engler / nordphoto

Berlin. Die meisten Spieler hatten sich ihren Schal bis an die Nase gezogen, bei vielen schaute nur noch die Augenpartie hervor. Sicher, es war kalt an diesem ungemütlichen Morgen. Der Wind blies stark, aber die Halsbedeckung diente einigen nicht nur als Abwehr der Kälte, sondern auch als Schutz gegen allzu neugierige Blicke.

Herthas Profis hätten sich am liebsten wohl versteckt, sie wussten ja, was nach dem überraschenden Rücktritt von Jürgen Klinsmann (55) als Trainer auf sie einprasseln würde. Eine Vielzahl an Kamerateams und Reportern hatte sich am Schenckendorffplatz eingefunden, um der Einheit am Tag nach Klinsmanns Flucht beizuwohnen.

Preetz, Gegenbauer und Windhorst stellen sich den Fragen

Was die handelnden Personen im sportlichen Bereich betrifft, hat sich der Berliner Bundesligist gerade zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verloren. Die Einheit leitete Alexander Nouri, unterstützt von Markus Feldhoff. Beide sind Überbleibsel der kurzen, aber aufwühlenden Klinsmann-Zeit. Dass Nouri die Mannschaft am Sonnabend voraussichtlich beim wichtigen Spiel in Paderborn (15.30 Uhr/Sky) als Interims-Chef betreuen muss, zeigt, wie unerwartet den Verein Klinsmanns Abgang trifft. Einen Nachfolger konnte Manager Michael Preetz in so kurzer Zeit unmöglich finden.

Preetz wird sich am Donnerstag im Rahmen einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz zu den jüngsten Entwicklungen äußern und womöglich auch dazu, wie es auf der Trainerposition weitergehen soll. Eine Rückkehr von Pal Dardai ist nahezu ausgeschlossen, gehandelt werden jene Namen, mit denen sich Herthas Manager schon im vergangenen Sommer beschäftigt hatte. Bruno Labbadia und Roger Schmidt. Auch Mark van Bommel, gerade beim PSV Eindhoven entlassen, soll ein Thema sein.

Hertha gibt nach außen ein chaotisches Bild an

Eine zentrale Frage bei der Besetzung dieser wichtigen Position lautet, wer sich von den Kandidaten überhaupt bereit erklärt, diese schwierige Aufgabe zu übernehmen. Nach außen gibt der Klub gerade ein chaotisches Bild ab, die Mannschaft ist verunsichert und steckt mitten im Abstiegskampf. Beim Werben um seine Wunschkandidaten hat Preetz nicht allzu viele Argumente auf seiner Seite. Aus Trainersicht ist die Gefahr, gerade in Berlin etwas zu verlieren, größer als die Chance, etwas zu gewinnen. Sollte Nouri in Paderborn siegen und die Mannschaft signalisieren, mit diesem Trainer weitermachen zu wollen, könnte auch er eine Alternative bis zum Sommer darstellen trotz seiner Nähe zu Klinsmann.

Neben Preetz werden sich Präsident Werner Gegenbauer und Investor Lars Windhorst am Donnerstag zur aktuellen Situation äußern. Hinter den Kulissen läuft die Aufarbeitung der zehn Wochen Jürgen Klinsmann bereits. Gegenbauer und Windhorst haben sich nach ersten Gesprächen darauf verständigt, in den kommenden Tagen über eine mögliche Rückkehr von Klinsmann als Aufsichtsrat zu beraten. Der Trainer hatte nach seinem Rücktritt angekündigt, wieder seiner ursprünglichen Tätigkeit nachkommen zu wollen.

Hält Investor Windhorst an Klinsmann fest?

Dass es dazu kommt, ist aber nicht mehr gesichert. Nach seinem überstürzten Rückzug ist Klinsmann innerhalb des Vereins und auch nach außen nur noch schwer vermittelbar. Vieles wird davon abhängen, ob Investor Windhorst weiter zu seinem Vertrauensmann steht. Rückt er von ihm ab, dürfte Klinsmann bei Hertha keine Zukunft haben. Auf der anderen Seite könnte ein Festhalten von Windhorst an Klinsmann Hertha vor eine Zerreißprobe stellen. Dass ausgerechnet derjenige die Personen mit beaufsichtigt, denen er mangelndes Vertrauen vorwirft, könnte grotesker nicht anmuten.

Zsolt Petry ist wieder Herthas Torwarttrainer

Abseits aller Zwistigkeiten auf der Führungsebene leitete am Mittwoch der von Klinsmann aussortierte Zsolt Petry erstmals wieder als Hauptverantwortlicher das Training der Torhüter. Hertha hatte am frühen Vormittag seine Rückkehr als Torwarttrainer der Profis verkündet. Max Steinborn, von Klinsmann zu den Profis befördert, kehrt wieder zur U 23 zurück.

Die Spieler nahm Petry gleich in die Pflicht. „Sie dürfen sich nicht davon abhängig machen, wer da vorne steht“, sagte er über eine mögliche Verunsicherung der Mannschaft. Die Stimmung während des Trainings war dennoch angespannt. Kaum ein Spieler wollte sich äußern, die meisten verschwanden wortlos in Richtung Kabine.

Winter-Zugang Cunha in Berlin gelandet

Mitten in dieser turbulenten Zeit landete Herthas neuester Zugang in Berlin. Matheus Cunha, für rund 18 Millionen Euro von RB Leipzig gekommen, kam gegen Mittag in der Hauptstadt an. Cunha hatte bis zum vergangenen Sonntag noch mit der brasilianischen U 23 erfolgreich an einem Qualifikationsturnier für die Olympischen Spiele teilgenommen. Der Angreifer gilt als ausdrücklicher Wunschspieler Klinsmanns. Dass der nun nicht mehr da ist, dürfte Cunhas Start bei Hertha BSC nicht unbedingt erleichtern.

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