Hertha BSC

So diskutieren Hertha-Fans den Rücktritt von Klinsmann

Am Dienstagabend finden in den Hertha-Fankneipen hitzige Debatten über den Rücktritt von Klinsmann statt.

Kommentar: Klinsmann hat Hertha geschadet

Klinsmanns überraschender Rückzug als Trainer ist im Stil dreist und gegenüber Hertha verantwortungslos, meint Sebastian Geisler.

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Etwa sieben Stunden nach Jürgen Klinsmanns Rücktritt als Trainer von Hertha BSC finden am Tresen der Hertha-Eckkneipe „Kugelblitz“ in Berlin-Wedding hitzige Debatten statt. An den Wänden hängen blau-weiße Fahnen, Schals und Graffiti, denn die Hertha-Fankultur ist hier normalerweise sehr lebendig.

Am Stammtisch des Hertha-Fanclubs „65er Baeren“ mit seinem traurig hängenden Wimpel herrscht heute jedoch gähnende Leere. Zu tief sitzt offenbar der Schock über die plötzliche Entscheidung des Cheftrainers, der nur 76 Tage im Amt war.

Jürgen Klinsmanns Rücktritt – Eine Schande, eine Blamage für Berlin

Bei den Stammgästen an der Theke ist dieser Schock mittlerweile eher dem Frust gewichen. Klaus Kuhfeld, der Chef der „Baeren“, ist auch da. Er hat am Morgen schon getrauert. Nun ist er zwar wieder etwas lockerer gestimmt, Klinsmanns Schritt kann er aber auch weiterhin nicht nachvollziehen. Es ist dabei vor allem die Art und Weise, die ihn stört. Nicht mit dem Verein abgestimmt und eigenmächtig über Facebook. „Das geht einfach gar nicht. So lässt man seine Spieler nicht im Stich“, so Klaus.

Der gesprächige Olli, der zwar selbst Unioner ist, aber als Berliner selbstverständlich mit der Hertha mitfiebert, stimmt ihm zu: „Es ist eine Schande, eine Blamage für Berlin. Die letzten Spiele hätte Klinsmann jetzt auch noch durchziehen können. Da geht es doch wieder nur um ihn. Typisch Klinsi. Er hat einfach zu dick aufgetragen mit Champions League und Big City Club, und es steckt nichts dahinter.“ „Der Klinsmann ist eben kein Trainer“, meint der grauhaarige Thomas mit seiner runden Brille, „sondern ein Visionär. Einfach zu viel für Berlin.“

Klinsmann „wollte nur ein Schweinegeld machen“

Dabei ist nicht unbedingt jeder im Schankraum gegen den Rücktritt an sich. Wirtin Christiane gibt zu, dass sie am Sonnabend nach der bitteren Niederlage gegen Mainz gesagt habe, dass der Klinsi gehen muss: „Weil er die Spieler nicht zusammenbringt. Aber ganz bestimmt nicht so. Er hätte der Mannschaft nicht vor den Koffer scheißen müssen.“ „Schuld sind diese ganzen internen Graben- und Machtkämpfe um den Windhund“, steuert Thomas bei, „da steigen wir selbst doch gar nicht durch.“

Verständnis für Klinsmanns Argument aufgrund mangelnden Vertrauens gegangen zu sein, herrscht im „Kugelblitz“ übrigens überhaupt nicht vor. „Ich finde es gut, dass Klinsmann erst mal richtige Leistung zeigen muss, bevor sein Vertrag verlängert wird. Warum auch nicht?“, so Klaus. „Räudige Sache, jetzt trotzdem noch im Aufsichtsrat zu bleiben. Was macht er denn nun mit den Leuten, die ihm angeblich nicht vertrauen?“, spekuliert Thomas. „Der wollte nur ein Schweinegeld machen“, sagt Olli, „wie damals bei den Bayern. Der bringt jetzt schön seine Schäfchen ins Trockene“.

Zwei Verschwörungstheorien zu Klinsmanns Hertha-Rücktritt

Das passt zu Klaus‘ Verschwörungstheorien. Immerhin brodelt die Fußball-Gerüchteküche der Fachwelt seit Klinsmanns Rücktritt gehörig, warum soll der Chef der „Baeren“ dann nicht auch mitmischen? Seine ernst gemeinte Theorie: „Der Klinsmann hatte Angst, die nächsten Spiele zu verlieren. Deswegen ist er wie eine Ratte vom sinkenden Schiff geflohen, bevor er gefeuert werden konnte.“

Seine augenzwinkernde: „Als wir unsere Petition für ein neues Hertha-Stadion Ende November ins Abgeordnetenhaus einbrachten, wurde Klinsi Trainer. Heute wurde positiv über das Anliegen berichtet, und er tritt sofort darauf zurück. Das kann kein Zufall sein.“ Klaus lächelt.

Nicht nur schlechte Worte über Jürgen Klinsmann

Bei aller Verbitterung fallen im „Kugelblitz“ nicht nur schlechte Worte über Jürgen Klinsmann. Regina hält nicht viel von dem ganzen Gerede, der Cheftrainer hätte die Stammspieler der Hertha verprellt: „Kalou und Selke haben vorher ja auch nichts gerissen. Klinsis Ansatz, neu zu denken und frisches Blut reinzuholen, war genau richtig.“

Selbst Klaus muss den Welt- und Europameister Klinsmann in Schutz nehmen: „Seine Zukunftsvisionen für Berlin als Hauptstadtklub waren toll. Aber die waren immer mittelfristig angelegt. Ihm war schon bewusst, dass der Abstiegskampf Priorität hat.“

Mit Nico Kovac gegen den Hertha-Abstieg?

In diesem Punkt stimmen ihm viele der Anwesenden nur bedingt zu. Große Einigkeit in Form ablehnenden Geschreis kommt dann auch erst wieder auf, als Olli seufzend vom jetzt drohenden Abstieg der Hertha spricht. Nein, daran möchte hier nun wirklich niemand glauben.

„Ich ja auch nicht“, sagt Olli entschuldigend, „aber die Gefahr besteht nun mal trotzdem.“ Klaus nickt: „Steckst du einmal in der Scheiße, kommst du so schnell nicht mehr raus.“ Für die nächste Saison hofft er daher auch weiterhin auf Nico Kovac als Coach..