Hertha BSC

Klinsmann brachte nur Hollywood-Zauber nach Berlin

Der Zauber, den Jürgen Klinsmann bei Hertha BSC verbreitet, war ein fauler, analysiert Sebastian Stier.

Dass Jürgen Klinsmann (55) von unberechenbarer Natur ist, stellte er mit seiner letzten Amtshandlung als Trainer von Hertha BSC noch einmal unter Beweis. Über seinen Facebook-Account verkündete er seinen Rücktritt, vorbei am Verein und dessen Verantwortlichen. Ohne Absprache, ein letzter Alleingang. Hertha blieb nichts anderes übrig, als später die Trennung zerknirscht zu bestätigen. Auch er sei von der Entwicklung überrascht, ließ sich Manager Michael Preetz per Mitteilung zitieren. „Dafür gab es keinerlei Anzeichen.“ Es war die ultimative Brüskierung.

Klinsmanns Trainerzeit endete nach nur 76 Tagen, wie sie begonnen hatte: spektakulär. Allein seine Verpflichtung glich einer großen Inszenierung. Kameras, Blitzlichtgewitter, Medieninteresse, alle Augen auf Berlin. Hertha, ausgerechnet der grauen Hertha, war ein gigantischer Coup gelungen. Klinsmann verkörperte den Typ Mann von Welt, nach dem sich der darbende Hauptstadtklub gesehnt hatte. Ein mehrsprachiger, bestens vernetzter Kosmopolit, Welt- und Europameister als Spieler, später als Trainer Initiator des Sommermärchens 2006.

Berlin und Hertha BSC empfingen Klinsmann als Messias

Stadt und Verein empfingen Klinsmann als Messias, als Verkörperung einer Zukunft, die dank der Millionen des Investors und Klinsmann-Vertrauten Lars Windhorst glorreich werden sollte. Mit seiner positiven Art und der Packen-wir-es-an-Mentalität befeuerte Klinsmann Berliner Fantasien. Nichts schien mehr zu groß. Champions League, Meisterschaft, Big-City-Club – alles möglich. Denk groß!

Seinen Enthusiasmus übertrug er auf die ganze Stadt. Sein Engagement ging weit über die Wirkung eines Fußball-Trainers hinaus. Als Berlin einen Botschafter brauchte, der die Internationale Automobilausstellung (IAA) in die Stadt holt, war natürlich Klinsmann erste Wahl. Der gab gern sein Gesicht. Klinsmann verkörperte die Botschaft, dass nichts unmöglich ist in dieser an Möglichkeiten so reichen Metropole.

Klinsmann hinterlässt bei Hertha BSC ein schwer beschädigtes Haus

Nun weiß man, dass der von ihm verbreitete Zauber ein fauler war. In seiner Funktion als Reformator hat er bei Hertha BSC erst jeden Stein umgedreht und nun ein schwer beschädigtes Haus hinterlassen. Schritt für Schritt hat er erst den Putz abgetragen, dann tragende Säulen entfernt.

Torwarttrainer Zsolt Petry, einer der besten seines Fachs? Durfte nie mit Klinsmann arbeiten. Athletiktrainer Henrik Kuchno? Wurde ins zweite Glied versetzt. Salomon Kalou, Vedad Ibisevic, Ondrej Duda, die drei erfolgreichsten Torschützen der vergangenen Saison? Wurden aussortiert oder verliehen.

Klinsmann besetzte fast alle Positionen im Trainerstab mit Vertrauensmännern, zerschlug über Jahre gewachsene Hierarchien im Team und übte großen Einfluss auf Entscheidungen aus, die Herthas sportliche Zukunft massiv beeinflussen. Viele der teuren Winterzugänge kamen auf sein Drängen.

Klinsmanns Rücktritt ist in höchstem Maße verantwortungslos

Jetzt zurückzutreten, weil ihm nach eigener Aussage das Vertrauen einiger Personen im Verein fehlt, ist in höchstem Maße verantwortungslos. Hertha steckt mitten im Abstiegskampf, was auch daran liegt, dass Klinsmann Hertha sportlich in den letzten Wochen nicht voranbrachte. Nun benimmt er sich wie einer, der im ersten Überschwang alles kurz und klein schlägt, das Auffegen der Scherben aber anderen überlässt.

Diese Aufgabe wird in erster Linie an Manager Michael Preetz hängen bleiben, der zum ungünstigsten Zeitpunkt auf Trainersuche gehen darf. Preetz hat große Hoffnungen auf Klinsmann gesetzt und wurde nun von heute auf morgen von diesem allein gelassen. Das schmerzt. Genau wie die Erkenntnis, dass der Wahl-Kalifornier Jürgen Klinsmann nicht mehr als Hollywood-Theater nach Berlin brachte.

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