Immer Hertha

Nach Klinsmanns Flucht lacht die Branche über Hertha

Klinsmanns Abgang bei Hertha sorgt für Aufsehen. Die Berliner müssen im Abstiegskampf den Ball flach halten, meint Sebastian Stier.

Jürgen Klinsmann lässt Hertha im Regen stehen. Sebastian Stier analysiert, wie es weitergehen kann.

Jürgen Klinsmann lässt Hertha im Regen stehen. Sebastian Stier analysiert, wie es weitergehen kann.

Foto: Getty/Reto Klar

Berlin. Während meiner Schulzeit ging ein Mädchen in meine Klasse, das war sehr schüchtern. Wenn es sprach, dann nur leise. Es trug oft einfarbige Klamotten, mal grau, mal schwarz, mal braun. Schminke verwendete es nie, und obwohl es nett war, interessierte sich kein Junge für sie. Nicht mal, wenn es darum ging, jemanden fürs Abschreiben zu gewinnen. Das Mädchen war das, was man gern als typische graue Maus bezeichnete. Und das lag nicht nur daran, weil ihren grauen Lieblingspullover eine Micky Mouse zierte.

Jahre später, ich studierte inzwischen, ging ich mit einem Freund in eine Bar. Viel los war nicht an diesem Abend, nur vorn am Tresen standen ein paar Typen um ein Mädchen herum. Ich sah es zuerst von hinten. Lockige, wallende Haare, freier Rücken und eine schwarze, sehr eng anliegende Lederhose. Der Kreis ihrer Bewunderer wurde immer größer, und irgendwann begann ich mich dafür zu interessieren, was da am anderen Ende des Raumes passiert. Langsam begab ich mich nach vorn, wollte diejenige, die alle in ihren Bann zog, auch sehen.

Hertha fristete ein Graue-Maus-Dasein

Als ich endlich in der richtigen Position war, traf mich der Schlag. Es war das Mädchen aus meiner Klasse, die graue Maus, die nun mit ihrem Outfit die Männer anzog. Sie lächelte mich an, ich stammelte etwas wie „Hallo“, dann zog ich meinen Freund aus dem Laden und verschwand. Gern hätte ich sie gefragt, was in den letzten Jahren mit ihr passiert ist, was sie erlebt hatte, wie um alles in der Welt diese Typveränderung zustande kam, aber ich war viel zu perplex.

Die Geschichte mit meiner Klassenkameradin kommt mir dieser Tage wieder öfter in den Sinn. Über Hertha BSC hieß es auch lange, der Klub sei eine graue Maus. Im Klassenzimmer Bundesliga nahm kaum jemand Notiz. Wenn die anderen in den Vordergrund drängten, sich stylten oder mit ihren Reizen warben, blieb Hertha still auf der Mittelbank zurück. Unfrisiert und ohne Schminke. So fristete sie zwischen Posern und Ballköniginnen ein solides, aber wenig aufregendes Dasein.

Video-Kommentar: Klinsmann hat Hertha geschadet

Kommentar: Klinsmann hat Hertha geschadet
Kommentar: Klinsmann hat Hertha geschadet

Im Klub sehnen sich einige nach Entschleunigung

Das hat sich nun gewandelt. Hertha ist alles, nur nicht langweilig. Aber im Klub gibt es nach den aufregenden letzten Tagen nicht wenige, die sich wieder nach etwas Entschleunigung sehnen. Auf dem Olympiagelände müssen sie gerade schmerzlich erfahren, was passiert, wenn man sich zu schnell und zu gekünstelt einer Typveränderung unterzieht. Wenn man seine Authentizität einbüßt für etwas, das man gern wäre, aber nicht ist. Mit normalen Wachstumsschmerzen hat das nichts zu tun, was Jürgen Klinsmann mit seinem unerwarteten Abgang angerichtet hat. Es könnte Langzeitfolgen haben wie eine verpfuschte Operation.

Hertha ist wieder da, wo man vor vielen Jahrzehnten schon mal war: im Rang eines Chaosklubs. So wird Berlin Schauplatz eines Lehrstücks. Siehe, was passiert, wenn externe Kräfte in einen Klub drängen und versuchen, diesen nach den eigenen Vorstellungen auszurichten. Die Zukunft sollte heller leuchten als die Neonreklame am Kudamm, aber das waren vor allem die Worte eines Blenders.

Hertha ist mit Klinsmann auf einen Gaukler hereingefallen

Hertha wollte sich mit aller Macht aufhübschen, dabei hätte es ein einfacher Lidstrich hier und etwas Rouge da auch getan. Nach Klinsmanns Flucht lacht die Branche. Schön doof die Berliner. Fallen auf dem Jahrmarkt Bundesliga auf den größten aller Gaukler rein. Mit den teuren Kleidern, zugelegt für rund 80 Millionen Euro auf dem Wintertransfermarkt, dem Gerede vom „Big City Club“ und dem ganzen Hollywood-Theater bietet Hertha im Abstiegskampf den Gegnern mehr Angriffsfläche als Axel Schulz in seinen letzten Kämpfen.

Klüger wäre es, nun nach außen hin Einigkeit zu demonstrieren und nicht Utopien von einer glamourösen Zukunft zu verfallen. Einfach den Ball flach halten, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Hertha benötigt aktuell eine funktionierende Offensivstrategie mehr als große Visionen. Wenn das gelingt, wird es vielleicht irgendwann tatsächlich so sein, dass sich alle nach der Hertha die Augen ausgucken.

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