Bundesliga

Klinsmann hinterlässt bei Hertha nur Big City Chaos

Nach 76 Tagen im Amt tritt Jürgen Klinsmann als Trainer von Hertha BSC zurück. Die Nachricht trifft den Hauptstadtklub zur Unzeit.

Jürgen Klinsmann wirft als Cheftrainer von Hertha BSC hin.

Jürgen Klinsmann wirft als Cheftrainer von Hertha BSC hin.

Foto: Andreas Gora / dpa

Berlin. Auf den ersten Blick verriet nichts an diesem trüben Februarmorgen, dass einer der turbulentesten Tage in der jüngeren Geschichte von Hertha BSC bereits in vollem Gange war. Die Spieler der Profimannschaft spielten sich locker die Bälle zu, vom Trainerteam standen die Assistenten Alexander Nouri und Markus Feldhoff auf dem Platz, nur Cheftrainer Jürgen Klinsmann (55), der fehlte. Dass sich daran nichts mehr ändern würde, nicht an diesem Tag und auch nicht in Zukunft, das wussten zu diesem Zeitpunkt längst nicht alle auf dem Gelände des Berliner Bundesligisten.

Klinsmann hatte kurz vor Trainingsbeginn über seinen Facebook-Zugang verkündet, dass er mit sofortiger Wirkung von seinem Amt als Trainer zurücktrete. Als Begründung nannte er mangelndes Vertrauen seitens einiger Vertreter der Führungsebene. „Als Cheftrainer benötige ich allerdings für diese Aufgabe, die noch nicht erledigt ist, auch das Vertrauen der handelnden Personen. Gerade im Abstiegskampf sind Einheit, Zusammenhalt und Konzentration auf das Wesentliche die wichtigsten Elemente. Sind die nicht garantiert, kann ich mein Potenzial als Trainer nicht ausschöpfen und kann meiner Verantwortung somit auch nicht gerecht werden“, hieß es in dem Statement. Bis auf Weiteres betreut der bisherige Co-Trainer Nouri Herthas Profis, die am Sonnabend beim Tabellenletzten SC Paderborn (15.30 Uhr/Sky) vor einem richtungsweisenden Spiel stehen.

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Herthas Spieler reagieren überrascht auf Klinsmanns Rückzug

Klinsmann bewies damit ein letztes Mal als Hertha-Trainer, dass ihn die gängigen Mechanismen der Branche wenig interessieren. Seinen Rücktritt machte er öffentlich, bevor der Verein das konnte. Eine beispiellose Bloßstellung. Herthas Manager Michael Preetz blieb später nichts weiter übrig, als die Vorgänge zu bestätigen und zerknirscht zuzugeben, dass er „von dieser Entwicklung heute morgen überrascht“ worden ist. Die Klubspitze um Manager Preetz hatte Klinsmann erst nach der Mannschaft und der Öffentlichkeit informiert.

Angedeutet hatte sich ein solch drastischer Schritt nicht. Klinsmann wollte Hertha zu einem „Big City Club“ umbauen, sprach noch am Vorabend vor Redakteuren der Deutschen Presse-Agentur über seine Aufgaben als Hertha-Trainer, auch seinen wöchentlichen Facebook-Chat mit den Fans hielt er am Montag wie gewohnt ab. War der Rücktritt also eine Kurzschlussreaktion? „Es war keine Spontan-Entscheidung von mir. Ich habe schon länger das Gefühl, dass es in dieser Form nicht funktioniert. Am späten Montagabend habe ich mich noch mit Vertrauten, u.a. meinem Trainerteam, getroffen. Um noch einmal zu prüfen, ob ich auf dem Holzweg bin“, sagte Klinsmann der „Bild“-Zeitung.

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Meinungsverschiedenheiten mit Manager Preetz sollen der Grund sein

Der TV-Sender Sky berichtete, dass Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Trainer und den Verantwortlichen um Manager Preetz und Präsident Werner Gegenbauer den Ausschlag gegeben haben. Demnach soll Klinsmann eine Anstellung als Trainer über den Sommer hinaus, ein höheres Gehalt und mehr Macht, das heißt Einfluss auf Personalentscheidungen, gefordert haben.

„Nach meinem Verständnis sollte ein Trainer – nach dem englischen Modell – die gesamte sportliche Verantwortung tragen. Also auch über Transfers“, sagte Klinsmann. „Das gibt der Position wesentlich mehr Power. Das hat sich in Deutschland mit Sportvorständen und Direktoren anders entwickelt. Da finde ich mich nicht wieder. Es geht viel zu viel Energie verloren für Dinge, die außerhalb des Spielfeldes liegen.“ Preetz und Gegenbauer sollen aber der Meinung gewesen sein, eine so weitreichende Entscheidung lieber im Frühjahr zu besprechen.

Hertha rangiert derzeit nur sechs Punkte vor dem Relegationsplatz, was auch daran liegt, dass Klinsmann lediglich zwölf Punkte aus neun Spielen holte. Allerdings sieht Klinsmann seine Bilanz recht positiv. „Ich habe ein Himmelfahrtskommando übernommen und habe nur in einem Spiel schlechter abgeschnitten als gehofft“, so der Schwabe in „Bild“. Ohne zu wissen, wie die sportliche Situation in den kommenden Wochen sein wird, wollten Preetz und Co. aber wohl nicht so essenzielle Zusagen geben. Klinsmann entschied sich daraufhin für die radikalste aller Reaktionen und blieb sich damit in gewisser Weise treu.

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Langjährige Mitarbeiter mussten unter Klinsmann weichen

Seit seinem Amtsantritt am 27. November hatte er den Berliner Bundesligisten massiv umgekrempelt. Das begann beim Trainerteam. In Person von Alexander Nouri, Markus Feldhoff und Athletiktrainer Werner Leuthard brachte er eigene Vertrauensmänner mit. Langjährige Mitarbeiter wie Torwarttrainer Zsolt Petry oder Fitnesstrainer Henrik Kuchno mussten entweder gehen oder wurden ins zweite Glied geschickt. Ähnlich verfuhr er mit den Spielern. Stützen wie Vedad Ibisevic, Salomon Kalou oder Ondrej Duda sortierte er aus. Duda verließ den Verein im Winter, genau wie der erst im Sommer verpflichtete Eduard Löwen. Andere wie Talent Arne Maier kokettierten öffentlich mit Wechselabsichten.

Klinsmann forderte hinter den Kulissen immer wieder enormes Mitbestimmungsrecht ein. Das lang geplante Trainingslager in Florida wollte er kurzerhand absagen und seine Mannschaft aufgrund des kürzeren Weges lieber in Spanien vorbereiten.

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Unter Klinsmann gab Hertha im Winter so viel aus wie kein anderer Bundesligist

In Sachen Personal gehörte Klinsmann zu den treibenden Kräften hinter Herthas überdimensionaler Einkaufstour im Winter. Der Verein gab um die 80 Millionen Euro für neue Spieler aus, mehr als jeder andere in der Bundesliga. Dass viele von ihnen auf Wunsch Klinsmanns kamen, deutete Manager Preetz in der Pressemitteilung an. „Insbesondere nach der vertrauensvollen Zusammenarbeit hinsichtlich der Personalentscheidungen in der für Hertha BSC intensiven Wintertransferperiode gab es dafür keinerlei Anzeichen“, sagte Preetz über Klinsmanns Rücktritt.

Der sprach in seiner Rücktrittsmitteilung davon, zukünftig wieder seine Funktion als Aufsichtsrat der Profiabteilung aufnehmen zu wollen. In diese Position war Klinsmann ursprünglich von Investor Windhorst gehievt worden. Wie es aussieht, ist das Kapitel Jürgen Klinsmann für Hertha BSC damit doch noch nicht komplett beendet.

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