Bundesliga

Unter Hertha-Coach Klinsmann ist Eigenverantwortung Trumpf

Coach Klinsmann gibt Herthas Profis im Trainingslager viele Freiheiten und appelliert an den Elan des Einzelnen. Ob das reicht?

Trainer Jürgen Klinsmann von Hertha BSC während des Trainingslagers in Orlando inmitten seiner Spieler.

Trainer Jürgen Klinsmann von Hertha BSC während des Trainingslagers in Orlando inmitten seiner Spieler.

Foto: Jan-Philipp Burmann / City-Press GmbH

Orlando. Gegen Ende wurde der Trainer noch mal richtig laut. Nicht, um seine Spieler zusammenzustauchen wohlgemerkt, Herthas Profis pfiffen ja eh schon aus dem letzten Loch, wirkten auf dem Übungsplatz zunehmend gereizt. Also tauschte Jürgen Klinsmann seine Rolle als Coach kurzerhand gegen die eines Fans, feierte fortan jede gelungene Aktion, riss die Arme hoch und tänzelte jubelnd über den Rasen. Als Abwehrspieler Karim Rekik ein sehenswertes Tor gelang, gab’s für Klinsmann kein Halten mehr. „Oh-oh-oh-oh-oooooh, klasse, Kariiiiiim! Weltklasse!!!“

Dass Klinsmann (55) über ein gutes Gespür für Situationen verfügt, ist bekannt, und motivieren kann er nun mal eh, Lockerheit reinbringen, emotionalisieren, Spaß vermitteln auch. Auf die Berliner Spieler hatte seine kleine Showeinlage jedenfalls großen Effekt. Obwohl am Ende ihrer Kräfte, warfen sie im Eins-gegen-eins noch mal alles rein, schenkten sich nichts – keiner wollte sich eine Blöße geben. Klinsmann gefiel, was er sah.

Herthas Fitness-Coach Leuthard bringt die Profis an ihre Grenzen

Das dicke Ende sollte in dieser Trainingslager-Einheit aber erst noch kommen, denn den Schlussakkord übernahm der neue Fitness-Coach Werner Leuthard, Typ Drill Sergeant. Er scheuchte die schweißnassen Profis so unnachgiebig über den Platz, dass Alexander Esswein ein flehendes „Santa Maria“ gen Himmel schickte. Auf göttlichen Beistand braucht man bei Leuthards Einheiten allerdings nicht zu hoffen. Als Sturmtalent Daishawn Redan kurz vor dem gefühlten K.o. stand, kannte der Oberleutnant a.D. kein Erbarmen: „Redan! You have to learn to bite!“

Beißen lernen – das hätte auch das Motto des siebentägigen Trainingscamps in den USA sein können. Fußball wurde jedenfalls wenig gespielt, dabei hatte Klinsmann vorab angekündigt, dass man an Automatismen und Laufwegen arbeiten wolle. In der Praxis blieb es dann bei einer statt zwei Einheiten pro Tag, zwei Stunden lang, hochintensiv, nahe an der Belastung eines Spiels.

In ihrer Freizeit haben Herthas Profis viele Freiheiten

Am Nachmittag bekamen die Spieler dafür erstaunlich viel Freiraum, als Zuckerbrot nach der Peitsche, wenn man so will. Die Profis nutzen dies ganz unterschiedlich, spielten Minigolf, fuhren zu den Universal Studios oder machten einen Abstecher zu einem NBA-Spiel, selbst bei den Mahlzeiten hatten sie freie Hand. „Frühstück, Mittag- und Abendessen können sie machen, wie sie wollen“, erklärte Klinsmann, „wenn wir sie nicht im Essensraum sehen, ist das auch okay.“

Darüber, wie dienlich diese Freiheit für das Wir-Gefühl ist, lässt sich trefflich diskutieren. Ex-Profi Klinsmann setzt jedoch andere Prioritäten, die lange Leine ist ein Ausdruck seiner Philosophie. „Es geht um Eigenverantwortung“, sagte er, „das sind ja alles erwachsene Leute. Was sie nachmittags tun, oder ob sie abends essen gehen, ist ihnen selbst überlassen. Letztendlich entscheiden sie ganz alleine, wie weit sie es mit ihrer Karriere schaffen.“

Wenig Fußball und Taktik, viel Eigenverantwortung

Klinsmann will keine reinen Befehlsempfänger züchten, er will wache Köpfe, schließlich müssen sie auch auf dem Platz Entscheidungen treffen. „Der Trainer stellt zwar die Elf auf und kann etwas reinbrüllen“, sagte er, „aber letztendlich wird das Spiel rein von den Spielern diktiert. Ob sie dribbeln, schießen oder passen – wir wollen sie dazu ermutigen, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Die werden nicht immer richtig sein, wir alle machen Fehler. Aber dann lernst du schnell daraus und korrigierst sie beim nächsten Mal.“

Der fußballerische Rahmen, den Klinsmann in Florida vorgab, blieb vergleichsweise simpel. Das Basiskonstrukt: ein 4-2-3-1-System, Spielaufbau über eine Dreierkette mit abgesunkenem Sechser, diagonale Steilpässe auf die Flügel. „Reden und Laufen“, forderte Klinsmann, „macht euch keinen Kopf – improvisiert!“ Eine Vorgabe, die er schon als Nationaltrainer der USA anwendete, damals mit eher wechselhaftem Erfolg.

Große spielerische Fortschritte sind zum Rückrundenstart eher nicht zu erwarten. Was die B-Elf beim 2:1 im Test gegen Eintracht Frankfurt zeigte, hatte wenig Aussagekraft, und die Stammformation probte lediglich beim Geheim-Test gegen die U19 von Orlando City (Endstand 5:1).

Ascacibar gesetzt – kommt Tousart?

Aussagekräftiger waren andere Kennzahlen: ein Spieler rein, einer verletzt, zwei Spieler raus. Auf Zugang Santiago Ascacibar ruhen große Hoffnungen, der Sechser verdrängte Per Skjelbred aus der ersten Elf. „Er ist ein Kandidat, der von Beginn an spielen kann“, sagte Manager Michael Preetz.

Auch die restlichen drei Veränderungen betreffen das zentrale Mittelfeld. Eduard Löwen wurde nach Augsburg verliehen, Ondrej Duda nach Norwich City, Arne Maier zog sich im Test gegen Frankfurt eine Knieverletzung zu. Wie lange das Eigengewächs ausfällt, wird die Diagnose in Berlin zeigen, doch Hertha sucht ohnehin Verstärkung fürs Zentrum. Manager Preetz buhlt offenbar um den Franzosen Lucas Tousart (22) von Olympique Lyon, Marktwert rund 25 Millionen Euro.

Vorerst aber bleibt es bei der alten Stammformation, die am Sonntag unter Ausschluss der Öffentlichkeit gegen den polnischen Erstligisten Pogon Stettin testet. Am darauffolgenden Sonntag im Olympiastadion (15.30 Uhr) zeigt sich dann, inwieweit Herthas Profis das Beißen verinnerlicht haben. Der Gegner heißt Bayern München.

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