Bundesliga

Hertha-Zugang Ascacibar: Mehr als giftig

Hertha-Zugang Santiago Ascacibar ist vor allem für seine Defensivkünste bekannt, aber der Argentinier hat noch mehr zu bieten.

Für Santiago Ascacibar (l.) sind Ballgewinne nach eigener Aussage fast so schön wie Tore.

Für Santiago Ascacibar (l.) sind Ballgewinne nach eigener Aussage fast so schön wie Tore.

Foto: Jan-Philipp Burmann / City-Press GmbH

Orlando. Um Santiago Ascacibar zu verstehen, muss man sich ein wenig Mühe geben. Auf der Terrasse von Herthas edlem Teamhotel in Orlando ist es zwar nicht sonderlich laut, aber die Worte des Argentiniers gehen im Plätschern des benachbarten Swimmingpools fast unter. Bei seinem ersten offiziellen Medientermin als Berliner spricht der Winterzugang so leise und schüchtern, dass man kaum aufhören kann, sich zu wundern. Sind dieser introvertierte Mensch und der temperamentvolle Fußballer Ascacibar wirklich ein und dieselbe Person?

Das, was der 22-Jährige auf dem Platz zeigt, hat mit Zurückhaltung wenig zu tun. Aggressiv, unnachgiebig und gallig geht der Sechser zu Werke – dass er 1,68 Meter klein ist, kompensiert er mit großem Kämpferherz. Beim VfB Stuttgart, der für Ascacibar gut zehn Millionen Euro Ablöse kassiert hat, trauern sie dem Publikumsliebling hinterher. Weil er immer alles gegeben hat, mit stoischer Miene, aber mitreißendem Spiel.

Hertha erhofft sich auch Offensivimpulse

In seinem ersten Hertha-Training knüpfte Ascacibar Freitag nahtlos daran an. „Die erste Einheit bei einem neuen Verein ist immer ein bisschen anders“, sagt er, „aber ich denke, es war gut.“ Tatsächlich war der Defensivexperte gleich positiv aufgefallen – mit ungeheurer Agilität, guter Antizipation und jeder Menge Biss.

Alexander Nouri sieht in Ascacibar allerdings mehr als einen giftigen Balleroberer. „Santi ist ein Spieler, der unheimlich viel investiert“, sagt Herthas Co-Trainer: „Mit seiner Zweikampfführung erobert er viele Bälle, aber er kann auch in der Spielfortsetzung viele gute Situationen kreieren.“ Genau daran hatte es bei Hertha in der Vergangenheit oft gehapert.

Für den Konterfußball von Trainer Jürgen Klinsmann scheint der Neuling wie gemacht, zunächst muss er sich jedoch akklimatisieren. Noch hat er keinen Zimmernachbarn, aus dem Team kennt er bislang nur Alexander Esswein, der zeitweise an Stuttgart ausgeliehen war. Sich zu integrieren, dürfte ihm allerdings nicht schwer fallen, dafür hat er inzwischen zu viele Erfahrungen gemacht.

Widmayer rät zum Wechsel

„Das erste Jahr in Deutschland war schwierig“, sagt Ascacibar, der 2017 aus Argentinien zum VfB kam. Damals sprach er nur Spanisch, fremdelte mit der kalten Mentalität und der strikten Disziplin. Inzwischen fühlt er sich längst wohl, spricht passabel Deutsch und hat auch die hiesige Küche schätzen gelernt.

Ohne eine heimische Spezialität geht es dann aber doch nicht, das war schon auf der Reise nach Florida zu sehen. Auf dem Flug trug Ascacibar ein Tee-Set mit Thermoskanne bei sich, das er sogar durch die Sicherheitskontrollen bekam. „Das ist Mate-Tee“, erklärt er, „eine Tradition aus Argentinien. Dort machen wir jeden Tag Tee und trinken ihn dann zusammen.“ In Stuttgart pflegte er dieses Ritual mit zwei Landsleuten. Bei Hertha trinkt er noch allein.

Davon, dass es ihm bei den Berlinern schmecken wird, ist er trotzdem überzeugt. Herthas früherer Co-Trainer Rainer Widmayer, inzwischen beim VfB, erzählte ihm nur Gutes über den Hauptstadtklub, und natürlich lockte ihn auch Klinsmanns Vision, Hertha in den kommenden Jahren zu einem Champions-League-Anwärter zu formen.

Vidal als Vorbild

Für Ascacibar hat Klinsmann dabei eine klare Rolle vorgesehen. „Der Trainer sieht mich als Sechser“, sagt er zufrieden, denn auf seiner Paradeposition im defensiven Mittelfeld durfte er zuletzt nur selten spielen. Weil er in Stuttgart auch als Achter oder Zehner eingesetzt wurde, beschwerte er sich und drohte mit einem Wechsel. Die Folge: Geldstrafe, Einzeltraining und vorübergehende Verbannung auf die Tribüne. „Ich habe daraus gelernt“, sagt er heute. Selbiges gelte übrigens für die Spuckattacke gegen Leverkusens Kai Havertz im April letzten Jahres, beteuert Ascacibar. „Danach war ich fünf Spiele gesperrt“, erinnert er sich, „das war für mich eine Katastrophe.“

Dass der frühere Bayern-Star Arturo Vidal zu seinen fußballerischen Vorbildern zählt, passt ins Bild. Wie bei dem Chilenen scheint das Temperament bei Ascacibar Fluch und Segen zugleich zu sein. Ein spannender Spieler ist er allemal. Dass er bereits vier Länderspiele vorweisen kann, kommt nicht von ungefähr.

Im Februar wird der Argentinier Vater

Um sich auch in Zukunft wieder für die „Albiceleste“ aufzudrängen, wird ihm der Wechsel zu Hertha sicher helfen – allein schon, weil er damit in die Bundesliga zurückgekehrt ist. „Für die Nationalmannschaft ist das wichtig“, sagt der Blondschopf, den sie in Argentinien wegen seiner ungewöhnlichen Haarfarbe „El Ruso“ (der Russe) nennen.

Den Konkurrenzkampf in Herthas Mittelfeld scheut er nicht. Ascacibar wirkt selbstbewusst, weiß um seine Stärken, will den Berlinern schnell helfen. Nach dem Abstiegsfrust in Stuttgart soll 2020 wieder sein Jahr werden, auch privat. Mitte Februar erwartet er mit seiner Freundin sein erstes Kind. Wie groß seine Freude darüber ist, versteht man ganz mühelos.