Bundesliga

Hertha steckt in der Schwächephase

Die Leistungskurve bei Hertha BSC zeigt seit dem Rückrundenstart nach unten. Wolfsburg wird deshalb ein Schlüsselspiel.

Erschöpfte Dauerbrenner: Herthas Per Skjelbred (l.) und Vladimir Darida standen in dieser Spielzeit fast immer auf dem Platz. Gegen Stuttgart konnten sie die 0:2 Niederlage nicht verhindern und wírkten müde

Erschöpfte Dauerbrenner: Herthas Per Skjelbred (l.) und Vladimir Darida standen in dieser Spielzeit fast immer auf dem Platz. Gegen Stuttgart konnten sie die 0:2 Niederlage nicht verhindern und wírkten müde

Foto: Ottmar Winter

Es ist gut, dass es Pal Dardai gleich zweimal gibt. Der eine kann so auf dem Trainingsplatz nach dem 0:2 beim VfB Stuttgart seine Mannschaft befragen und nachher im Pressegespräch von einer „nicht optimalen Tagesform“ sprechen.

Der andere kann derweil darüber grübeln, wie diese erste Vollbremsung nach Monaten auf der Überholspur jetzt wegzustecken ist. Für Herthas zuletzt so erfolgsverwöhnter Cheftrainer ist der eigene Vater der wichtigste Berater. Pal Dardai Senior schaut seinem Sohn Pal Junior am Sonntag zu und nachdenklich aus.

Seit November hatten die Berliner kein Pflichtspiel mehr verloren – acht Partien lang. Nun aber kam dieser erster Dämpfer gegen die zugegeben derzeit ziemlich ungebremsten Stuttgarter und ein Berliner Auftritt, der irgendwie gar nicht in die bisherige Saison passen mochte. Müde, unsicher am Ball und mit bis dahin selten gesehenen Konzentrationsschwächen.

Dardai spricht von „mentaler Müdigkeit“

Sinnbildlich dafür stand Vladimir Daridas Fauxpas vor dem 0:2, als er dem Gegner den Ball unbedrängt in die Beine spielte. Ein bisher nahezu fehlerloser, unermüdlicher Spieler – der D-Zug unter den Berliner Profis – war plötzlich im Schlafwagen unterwegs.

„Das ist jetzt ein neues Gefühl“, sagte Dardai und erklärte das schlaffe Spiel mit der kurzen Regenerationszeit nach dem Sieg im Pokal-Viertelfinale gegen Heidenheim drei Tage zuvor. „Wir spielen immer viel mit dem Kopf. Vielleicht war das auch ein Tick mentale Müdigkeit.“

Das ist sicher die Erklärung für die Niederlage in Stuttgart. Und sie ist in gewisser Weise auch ein Fluch der guten Tat: Herthas Spiel ist nur erfolgreich, wenn ein enorm hoher Aufwand betrieben wird. Irgendwann, zumal in der für die Blau-Weißen ungewohnten englischen Woche mit drei Partien in acht Tagen, sind die Akkus leer. „Uns hat die Kraft gefehlt“, sagte deshalb Rechtsverteidiger Peter Pekarik.

Hoffnung bei Weiser und Kalou

Dardai sagte, er könne das akzeptieren. Anders als die Konkurrenz kann er nämlich bei der Aufstellung nicht ohne Verluste rotieren, was die Ausfälle von Salomon Kalou und Mitchell Weiser in Stuttgart bewiesen. Der beste Angreifer (zehn Saisontore) und der beste Vorbereiter (fünf Vorlagen) waren nicht zu ersetzen. Beim nächsten Heimspiel gegen Wolfsburg am Sonnabend aber könnten sie wieder einsatzfähig sein.

Zudem standen die laufstarken Darida (21 Ligaspiele), Per Skjelbred (20) und Fabian Lustenberger (21) im zentralen Mittelfeld fast in jedem Spiel auf dem Rasen – ebenso wie Genki Haraguchi und Marvin Plattenhardt. Verschnaufpausen konnte Dardai ihnen nicht gewähren.

Die Leistungstendenz ist rückläufig

Aber wenn man ehrlich ist, besteht Herthas Problem im Moment gar nicht in der Pleite gegen den VfB. Das dürfte auch anderen Teams des ersten Tabellendrittels noch passieren. Nach furiosen Monaten besteht das Problem vielmehr in einer rückläufigen Tendenz der eigenen Leistungsfähigkeit seit Beginn der Rückrunde.

Vier Bundesligapartien hat Dardais Elf seither nicht mehr gewonnen. Und wäre der 1. FC Heidenheim nicht dieser mittelprächtige Zweitligaklub, wer weiß, ob es am Mittwoch trotz der auch dort beobachteten Konzentrationsschwächen, die zu zwei Gegentoren führten, zum vielumjubelten ersten Halbfinaleinzug im Pokal gereicht hätte. Hertha 2016 ist noch nicht wieder wie Hertha 2015.

Dardai Senior wird seinem Sohn raten, diese Entwicklung ernst zu nehmen. Der sagte: „Jede Mannschaft hat eine Phase, in der es nicht so gut läuft. Wir haben das jetzt vielleicht bei uns. Die Schlüsselfrage ist: Wann gewinnen wir wieder?“ Seine Elf steckt buchstäblich in einer Schwächephase – bezogen auf Kraft und Leistung gleichermaßen.

Nur noch drei Punkte Vorsprung auf Platz sieben

Nach fünf Saisonspielen könne man sich noch einmal zusammensetzen, um eventuell über ein neuerliches Ziel Europapokal zu sprechen, hatte Dardai vor dem Rückrundenstart gesagt. Damals hatte sein Team sechs Punkte Vorsprung auf den Nicht-Europapokal-Platz sieben. Nun, vier Partien im neuen Jahr später, sind es nur noch drei Zähler.

Aus den Champions-League-Rängen rutschte Hertha am Sonntag nur nicht, weil Gladbach in Hamburg überraschend verlor. „Es ist jetzt ganz wichtig, dass wir ruhig bleiben“, sagte Pekarik.

Nach Monaten der Erfolge gälte es zu zeigen, ob man auch mit Rückschlägen umgehen kann. Auf dem Rasen in der Liga aber gelingt das selten: In sechs Spielen ist Dardais Elf in Rückstand geraten wie in Stuttgart. Aber nur einen Punkt konnte sie danach noch holen (1:1 gegen Frankfurt).

Vier Punkte im Minus

Dardai ist gespannt, wie mental gefestigt seine Mannschaft ist. Es steht nun ein richtungsweisendes Duell an: „Gegen Wolfsburg am Sonnabend ist ein Schlüsselspiel. Da wird sich zeigen: Bleiben wir da oben, oder nicht“, sagte Dardai.

Aus den ersten vier Partien der Hinrunde hatte Hertha sieben Punkte geholt, als den ersten vier der Rückrunde gegen dieselben Gegner nun allerdings nur drei. „Wir haben im Vergleich minus vier Punkte. Aber wenn wir gegen Wolfsburg gewinnen, ist das wieder ausgeglichen. Dann kann man nach vorn schauen“, sagte Dardai.

Er sagte noch, dass er es hasse, Niederlagen erklären zu müssen. Das ist ja auch ein neues Gefühl für ihn in dieser Saison. Aber die Tendenz geht dahin, dass dies noch öfter passieren könnte.