Japanisches Gipfeltreffen

Was Herthas Haraguchi und Eisbär Kuji an Berlin lieben

Eisbär Shuhei Kuji und Herthas Genki Haraguchi reden im Doppelinterview über das Abenteuer Berlin, deutsche Kultur und müde Kollegen.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Berlin.  Am Anfang steht ein scheuer Blick, gefolgt von der obligatorischen Verbeugung. Einmal, zweimal. Herthas Flügelspieler Genki Haraguchi (24) und Eisbären-Stürmer Shuhei Kuji (28) wahren auch fernab ihrer Heimat die landesübliche Etikette. Kein großes Hallo, keine Verbrüderungsszenen, stattdessen nur ein paar Wortwechsel vor dem gemeinsamen Fototermin in Herthas Medienraum. Die beiden Japaner begegnen sich mit respektvollem Abstand, die Neugier aber ist spürbar.

Berliner Morgenpost: Herr Haraguchi, Herr Kuji, seit September teilen Sie den Standort Berlin, sind sich aber noch nie begegnet. Was wissen Sie voneinander?

Genki Haraguchi: Ehrlich gesagt: nicht besonders viel. Immerhin habe ich via Twitter mitbekommen, dass ein Japaner in Berlin Eishockey spielt.
Shuhei Kuji: Genki ist ziemlich bekannt in Japan. Ich habe schon zu Hause gehofft, ihn mal persönlich zu treffen.

Ihre Heimat liegt knapp 10.000 Kilometer entfernt. Was machen Sie, wenn Sie das Heimweh überkommt?

Haraguchi: Das kommt nicht so häufig vor, wie man vielleicht denkt. Ich bin hier sehr zufrieden, besonders seit meine Frau im Oktober nach Berlin gekommen ist. Natürlich vermisse ich manchmal meine Familie, meine Freunde. Aber es ist nicht so, dass ich darunter leide.
Kuji: Ich lebe zwar allein, kann diese Freiheit aber genießen. Viele Japaner benutzen eine App zum Chatten und Telefonieren – das macht den Kontakt nach Japan ziemlich unkompliziert.

Müssen Sie sich privat wohlfühlen, um Topleistungen bringen zu können?

Haraguchi: Am wichtigsten ist die Gesundheit. Wenn die stimmt, kommt man auch mit allem anderen klar.
Kuji: Man darf sich nicht zu viel Stress machen. Es bringt nichts, sich mit Dingen zu beschäftigen, die schlecht gelaufen sind. Man muss positiv bleiben.

Gar nicht so einfach. Shuhei Kuji ist vor allem deshalb bei den Eisbären, um viel zu lernen. Er kann zwar schnell Schlittschuhlaufen, doch das reicht nicht für kontinuierliche Einsätze in der DEL. Ein Tor ist ihm bisher noch nicht gelungen, aber das ist sein großes Ziel, allein schon, um sich bei den Fans zu bedanken. Die müssen gerade auf ihn verzichten. Kuji ist in Japan, um mit dem Nationalteam um die Olympia-Qualifikation zu kämpfen. Haraguchi indes hat sich bei Hertha in seiner zweiten Saison als Stammspieler etabliert. Er würde gerne dazu beitragen, Hertha in die Champions League zu bringen – und Japan zur WM. Mit einem Treffer in 19 Saisonspielen zählt er zwar nicht zu den torgefährlichsten Berlinern, dafür aber stets zu den gefragtesten Profis in Sachen Interviews.

Nach Spielen umringt Sie mitunter ein Pulk japanischer Journalisten, Herr Haraguchi. Auch bei den Eisbären sind regelmäßig japanische Kollegen zu Gast.

Haraguchi: Die Bundesliga kann man in Japan teilweise im Fernsehen verfolgen, auch im Internet wird viel berichtet. Die Popularität der Liga wächst.
Kuji:
Davon kann Eishockey nur träumen. In den Medien findet die Sportart nur sehr begrenzt statt – nur im Norden des Landes, auf Hokkaido.

Dennoch: Das Interesse an den Profisport-Legionären scheint groß zu sein.

Haraguchi: Japan ist eine Insel, das schlägt sich in der Mentalität nieder, und auch in der Sprache. Die meisten Japaner sprechen nur Japanisch. Wer den Sprung ins Ausland wagt, erntet fast automatisch viel Respekt.

Wie schwer ist Ihnen die Entscheidung gefallen, nach Europa zu wechseln?

Kuji: Japanische Eishockeyspieler haben sich im internationalen Vergleich bislang nicht besonders aufgedrängt, deshalb gab es kaum Angebote. Für mich war es ein gewaltiger Schritt, ich bin gewissermaßen ein Pionier.

Sie, Herr Haraguchi, sind einer von zehn Japanern in der Bundesliga. Dortmunds Shinji Kagawa genießt in Asien Popstar-Status – Sie haben bei Twitter mehr Follower als Hertha BSC. Können Sie in Japan unerkannt über die Straße gehen?

Haraguchi: In Urawa kaum, dort bin ich in der Tat sehr bekannt. In Berlin habe ich meine Ruhe, kann mich frei bewegen. Das ist sehr angenehm.

Was verbringen Sie Ihre Freizeit?

Haraguchi: Ich bin kein besonders aktiver Typ. Meistens bin ich zu Hause, entspanne auf der Couch. Oder ich drehe eine Runde mit meiner Hündin.
Kuji: Ich bin auch eher häuslich veranlagt. Gott sei Dank gibt es Youtube! Ich schaue mir jeden Tag japanische TV-Serien an.

Als Typen scheinen sie ähnlich zu ticken, die beiden Japaner in Berlin, oft begleitet der eine die Antworten des anderen mit einem Kopfnicken. Die Annäherung an die Menschen hinter den Sportlern gestaltet sich allerdings nicht ganz einfach. Die Gesprächssituation erinnert an den Film „Lost in Translation“ – auf ausführliche Antworten folgt meist nur eine knappe Übersetzung. Die Sprache, sie ist ein Thema für sich. In der Mannschaft verständigt sich Kuji mit einfachem Englisch, zur Not hilft eine Übersetzungs-App. Schwieriger ist der Alltag zu meistern. Damit das besser klappt, lernt Haraguchi Deutsch.

Wie schwer fällt es Ihnen, sich in Deutschland zurechtzufinden?

Haraguchi: Am Anfang ist einfach alles neu, das Essen, die Sprache, die Wege. Ich hatte das Glück, dass mit Hajime Hosogai schon ein Japaner bei Hertha gespielt hat, den ich zudem aus Urawa kannte. Er hat mir sehr geholfen. Für Shuhei war das sicher schwieriger…
Kuji: Naja, ich hatte mit unserem ehemaligen Co-Trainer Mark Mahon, den ich vom Nationalteam kannte, auch eine Stütze. Inzwischen komme ich auch ohne ihn prima klar.

Was empfinden Sie als typisch deutsch?

Kuji: Manche deutsche Spieler sehen am Morgen sehr müde aus (lacht). Aber sobald sie auf dem Eis stehen, sind sie hochkonzentriert. Wir Japaner bereiten uns schon eine Stunde vor dem Training vor, fahren langsam hoch, fokussieren uns. Das scheinen die Deutschen nicht zu brauchen.
Haraguchi: Ja, deutsche Spieler können tatsächlich sehr gut umschalten.
Kuji: Für mich auch typisch deutsch: die Fans. Sie lieben ihr Team, deshalb hängt man sich immer voll rein. Dass sie um ein Foto bitten und Autogramme möchten – das fühlt sich gut an.

Hand aufs Herz: Wo in Berlin gibt es das beste japanische Essen?

Kuji: Ernährung ist für uns Sportler sehr wichtig, ich koche deshalb meistens selbst. Unter den Japanern habe ich keinen klaren Favoriten. An deutsches Essen taste ich mich übrigens auch heran. Wurst mag ich ganz gerne.
Haraguchi: Das beste japanische Essen gibt es bei mir zu Hause. Niemand kocht so lecker wie meine Frau!

Welche Unterschiede zwischen Deutschen und Japanern haben Sie ausgemacht?

Haraguchi: Ich glaube, viele Deutsche genießen ihr Leben intensiver als wir Japaner. Bei mir dreht sich fast alles um den Fußball. Einige Spieler haben mir deshalb schon gesagt: Genki, Fußball ist nicht alles. Man darf die anderen Facetten des Lebens nicht komplett ausblenden. Das ist sicher etwas, was wir uns abschauen können.
Kuji: In meinen Augen können die Deutschen auch besser miteinander kommunizieren. Viele Japaner reagieren sensibel und achten sehr genau auf Formulierungen. Das kann leicht zu Missverständnissen führen.

Die Kommunikation untereinander, sie hält sich tatsächlich in Grenzen. Herzlich fällt die Begegnung der Japaner trotzdem aus, besonders die Verabschiedung: ein paar Selfies fürs Privatalbum, Autogramme für die Familie und gegenseitige Einladungen zu den Spielen des anderen. Einzig der Trikottausch will nicht so recht gelingen. Eisbären-Jerseys mit den Namen Kuji sind inzwischen ein rares Gut. Seine Eltern waren zu Besuch. Sie haben sämtliche Exemplare aufgekauft.