Pal Dardai wollte eigentlich Sportlehrer werden. Er hatte auch schon das Studium begonnen – damals in seiner Heimat Ungarn. Aber weil dann die eigene Karriere als Profi und das Ausland winkte, brach er es ab und wurde, was er ist: erst Rekordspieler bei Hertha BSC und nun Cheftrainer.
Doch jenes Intermezzo auf der Uni hat sich trotzdem gelohnt. Die Pädagogikseminare machen sich gerade bezahlt. Es geht dabei ja darum, wie man Leute richtig erzieht. Und Pal Dardai kann das im Moment gut gebrauchen.
Bislang drei gute Halbzeiten
Vor dem ersten Heimspiel der Saison gegen Werder Bremen am Freitagabend (20.30 Uhr, Sky und im Liveticker bei immerhertha.de) wurde der 39-Jährige gefragt, ob der Umstand, dass Hertha schon mit einem Unentschieden zumindest für eine Nacht auf Platz eins der Tabelle klettern könnte, ihm und der Mannschaft eine Art „Extramotivation“ verleihen würde.
In so einer Frage stecken ja zwei Dinge: Ein Anflug von Euphorie (wann stand Hertha zuletzt auf Platz eins?) und ein latenter Druck auf die, die das schaffen sollen. Dardai grinste, dann kam der Lehrer durch: „Wir machen es so: Wenn wir Erster sein sollten, schneiden Sie sich die Tabelle aus und packen sie in eine Schublade. Weihnachten holen Sie sie wieder raus. Stehen wir dann tatsächlich noch auf Platz eins, haben Sie den Jackpot gezogen.“
In Berlin ist es so, dass es immer nur richtig geil oder richtig mies gibt. Eben noch wurde Hertha vornehmlich mit Misstrauen beäugt und von allerhand Experten als Abstiegskandidat gehandelt. Und nun, nach lediglich zwei Siegen im Pokal gegen Bielefeld sowie in der Liga gegen Augsburg mit bestenfalls drei guten Halbzeiten ist plötzlich die mögliche Tabellenführung ein Thema. Dardai weiß, dass das gefährlich ist, und deshalb sagte er: „Wir beschäftigen uns nicht damit. Ich will nicht unnötig Druck aufbauen.“
Langkamp tritt auf die Bremse
Wenn man die Spieler fragt, könnte man meinen, dass der Trainer dort gar nicht so große Umerziehungsmaßnahmen vornehmen muss. „Wir sprechen gerade mal von zwei gewonnenen Spielen“, sagte Verteidiger Sebastian Langkamp, den man immer dann fragen sollte, wenn man realistische Einschätzungen wünscht.
„Wir haben letzte Saison nicht allzu viele Erfolgserlebnisse sammeln können“, so der 27-Jährige. Da tue es gut, wenn man zweimal hintereinander gewinne. Aber mehr auch nicht. „Die Feierlichkeiten sind abgeschlossen“, sagte Langkamp.
Langkamp hat erlebt, dass diese Mannschaft immer dann Probleme bekommt, wenn sie denkt, dass alles in Butter sei. In der vergangenen Saison folgte unter Jos Luhukay auf einen Sieg mit ziemlicher Sicherheit eine Niederlage.
Dardai hat das erkannt. Auch er bleibt skeptisch, weil er befürchtet, dass in seinem Team noch ein paar unschöne Spurenelemente aus der vergangenen Saison stecken könnten: „Die Mannschaft ist gut drauf – vielleicht zu gut“, sagte der Ungar. Auch er warte nun gespannt auf den Heimauftritt: „Die Vergangenheit hat gezeigt, dass wir nicht gut aussahen, wenn wir vorher erfolgreich waren. Es ist ein gefährliches Spiel. Die Erwartungen sind groß und der Gegner bissig.“
Werder ist nach 0:3 gegen Schalke ernüchtert
Bei Werder Bremen ist die Gemütslage nämlich genau entgegengesetzt zu Herthas. Bis vor einer Woche war man dort ganz zuversichtlich, weil Trainer Viktor Skripnik, der einen recht ähnlichen Weg über Spieler- und Jugendtrainerkarriere wie Dardai hingelegt hat, nur ohne das abgebrochene Studium, die Norddeutschen in der vergangenen Saison von Platz 18 bis dicht heran an die Europapokal-Plätze geführt hatte.
Aber dann kam Schalke 04 und eine 0:3-Pleite. Und wo eben noch so etwas wie leichte Euphorie war, herrscht nun etwas Skepsis. Vielleicht war es doch nicht so eine gute Idee, mit Davie Selke und Franco Di Santo gleich beide Stammstürmer abzugeben. Bei einer Niederlage droht den Bremern sogar der letzte Tabellenplatz.
Haraguchi ersetzt Beerens
Aber Hertha hat eigene Probleme. Dardai muss einen Ersatz für den gesperrten Rechtsaußen Roy Beerens finden. Sehr wahrscheinlich wird er beim Japaner Genki Haraguchi fündig werden: „Genki ist gut drauf. Er hat in der Vorbereitung einen überragenden Eindruck gemacht“, sagte der Trainer.
Zwar stünden mit dem 18 Jahre alten Nachwuchsmann Maximilian Mittelstädt, der am Mittwoch einen Lizenzspielervertrag bis 2018 bei Hertha unterschrieben hat, und dem nach Innenbanddehnung wiedergenesenen Mitchell Weiser zwei Alternativen bereit. Aber Haraguchi wird zunächst beginnen.
Ansonsten hat Dardai keinen Grund, etwas zu verändern. Nicht an seiner Mannschaft und nicht an seiner gruppenpädagogischen Skepsis. Als er am Mittwoch gefragt wurde, was er denn dazu sage, dass Hertha BSC unter ihm als Trainer zum ersten Mal in den 33 Jahren Bundesligazugehörigkeit des Klubs mit zwei Siegen in eine Saison starten könnte, sagte Dardai: „Wäre schon schön, wenn das klappt. Aber es könnte verdammt hart werden.“





