Augsburg –

Mit Glück und Geschick

Dank Kalous Elfmeter siegt Hertha zum Saisonauftakt in Augsburg. Beerens sieht Gelb-Rot

Augsburg.  Mit einem ungewohnten Gefühl startet Hertha in die neue Saison. Erstmals seit sieben Jahren (2008 beim 2:0 in Frankfurt) gewannen die Blau-Weißen ein Auftaktspiel in der Fremde. Beim FC Augsburg kam die Mannschaft von Trainer Pal Dardai in einer hitzigen Partie mit zwei Platzverweisen zu einem hart erkämpften 1:0 (0:0). Den entscheidenden Treffer erzielte Salomon Kalou per Foulelfmeter in der 48. Minute.

„Es war das erwartet schwere Spiel“, sagte Kapitän Fabian Lustenberger. „Wir hatten in Augsburg noch nie ­gewonnen und noch nie ein Tor ­geschossen, deswegen sind wir über den Sieg sehr glücklich. Es ist optimal mit einem Auswärtssieg zu starten. Jetzt wollen wir zu Hause nachlegen.“

Treffen der jüngsten Trainer

Beim Treffen der beiden jüngsten Trainer der Liga schienen sich Pal Dardai, 39, und Markus Weinzierl, 40, für ähnliche Marschrouten entschieden zu haben: erst mal nicht so viel riskieren. So entwickelte sich vor 30.000 Zuschauern ein intensives Geschehen, das zunächst jedoch fernab der Strafräume stattfand. Schiedsrichter Tobias Welz unterband den Versuch der Hausherren, Hertha mit Härte zu beeindrucken durch eine frühe Gelbe Karte gegen Raoul Bobadilla (5.). Bei den Gästen holte sich Vladimir Darida früh den gelben Karton ab (18.). Hertha zeigte wie schon im Pokal in Bielefeld (2:0) zunächst eine relativ gute Ball­sicherheit. In der ersten Hälfte erreichten 85 Prozent der Zuspiele den eigenen Mitspieler. Das ist ein erheblicher Fortschritt, nachdem die Berliner in der vergangenen Saison die Bundes­liga-Mannschaft mit der schlechtesten Passquote gewesen waren.

Noch in Arbeit ist die Disziplin ‘Durchschlagskraft in der Offensive’. Vor dem gegnerischen Tor tut sich auch der neue Hertha-Jahrgang schwer, der bis auf Darida (vom SC Freiburg gekommen) mit dem alten Personal unterwegs ist. Salomon Kalou erarbeitete sich trotz weniger Ballkontakte die beste Hertha-Chance bis zur Pause. Er drehte sich im FCA-Strafraum um zwei Gegenspieler und schloss aus acht Metern ab, doch Augsburgs Kapitän Paul Verhaegh fälschte den Schuss noch ab, so dass er nur am Pfosten landete (15.).

Kurz vor der Halbzeit nahm die Begegnung Fahrt auf. Hertha-Torwart Thomas Kraft bekam nach einem Kopfball von Jeong-Ho Hong per Reflex seine Hand noch rechtzeitig an den Ball (42.). In der Nachspielzeit kochten die Emotionen hoch. Bobadilla sprang an der Mittellinie ab und rammte Fabian Lustenberger aus dem Weg. Der Schiedsrichter zückte Gelb, was in diesem Fall für den Argentinier den Platzverweis mit Gelb-Rot bedeutete. Ungeachtet aller Augsburger Proteste („Beide Karten waren nicht gerechtfertigt“, empörte sich etwa FCA-Trainer Markus Weinzierl) eine ­korrekte ­Entscheidung.

Nach der Pause nutzte Hertha die Verunsicherung der Hausherren. Ragnar Klavan holte im Augsburger Strafraum ebenso offensichtlich wie ungeschickt Salomon Kalou von den Beinen – Elfmeter. FCA-Torwart Marvin Hitz tauchte ins linke Eck, Kalou schob den Ball in die Mitte des Tores, 1:0 (48.). Im vierten Anlauf gelang Hertha in Augsburg das erste Bundesliga-Tor. Und wie schon Ende Februar in Berlin entschied der Ivorer die Partie. In Anspielung auf Hitz sagte Kalou: „Ich mag diesen Torwart. Es ist gut, so zu starten. Das gibt eine Menge ­­Selbst­vertrauen.“

Nun wurde es leidenschaftlich. Augsburg drängte – und die Gäste ließen sich beeindrucken. Trainer Pal Dardai stellte fest: „Die Führung hat uns blockiert.“ Unter dem Ansturm ging die bisher gezeigte Ballsicherheit verloren. Kraft entschärfte einen Freistoß von Tobias Werner (58.). Roy Beerens, bereits verwarnt, säbelte vor der Augsburger Bank seinen Gegenspieler um – und marschierte ebenfalls mit einer Ampelkarte vom Platz. Ab Minute 66 wurde zehn gegen zehn gespielt.

Hertha geriet weiter unter Druck. Glück für die Gäste, dass Augsburgs Alexander Esswein einen 17-Meter-Freistoß an den rechten Pfosten des ­Berliner Tores jagte (75.).

Trainer Dardai brachte die gleichen Wechsel wie zu Wochenbeginn in Bielefeld: Nico Schulz und Genki Haraguchi sollten mit ihrer Geschwindigkeit für Entlastung sorgen, John Brooks wurde mit seinen 1,93 Metern in den Schluss­minuten erstmals als Sturmspitze aufgeboten.

Schulz hatte den zweiten Treffer auf dem Fuß, sein Schuss flog jedoch knapp am langen Pfosten des FCA-­Tores vorbei (87.).

Die Latte hilft Hertha

Es war noch lange nicht Schluss. In der vierten Minute der Nachspielzeit rettete Hertha-Torwart Kraft gegen Esswein, der aus zwölf Metern abgezogen hatte. Sekunden später wurde Kraft endgültig zum Helden des ­Nachmittages, indem er einen Kopfball von Sascha Mölders mit den Fingerspitzen an die Latte lenkte - Abpfiff.

Mittelfeldspieler Darida räumte ein: „Am Ende hatten wir auch Glück, aber das gehört zum Fußball nun mal dazu.“ Der Trainer fühlte sich bestätigt: „Ich habe immer gesagt, dass 35 Prozent Glück dazu gehören. Das hatten wir bei den beiden Aluminiumtreffern. Das war ein Männersieg.“

Im ersten Heimspiel des neuen Spieljahres empfängt Hertha am ­Freitag im Olympiastadion Werder ­Bremen (20.30 Uhr).