Hinter dem Geißbockheim in Köln Müngersdorf grasen Schafe. Neben der Geschäftsstelle des 1. FC Köln warten ergraute Herren und reden über Fußball. Jonas Hector ist Thema. Der 24-Jährige hat zuletzt gegen Hoffenheim ein Tor nach einem 50-Meter-Slalomlauf erzielt. Seit November ist er deutscher Nationalspieler – der erste Kölner seit Langem. Aber ziemlich lange blieb Hector unterhalb der Wahrnehmung. Erst mit 20 wechselte er aus dem 2500-Einwohner-Ort Auersmacher zur zweiten Mannschaft des FC. Vier Jahre später gab er sein Länderspieldebüt. Hectors Reise aus der Provinz auf die große Bühne. Vor der heutigen Partie bei Hertha (15.30 Uhr/im Liveticker bei immerhertha.de) sitzt Hector barfuß auf der Couch im Vereinsheim. Ein schüchterner, leiser Typ.

Berliner Morgenpost: Herr Hector, haben Sie sich beim Stadionsprecher entschuldigt?

Jonas Hector: Ja, habe ich. Er hat mir erzählt, dass er beim Jubel über mein Tor so hart gegen die Scheibe der Sprecherkabine geschlagen hat, dass sie gebrochen ist und er sich in die Hand geschnitten hat. Ich hoffe, er hetzt jetzt nicht noch die Versicherung auf mich (lacht).

FC-Vizepräsident Toni Schumacher hat Ihr Tor mit dem Maradonas bei der WM 1986 gegen England verglichen. Freuen oder stören Sie solche Vergleiche?

Es ist auf der einen Seite zwar schön zu hören. Das zeigt seine Wertschätzung. Auf der anderen Seite ist es natürlich total abwegig. Maradona, puh. Der war Weltstar und ein ganz anderer Fußballer als ich. Mit dem dürfen nur ganz wenige verglichen werden. Und ich sicher nicht.

Kommt Ihnen die plötzlich gestiegene Wertschätzung manchmal unheimlich vor?

Es ist schon ein bisschen unheimlich. Aber das macht mich nicht nervös. Ich weiß, Fußball ist ein Tagesgeschäft. Zuletzt war die Aufmerksamkeit sehr groß. Jetzt kommt das Spiel gegen Hertha. Wenn ich da schlecht aussehe, bin ich ganz schnell wieder runter vom Radar.

Eigentlich ist Ihre Karriere im modernen Fußball so gar nicht mehr vorgesehen.

Mein Weg war ein sehr untypischer. Bis ich 20 war, habe ich noch bei meinem Heimatverein in Auersmacher im Saarland gespielt. Wir sind in die Oberliga aufgestiegen. Dann habe ich dort noch eine Saison drangehängt. Und erst danach habe ich mich zu einem großen Klub nach Köln gewagt. In Zeiten der Nachwuchsleistungszentren gibt es sicher nur noch ganz selten solche Wege in den Profifußball. Philipp Wollscheid (Stoke City; Anm. d. Red) hat einen ähnlichen genommen. Aber der kommt ja auch aus dem Saarland. Vielleicht liegt es an uns Saarländern, dass wir erst ein bisschen später in Tritt kommen.

Stimmt es, dass Sie nie Profi sein wollten?

Ich habe es in der Jugend zumindest nicht auf Teufel komm raus forciert. Erst als ich als A-Jugendlicher bei den Männern gespielt und ein Probetraining in Bochum gemacht habe, wurde mir bewusst: Ich könnte es ja vielleicht doch noch schaffen. Ich bin aber nicht nach Bochum, sondern ein Jahr später nach Köln. Ich war noch nicht so weit, mein Zuhause zu verlassen.

Sie haben kein Spiel für eines der U-Teams des DFB bestritten. Hat man Sie verkannt?

Ich bin auf jeden Fall ein Spätstarter. Ich bin auch erst sehr spät gewachsen. Früher war ich immer sehr schmächtig. Und auf Auersmacher haben die DFB-Scouts sicher nicht ihre Aufmerksamkeit gelegt.

Sie begannen als Zehner. Nun spielen Sie Linksverteidiger – eine Position, auf der es in Deutschland eine Vakanz gibt. Wären Sie heute, wo Sie sind, wenn Sie weiter im Mittelfeld spielen würden?

Auf keinen Fall. Die Qualitäten eines Zehners hatte ich einfach nicht. Mir fehlt auch die Torgefahr. Deshalb bin ich immer weiter nach hinten gewandert: erst ins defensive Mittelfeld, dann nach links in die Viererkette. Im Endeffekt kann ich mir selbst dankbar sein, dass ich keine Tore schießen konnte. Sonst wäre das alles wohl nicht passiert.

Wie viel an Ihrer Entwicklung ist Talent und wie viel Zufall?

Es gehört beides dazu. Hätte ich kein Talent gehabt, wäre ich nie in Köln gelandet. Aber es hatte bei mir auch sehr viel mit Timing und Glück zutun. Ich war oft zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Hilft Ihnen nun Ihre ziemlich normale Jugend bis 20, nicht abzuheben?

Ich habe es bei meinen Freunden erlebt, die nach der Schule arbeiten gegangen sind oder zum Studium. Sie hatten die ganz normalen Probleme, aber hatten natürlich auch nie so viel Geld wie Profifußballer. Ich weiß meine Situation sehr zu schätzen. Manchen Spielern steigt das viele Geld ja zu Kopf. Ich versuche, gut hauszuhalten. So, wie es meine Freunde tun.

Mögen Sie eigentlich Ihren Spitznamen: Harry Hektik?

Ich habe zumindest nichts dagegen. Vor einem Jahr hat das in der Mannschaft angefangen. Wenn es zwischen Training und Spiel mal zeitlich eng kalkuliert war, haben wir immer gesagt: Jetzt ist aber wieder Harry Hektik angesagt. Und irgendwie blieb das an mir hängen.

Dabei gelten Sie als ein sehr gelassener Typ.

Ich versuche, mir einfach keinen Stress zu machen – egal in welcher Situation.

Bevor Sie nach Köln gegangen sind, haben Sie sich mal zusammen mit Ihrem zwei Jahre älteren Bruder bei der U23 des FC Bayern vorgestellt. Hat man Sie dort übersehen?

Damals hat die Zweite der Bayern noch Dritte Liga gespielt. Mehmet Scholl war Trainer und der Meinung, dass es für mich ein zu großer Schritt wäre. Er sagte: Geh‘ erst einmal von der Oberliga in die Regionalliga! Ich hatte ja noch keine Erfahrung in höheren Ligen. Deshalb habe ich mir das zu Herzen genommen.

Nun sind Sie Nationalspieler. Wie war es, als Sie zum Team gestoßen sind, das gerade die WM gewonnen hatte – und Sie erst zehn Bundesligaspiele absolviert?

Ich war ziemlich nervös. Aber ich habe mir auch gesagt, dass ich ja nicht so schlecht gespielt haben muss, wenn man mich einlädt. Also Brust raus.

Nach Ihrem Länderspieldebüt gegen Gibraltar haben Sie gesagt, dass Ihr Trikot einen besonderen Platz bekommt. Wo ist es ?

Mein Bruder hat es bekommen. Kann sein, dass er das in Auersmacher ab und an mal zum Training anzieht.

Sie stehen jetzt bei drei Länderspielen. Fühlen Sie sich mittlerweile wie ein richtiger Nationalspieler?

Es ist noch ein bisschen unwirklich. Ich gehe auch nicht davon aus, dass ich jetzt jedes Mal eingeladen werde. Wir spielen mit Köln in der Bundesliga nicht oben mit. Wir müssen uns jede Woche wieder neu beweisen. Und genau das gilt auch für mich selbst. Sonst kann alles ganz schnell wieder vorbei sein.

Wenn man eine solch rasante Entwicklung hingelegt hat wie Sie, muss es dann in demselben Tempo weitergehen? Es heißt, es gäbe eine Menge Interessenten für Sie?

Wenn man Leistung zeigt, ist es normal, dass Angebote kommen. Ich verstehe das als Anerkennung. Aber ich fühle mich wohl in Köln. Um Leistung zu bringen, habe ich schon immer ein Umfeld gebraucht, in dem ich mich gut zurechtfinde. Deshalb bin ich so spät aus Auersmacher weg. Und deswegen gibt es für mich momentan auch keinen Grund, etwas zu verändern.

Vor dem Hinspiel gegen Hertha (1:2) gaben Sie Ihr Länderspieldebüt. Gegen die Berliner sahen Sie nicht gut aus, und die Presse fragte: Kam Jogis Anruf etwa zu früh?

Es war mir schon bewusst, dass sich die Erwartungshaltung verändert, wenn ich bei der Nationalmannschaft dabei bin. Bei der Presse, aber auch bei mir selbst. Ich habe gelernt, damit umzugehen. Ich finde, dass ich eine recht solide Saison spiele. Es ist meine erste in der Bundesliga. Da kann nicht jedes Spiel auf höchstem Niveau sein.

Wenn Sie auf die letzten fünf Jahre, seit Sie in Köln angekommen sind, zurückschauen. Sind Sie dann manchmal selbst ein bisschen verblüfft, wie alles gekommen ist?

Ich reflektiere das Ganze schon. Wenn ich zu Hause bei meinen Freunden bin, gelingt mir das am besten. Sie sagen dann: Vor fünf Jahren haben wir noch zusammen gekickt. Und jetzt warst du bei der Nationalmannschaft. Das ist ziemlicher Wahnsinn. Ich versuche, zu verstehen, was passiert ist und es zu genießen. Aber ich schlafe mit dem Gedanken nicht jeden Abend ein.

Sie studieren neben Ihrer Profikarriere BWL in Köln. Warum?

Ich will vorsorgen für die Zeit nach meiner Karriere. Aber es tut mir auch gut, mal nicht an Fußball zu denken. Es fällt mir zwar nicht so leicht. Ich muss mich immer ein bisschen überreden. Aber ich muss auch neben dem Fußball noch andere Ziele haben.

Gegen Hertha können Sie zumindest mit Ihrem Klub ein Ziel erreichen. Bei einem Sieg hätte Köln 36 Punkte und den Klassenerhalt wohl sicher.

Hertha und wir sind auf Augenhöhe. Durch den Trainerwechsel hat sich viel getan in Berlin, so scheint es. Wir probieren, die drei Punkte zu entführen. Und dann wären wir unserem Ziel schon einen großen Schritt näher.