Bundesliga

Hertha BSC muss seine Chance gegen Köln nutzen

Das Restprogramm des Berliner Fußball-Bundesligisten ist hart. Umso wichtiger wäre ein Erfolg gegen Köln – der Klassenerhalt wäre wohl sicher. Fraglich ist aber der Einsatz einer Offensiv-Stammkraft.

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Die Stimmung ist ja immer eine besondere, wenn sich die Sonne allmählich dem Horizont annähert. „Die Menschen lieben die Dämmerung mehr als den hellen Tag“, schrieb einst schon Johann Wolfgang von Goethe, „und eben in der Dämmerung erscheinen die Gespenster.“ Betrachtet man die laufende Spielzeit in der Fußball-Bundesliga als Tag, dann ist die Dämmerung bereits in vollem Gang. Nur noch sechs Partien weist der Spielplan aus. Und die Gespenster, in diesem Fall die Abstiegsgespenster, sind für viele Klubs sichtbarer denn je.

In Berlin sind besagte Geister schon länger nicht mehr gesehen worden. 33 Zähler hat Hertha BSC inzwischen eingesammelt, und der Blick in die Statistik verrät: In sechs der vergangenen sieben Saisons genügten 32 Punkte zum Klassenerhalt. Und: in den bislang 19 Spielzeiten seit Einführung der Drei-Punkte-Regel reichten im Durchschnitt 34,2 – Tendenz eher fallend. So weit, so beruhigend.

Demgegenüber steht allerdings die Erkenntnis, dass die Abstiegsanwärter nicht im Traum daran denken, im Treibsand der Erfolgslosigkeit zu resignieren. Weil Paderborn und Stuttgart am vergangenen Wochenende entdeckten, dass sie immer noch Spiele gewinnen können, beträgt Herthas Sicherheitsabstand auf Relegationsplatz 16 nur noch sechs Punkte.

Das Restprogramm hat es in sich

Und das Restprogramm der Berliner hat es in sich. Auf Ligaprimus FC Bayern folgt der Tabellendritte Mönchengladbach, danach Dortmund, Frankfurt und Hoffenheim, die allesamt um internationale Startplätze kämpfen. Grund genug, doch noch nervös zu werden?

„Das war ein Lebenszeichen in sechs Spielen“, sagt Hertha-Kapitän Fabian Lustenberger mit Blick auf die Überraschungserfolge der Konkurrenz. „Wir senden seit sechs Spielen Lebenszeichen! Deshalb brauchen wir uns nicht verrückt zu machen.“ Thomas Kraft sieht es ähnlich. Die übrigen Teams werden so oder so noch Punkte holen, sagt der Torwart, den Druck sollte das nicht erhöhen. Aber: Hertha sei gut beraten, die letzten Pünktchen zu holen, und zwar „so schnell wie möglich“.

Die nächste und wohl beste Gelegenheit dazu bietet sich am Sonnabend im Olympiastadion (15.30 Uhr) gegen den punktgleichen 1. FC Köln. Allerdings zählt der Tabellenelfte zu den zähsten Gegnern der Liga. Der Aufsteiger kann die fünftbeste Auswärtsbilanz vorweisen. Kein Team aus der unteren Tabellenhälfte kassierte weniger Gegentore. Hinzu kommt eine neue Angriffslust. Zuletzt beim 3:2 gegen Hoffenheim verzeichneten die Datensammler 18 Torschüsse. Trainer Peter Stöger sprach von einem „ganz großen Spiel“.

Für Dardai ist Verlieren verboten

Hertha und den „Effzeh“ eint mehr als dieselbe Punktzahl. Beide Fußballstandorte gelten als emotionale Treibhäuser – sowohl am Rhein als auch an der Spree sind Medienaufkommen und Erregungspotenzial gewaltig. Beide Traditionsvereine kämpfen seit Jahren darum, in Deutschlands höchster Spielklasse wieder als etabliertes Mitglied geführt zu werden. So auch aktuell: Sowohl Hertha als auch Köln haben am Sonnabend die Chance, das Klassenziel endgültig zu erfüllen.

Darüber, welches Team dabei unter größerem Zugzwang steht, lässt sich trefflich streiten, schließlich hat es auch das Restprogramm der Rheinländer in sich. Ein Straucheln an der letzten Hürde könnte für beide fatale Folgen haben. Wenn es tatsächlich noch mal eng werden sollte, würde das mediale Ballyhoo nicht lange auf sich warten lassen.

In den Gedanken von Pal Dardai scheint für derartige Szenarien kein Platz zu sein. „Für mich zählt immer nur das nächste Spiel“, sagt der 39-Jährige, „und dieses Spiel darf man nicht verlieren.“ Ein typisches Dardai-Statement, gespickt mit Selbstvertrauen, mit Entschlossenheit. Sein Vorgesetzter gibt sich etwas zurückhaltender. Das Köln-Spiel habe genau die gleiche Bedeutung wie die restlichen fünf Partien, wiegelt Manager Michael Preetz ab. Das Spiel werde eine Herausforderung, „aber eine, die wir lösen können“.

Beerens-Einsatz noch fraglich

Noch nicht endgültig gelöst ist die Frage nach der Einsatzfähigkeit von Flügelspieler Roy Beerens. Den Niederländer plagt ein gestauchter Knöchel, in dieser Woche hat er noch nie mit der Mannschaft trainiert. Ob er spielen kann, wird sich erst im Abschlusstraining am Freitag zeigen. Allzu optimistisch wirkt Dardai nicht. Nach sechs Tagen Pause müsse man aufpassen, sagte der 39-Jährige.

Als Ersatz stünde Routinier Marcel Ndjeng parat. Weil Linksverteidiger Marvin Plattenhardt seine Adduktorenverletzung auskuriert hat, wäre auch eine Rochade denkbar. Nico Schulz würde aus der Abwehr auf den linken Flügel rücken, Genki Haraguchi dafür von links nach rechts.

Egal für welche Variante er sich entscheidet: Ein Geduldsspiel erwartet Dardai so oder so. Bei so ähnlichen Teams entscheide die Tagesform, sagt der Hertha-Coach, der stolz darauf ist, dass die Seinigen in den jüngsten drei Partien in der Schlussphase immer den längeren Atem hatten. Bleibt es so, würde Hertha den Klassenerhalt endgültig klar machen, noch bevor es dunkel wird am Sonnabend.