Bundesliga

Hertha vor Paderborn - Wenn nicht jetzt, wann dann?

Mit einem Sieg über Paderborn würde sich Hertha BSC einen Matchball zum Klassenerhalt erspielen. Damit es soweit kommt, müssen die Berliner am Ostersonntag ein Trauma aus der Vergangenheit überwinden.

Foto: Jan Kuppert/SVEN SIMON / picture alliance / Sven Simon

Michael Preetz stand schon am Donnerstag in den Startlöchern. In der Bundesliga gehe es jetzt in den Endspurt, sagte Herthas Manager, „wir haben die Chance, wichtige Meter zu machen.“ Meter auf dem Weg zum Klassenerhalt – je schneller, desto besser.

Auch optisch hat sich Preetz gerüstet. Der 47-Jährige trägt neuerdings einen Fünf-Tage-Bart. Vielleicht, weil statt Oster- wieder Novemberwetter herrscht. Vielleicht aber auch, weil man im Abstiegsrennen ein dickes Fell braucht. Dabei liegen die Berliner acht Spieltage vor Saisonende eigentlich in einer aussichtsreichen Position.

Vier Punkte beträgt der Vorsprung auf den Relegationsplatz, und nun kommt am Sonntag (17.30 Uhr, Liveticker auf immerhertha.de) Paderborn ins Olympiastadion, ein Team, das in den vergangenen 16 Spielen nur ein einziges Mal gewonnen hat. Es ist das erste von drei Spielen, in denen Hertha auf direkte Konkurrenten trifft; nach Paderborn ist vor Hannover ist vor Köln. Danach aber stehen fast nur noch Schwergewichte auf dem Plan. Das weiß auch Thomas Kraft: „Jetzt kommen die vermeintlich leichten Gegner“, sagt der Torwart. „Wir sind uns bewusst, dass wir punkten sollten.“

Nur knapp am Gau vorbei

Die Chance erscheint denkbar günstig. Mit einem Sieg gegen Paderborn würde sich Hertha einen Matchball zum Klassenerhalt erspielen. Trotzdem herrscht momentan vor allem eins im Verein: Vorsicht. Wenn Verteidiger Sebastian Langkamp sagt, er habe das Gefühl, Hertha sei in der öffentlichen Wahrnehmung schon wieder auf dem Weg in die Europa League, übertreibt er natürlich. Seine Botschaft aber ist klar. In der Mannschaft gibt es derzeit nur ein Thema, und das heißt Paderborn.

Auch Kraft wäre nicht Kraft, wenn er nicht den mahnenden Zeigefinger heben würde. Der frühere Bayern-Profi, 26, ist bekannt dafür, dass er sich so gut wie nie zufrieden gibt. Wenn man so möchte, ist er Herthas Nörgler vom Dienst. In diesem Fall kann von Zweckpessimismus aber keine Rede sein. Denn Hertha stand in der laufenden Saison schon einmal an dieser Stelle, die sich trefflich zur „Woche der Wahrheit“ hochjazzen lässt.

Damals schrammten die Berliner nur knapp an einem Gau vorbei. Dem blamablen Pokal-Aus beim Drittligisten Bielefeld folgten Pleiten in Paderborn und gegen Hannover – erst ein Sieg in Köln brachte etwas Linderung. Dennoch: Die Niederlage beim Aufsteiger (1:3), dort, wo der Etat extrem klein, das Fußballerherz aber umso größer ist, hat tiefe Spuren hinterlassen. Das Paderborn-Spiel, sagt Kraft, sei ein Punkt gewesen, an dem es in „eine andere Richtung“ gelaufen ist.

Herthas Hang zum Phlegma ist verflogen

„Andere“ meint in diesem Fall: nach unten. Hertha rutschte wenig später auf den vorletzten Tabellenplatz, am Ende stand die Entlassung von Trainer Jos Luhukay.

„Wir haben Paderborn vielleicht nicht tausendprozentig ernst genommen“, sagt Kraft. Gegen den vom furiosen Saisonstart beflügelten Aufsteiger wirkte Hertha wie ein lethargischer Abstiegskandidat. Seit Pal Dardai die sportlichen Geschicke leitet, ist Herthas Hang zum Phlegma jedoch verflogen.

Die Berliner laufen unter dem neuen Trainer stets mehr als ihre Gegner und haben auch ihre Zweikampfwerte verbessert. Dardai ist es gelungen, seinen Spielern das einzuimpfen, was Paderborn so stark gemacht hat. „Wir haben eine viel höhere Grundaggressivität“, sagt Kraft. Aus der Torwartperspektive hat er zudem registriert, dass es seinen Vorderleuten besser gelingt, die Räume eng zu halten.

Kraft spricht sich für Dardai aus

Kraft ist von Dardai überzeugt. Die Ergebnisse, sagt Herthas Nummer eins, sprächen für eine Entwicklung, die über die laufende Saison hinausgehen kann. „Ich würde es sehr gut finden, wenn Pal weitermacht.“

Zunächst aber gilt es, den Klassenerhalt zu sichern. Wenn nicht jetzt, ist man geneigt zu fragen, wann dann? Seit vier Spielen hat Hertha nicht mehr verloren. Das Selbstbewusstsein, sagt Kraft, sei dadurch spürbar gewachsen. Daran ändern die Verletzungen von Änis Ben-Hatira (Muskelfaserriss) und Tolga Cigerci (Ermüdungsbruch im Fuß) genauso wenig wie die Länderspielpause, die den Spielrhythmus zuletzt unterbrochen hat.

Und: Den Fehler, Paderborn zu unterschätzen, wird Hertha kein zweites Mal begehen. „Wir haben die Erfahrung aus dem Hinspiel“, sagt Preetz. Diesmal soll es anders laufen. Hertha wäre gut beraten, beim Einbiegen auf die Saison-Zielgrade nicht ins Straucheln zu geraten.