Hiobsbotschaften

Hertha-Trainer Dardai ist verärgert über Ben-Hatira

Hertha muss im wichtigen Spiel gegen den SC Paderborn ohne Änis Ben-Hatira auskommen. Tolga Cigerci fehlt dem Bundesligisten sogar für den Rest der Saison. Beide sind verletzt – das wirft Fragen auf.

Foto: Boris Streubel / Bongarts/Getty Images

Hertha BSC steht vor einem Schlüsselspiel im Kampf um den Klassenerhalt. Am Ostersonntag soll gegen den ebenfalls abstiegsgefährdeten SC Paderborn unbedingt ein Sieg her (17.30 Uhr, Olympiastadion). Da trifft es die Berliner schwer, dass zwei wichtige Spieler ausfallen. Für Tolga Cigerci ist die Saison sogar komplett gelaufen. Eine Untersuchung ergab bei dem Mittelfeldspieler einen Ermüdungsbruch im rechten Fuß.

Damit nicht genug der schlechten Nachrichten. Änis Ben-Hatira verletzte sich im Länderspiel von Tunesien in Nanjing gegen China (Endstand 1:1). Der Offensivspieler wurde nach einer Aktion, in der Ben-Hatira keinen Kontakt mit einem Gegenspieler hatte, nach 30 Minuten ausgewechselt. „Verdacht auf Muskelfaserriss“, lautete die Diagnose, die bei Hertha-Manager Michael Preetz in Berlin anlandete. Eine Untersuchung nach der Rückkehr soll genauen Aufschluss geben. Bestätigt sich die Diagnose, fällt Ben-Hatira sowohl gegen Paderborn als auch fünf Tage später gegen Hannover aus.

Trainer Pal Dardai ärgert sich vor allem über Ben-Hatira. „Bewahrheitet sich die Verletzung, ist das nicht in Ordnung, wie das gelaufen ist.“ Hintergrund: Dardai hatte Ben-Hatira ausdrücklich gebeten, nach seiner viermonatigen Verletzung, von der er gerade zurückgekehrt war, auf die Fernost-Reise zu verzichten. Dardai: „Nach so einer Pause muss man die Belastung langsam steigern.“ Bei Ben-Hatira reichte die Luft noch nicht für die volle Distanz, er hatte in den vergangenen Wochen drei Teileinsätze.

Nun gibt sich Ben-Hatira ganz kleinlaut

Doch Ben-Hatira bestand auf die Reise. Es gäbe beim tunesischen Nationalteam eine gute Betreuung und gute Fitnesstrainer. Stattdessen sieht es nun so aus, als ob Ben-Hatira sich eine Verletzung mit Ansage eingehandelt hat. Dardai: „Ich sage so etwas doch nicht, um meine Spieler zu verärgern. Aber ich habe 18 Jahre Erfahrung als Profi. Man kann seinen Körper nicht belügen.“

Ben-Hatira scheint zu ahnen, was ihn in Berlin erwartet. Kleinlaut twitterte er vor dem Abflug aus China: „Oh Allah, du erinnerst mich, dass deine Pläne für mich besser sind als meine Träume.“

Wenn man das Wort „Träume“ mit „Ehrgeiz im verkehrten Moment“ übersetzt, hat Ben-Hatira statt Lorbeeren mit Tunesien sich eine Muskelverletzung eingehandelt. Und schadet damit nicht nur sich, sondern Hertha im Abstiegskampf. Bekanntlich verfügen die Berliner nicht im Übermaß über Kreativspieler. Ben-Hatira gehört dazu, theoretisch jedenfalls.

Reibungsverluste stören Kampf um den Klassenerhalt

Im Abstiegskampf braucht ein Verein Geschlossenheit, ein Rädchen sollte ins andere greifen. Hertha jedoch hat erhebliche Reibungsverluste, weil das eben nicht so ist. Beispiel Cigerci: Dardai erklärte gestern nach dem Vormittagstraining, dass der gefehlt habe, weil er in München sei. Nachuntersuchung bei seinem operierenden Arzt. „Tolga ist zum Check in München. Das war abgesprochen. Er wird morgen wieder normal im Training sein.“

Am Abend steht der Trainer als jemand da, der nicht weiß, was in seinem Haus los ist. Nach Informationen der „Bild“ war Cigerci zwar in München, aber bei Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt. Hertha vermeldet in einer kurzen Pressemitteilung: „Tolga Cigerci hat einen Ermüdungsbruch im rechten Fuß erlitten. Dies wurde bei einer Untersuchung festgestellt. “

Die Spötter argumentieren: Würde Dardai nicht noch als Nationaltrainer für Ungarn durch die Gegend sausen, könnte er sich voll auf Hertha konzentrieren. Gleichwohl ist das ungerecht. Weil irgendwo bei der Kommunikation zwischen Cigerci, der medizinischen Abteilung und dem Trainer-Stab etwas schief gelaufen sein muss. Und auch Cigerci hat eine Vorgeschichte. Zehn Monate war er ausgefallen wegen einer komplizierten Zehen-Verletzung. Trotz Operation im vergangenen Sommer – eine Sehne war versetzt worden – hatte es bis nach dem Rückrunden-Start gedauert, bis er zurück war. Im Kampf um den Klassenerhalt ging Herthas sportliche Leitung, Preetz und Dardai, Risiko.

Ging Hertha zu früh ein zu hohes Risiko ein?

Cigerci kehrte nach 314 Tagen in der knüppelharten Partie beim VfB Stuttgart zurück (0:0). Gleich eine Halbzeit, zudem gab es neun Minuten Nachspielzeit obendrauf. Auch das Spiel gegen Schalke (2:2) – Cigerci spielte 32 Minuten – war ein intensives. Nun wird ein Ermüdungsbruch bei Cigerci diagnostiziert.

Und im Raum steht die Frage: Sind die Beteiligten (Spieler, Teamarzt Dr. Ulrich Schleicher und die sportliche Leitung) zu früh zu viel Risiko gegangen? Im Nachhinein wird sich das nicht mehr klären lassen. Niemand kann den Beweis führen, dass Cigerci mit zwei Kurzeinsätzen heute gesund und fit wäre. Fakt ist: Hertha steht vor existentiellen Spielen. Und braucht volle Konzentration auf Paderborn, Hannover (10.4.) und Köln (18.4.).

Was nicht heißt, dass sich Hertha, in der Annahme, dass der Klassenerhalt glückt, mit grundsätzlichen Fragen auseinander setzten sollte: Zerreibt die Doppelbelastung den Trainer? Wie genau sind die Ausfälle von Cigerci und Ben-Hatira zustande gekommen, und wie lässt sich das verhindern? Und wie schafft Hertha es grundsätzlich, seine Kräfte besser zu bündeln?