Thomas Kraft hat das Glück, dass er abschalten kann. Wenn Herthas Torwart nach einem Spiel nach Hause kommt, warten Ehefrau Denise und der im März geborene Sohn Mateo auf den 26-Jährigen. „Da vergesse ich den Ärger“, sagt Kraft. Zuletzt gab es viel Grund zum Ärgern. Hertha steht mit 14 Punkten auf Platz 15 und hat nur einen Zähler Vorsprung auf den Relegationsplatz 16. Vor dem Spiel gegen Borussia Dortmund am Sonnabend (15.30 Uhr, Sky und im Liveticker bei immerhertha.de) spricht Kraft über fehlende Siegermentalität, Lehren aus der Vergangenheit und Wünsche zu Weihnachten.
Berliner Morgenpost: Herr Kraft, Hertha gegen Dortmund, ist das ein Abstiegsduell?
Thomas Kraft: Nein. Dortmund hat da unten nichts zu suchen. Dafür hat die Mannschaft zu viel Qualität. Darüber hinaus ist es viel zu früh in der Saison, um von solchen Duellen zu sprechen. Das ist ein Meisterschaftsspiel, in denen es für beide um sehr viel geht. Dieses Spiel zeigt auch in gewisser Weise die Tendenz an, wohin es für beide Klubs bis zur Winterpause hingeht.
Warum meidet jeder im Klub bei Hertha das Wort „Abstieg“?
Ich kann verstehen, dass man von außen unsere Situation so sieht. Aber wir haben erst 14 Spiele gespielt. Fakt ist aber auch: Wir stecken in einer schwierigen Situation. 14 Punkte sind suboptimal. Doch wir können die Dinge schnell wieder relativieren: Holen wir sechs oder neun Punkte aus den letzten drei Partien bis Weihnachten, können wir wieder weiter oben stehen. Uns muss allen klar sein: Jetzt müssen wir Punkte holen, um in der Tabelle nicht weiter festzuhängen, wo wir aktuell stehen.
Was gefällt Ihnen am Spiel Ihrer Mannschaft nicht?
Man muss sagen, dass wir zwar unbedingt wollen, uns aber oft selbst im Weg stehen. In den entscheidenden Details machen wir Fehler und bekommen dumme Gegentore. Wir sind teilweise nicht clever genug. Das zieht sich schon durch die ganze Saison.
Ist das Naivität?
Schwer zu sagen. Es ist einfach Unachtsamkeit. Jeder macht Fehler. Auch ich. Aber wir machen die Fehler, die Spiele entscheiden. Wir müssen es schaffen, über 90 Minuten fokussiert und konzentriert zu sein.
Sie haben einmal in Berlin erlebt, wie sich ein Abstieg erst langsam anbahnte und später nicht mehr aufzuhalten war, 2011/12. Haben Sie daraus Erfahrungen für die aktuelle Situation mitnehmen können?
Ich weiß noch genau, wie das damals gelaufen ist. Ich gucke kritisch hin, wenn ich das Gefühl haben sollte, da wiederholt sich etwas. Ich sehe aber keine Parallelen zur damaligen Saison. Aber wir müssen aufpassen, dass wir nicht in einen Abwärtsstrudel kommen. Wir brauchen vor der Winterpause noch ein paar Punkte.
In einer Phase wie jetzt, in der es schlecht läuft und ein Gegner wie der BVB wartet: Was motiviert Sie mehr: die Lust aufs Gewinnen oder die Angst vor dem Verlieren?
Ich habe keine Angst – auch gegen Dortmund nicht. Wir alle spielen, um zu gewinnen. Angst ist kein guter Begleiter im Fußball.
Gibt es Siegermentalität im Fußball? Und wenn ja, hat Hertha genug davon?
Das beste Beispiel dafür ist Bayern München. Siegermentalität zeigt sich im Auftreten. Der Gegner muss merken, dass für ihn an diesem Tag nichts zu holen ist. Das geht auch über Körpersprache. Vielleicht fehlte uns das zuletzt. Wir müssen galliger werden, um wieder Erfolg zu haben.
Während Hertha schwächelt, halten Sie gerade gut. Gibt es dafür einen Grund?
Das hat etwas mit Wahrnehmung zutun. Wenn ein Torhüter im Spiel drei, vier schwere Bälle halten muss, wird seine Leistung besser bewertet. Das war bei uns in den ersten Spielen weniger der Fall. Im Moment habe ich eine höhere Frequenz und werde deshalb anders wahrgenommen.
Oft sind Leistungssteigerungen bei Spielern zu beobachten, deren Verträge auslaufen, so wie bei Ihnen im Sommer. Spielt das für Sie eine Rolle?
Nein. Ich finde, dass ich meine Leistungen oft auf einem normal guten Niveau halten kann. Dass ich jetzt öfter im Zentrum der Aufmerksamkeit stehe, hat nichts mit meiner Vertragssituation zu tun.
Ist diese für Sie schon geklärt?
Nein.
Könnten Sie sich vorstellen, noch einmal Zweite Liga zu spielen?
Die Frage habe ich mir nicht gestellt, und das muss ich auch noch nicht.
Wie können Sie mit Hertha gegen einen Gegner wie Dortmund bestehen?
Beim letzten Mal haben wir verloren. Aber das ist abgehakt. Dortmund ist auch nicht so stabil, dass man sagen müsste: Die kommen jetzt nach Berlin und schießen uns aus dem Stadion. Wir haben eine gute Chance. Wir spielen vor ausverkauftem Haus. Wenn wir hinten gut stehen, vorn weiter so effektiv sind, können wir dieses Spiel gewinnen. Aber wir müssen dafür alles abrufen. Ich gehe davon aus, dass wir das schaffen.
BVB-Trainer Klopp hat seinen Stammtorwart Roman Weidenfeller aus dem Tor genommen. Wie würden Sie damit umgehen?
Für Roman ist das sicher eine schwierige Situation, in der er sich seine Gedanken machen wird. Als Torwart und auch für mich wäre so etwas eine schlechte Nachricht. Aber Roman hat die Klasse und wird sicher zurückkehren. Er ist erfahren genug, um mit dieser Situation umgehen zu können.
Ab wann hätten Sie ruhige Weihnachten?
Erst einmal bin ich zuversichtlich für das Spiel, weil wir eine sehr gute Mannschaft haben. Wir haben das zuletzt nicht immer gezeigt, aber das müssen wir jetzt. Wir wollen dieses Spiel unbedingt gewinnen, und ich habe ein gutes Gefühl. Ein ruhigeres Weihnachten hätte ich, wenn wir 20 Punkte auf dem Konto hätten.





