Bundesliga

Marcel Ndjeng ist für Hertha BSC wichtiger denn je

Vor dem Spiel beim FC Augsburg unterstreicht Jos Luhukay den Stellenwert des Routiniers. Nicht nur, weil Ndjeng endlich wieder ein Tor vorbereitet hat, sondern wegen seiner speziellen Eigenschaften.

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Fußball ist ein ernstes Thema. Erst recht, wenn es um Partien der Bundesliga geht und nach vier Spielen ohne Sieg gerade erst ein Fehlstart abgewendet wurde. Umso bemerkenswerter ist es, wenn ein Fußballer bei dem typischen Bohei der Branche noch Sinn für Humor zeigt. So wie Herthas Marcel Ndjeng, als er nach dem kräftezehrenden 1:0-Erfolg gegen Wolfsburg über seinen Beitrag zum Siegtreffer sprach.

„Nachdem ich den Ball erobert habe“, sagte Ndjeng, das Gesicht noch immer schweißgebadet, „ging es nur noch um die Frage, ob ich ihn flach oder hoch in den Strafraum schlagen soll.“ Gott sei Dank habe er sich für die flache Variante entschieden, fügte er an – und fing schelmisch an zu grinsen, „also kam er hoch.“ So viel Selbstironie findet man selten im harten Profigeschäft. Wie gesagt: Fußball ist ein ernstes Thema.

Realistisch, aber optimistisch

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Ndjeng ist zwar ein Mensch mit auffällig positiver Grundhaltung, zählt aber trotzdem nicht zur Kategorie Spaßvogel. Wer sich mit ihm unterhält, merkt schnell, dass er anders tickt als viele seiner Berufskollegen. An seinem wachen Blick etwa, oder an seinen reflektierten Antworten.

Auch am vergangenen Mittwochabend wurde Ndjeng kurz nach seinem kleinen Scherz wieder ernst. Natürlich sei der erste Saisonsieg gut für Herthas Selbstvertrauen, geändert habe sich dadurch aber wenig. „Ich habe schon vor anderthalb Wochen gesagt, dass wir uns nicht verrückt machen dürfen“, betonte der 32-Jährige. Ein typischer Ndjeng-Satz. Besonnen, realistisch, optimistisch.

Dass der älteste Spieler im Kader der Berliner sich nicht aus der Ruhe bringen lässt, liegt wohl auch an seinem Werdegang. 60 Bundesliga- und 134 Zweitligaspiele sprechen für eine solide Karriere. Von einem makellosen Lebenslauf kann trotzdem keine Rede sein.

Aus Negativerlebnissen gelernt

Mal hatte der Deutsch-Kameruner mit Verletzungen zu kämpfen wie in der vergangenen Saison, als ihn ein Knochenmarksödem im Zeh für sieben Wochen außer Gefecht setzte; mal stand er ohne Verein da wie 2012, als ihn der FC Augsburg plötzlich nicht mehr wollte.

Einer wollte Ndjeng aber scheinbar immer. Jos Luhukay lernte den vielseitigen Rechtsfuß 2005 beim SC Paderborn kennen. Der Niederländer holte den gebürtigen Bonner auch nach Mönchengladbach (2007) und Augsburg (2009), ehe er ihn 2012 an die Spree lotste.

Nach fast zehnjähriger Zusammenarbeitet ist zwischen dem Trainer und seinem Musterschüler ein ausgeprägtes Vertrauensverhältnis entstanden. „Marcel hat gelernt, mit positiven und negativen Momenten zu leben und das Beste daraus zu machen“, sagt Luhukay. Es ist diese Erfahrung, die ihn derzeit so wichtig macht für die Berliner.

Fußballerisch ist Ndjeng nicht unumstritten. Kritiker halten ihn für zu langsam, zudem produziere er zu viele Fehlpässe. Statistiken wie im Zweitligajahr 2012/13, als er vier Tore erzielte und vier weitere vorbereitete, erreichte er in der Bundesliga nicht annähernd. Zwischen seiner Vorlage gegen Wolfsburg und dem bis dato letzten Assist lagen 20 Spiele.

Ndjeng kann seine Kollegen mitreißen

Luhukay hielt trotzdem an ihm fest. Weil er sowohl im rechten Mittelfeld als auch in der Abwehr einsetzbar ist. Weil er ein mannschaftsdienlicher Spieler ist und gefährliche Standards schießen kann. Vor allem aber, weil er ein Vorbild für seine Kollegen ist. „Marcel zeigt eine unglaubliche Bereitschaft, egal ob im Training oder im Spiel“, sagt Luhukay. „Er kann andere Spieler mitreißen und ist dadurch in schwierigen Phasen eine große Hilfe.“

Als Hertha im Sommer mit Roy Beerens einen Spieler für das rechte Mittelfeld holte, schienen Ndjengs Tage in der Stammformation gezählt, schließlich galt auch die Position des Rechtsverteidigers an Peter Pekarik vergeben. Trotzdem stand Ndjeng in drei von fünf Ligaspielen in der Startelf – und zählte gegen Wolfsburg gar zu den Matchwinnern.

An alter Wirkungsstätte in Augsburg erwartet ihn und seine Kollegen am Sonntag (15.30 Uhr/Sky und im Liveticker bei immerhertha.de) nun die nächste Herausforderung. Luhukay hat angekündigt, erneut auf Ndjeng setzen zu wollen. Und das aus gutem Grund.