Fußball

Hertha-Spieler Marcel Ndjeng polarisiert die Fangemeinde

Kein Hertha-Spieler wird von den Fans so unterschiedlich bewertet wie der vermeintliche Trainerliebling Marcel Ndjeng.

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Marcel Ndjeng hat es schwer. Nicht bei den Kollegen von Hertha BSC, nicht bei den Trainern. Aber bei den Fans. Über kaum einen Profi aus dem aktuellen Kader gehen die Meinungen der Anhänger soweit auseinander wie über den Mittelfeldspieler auf der rechten Seite. Bei immerhertha.de etwa, dem Blog der Morgenpost, wird seit Wochen kontrovers über Ndjeng diskutiert.

Die Kritiker monieren, Ndjeng sei zu langsam und würde sich kaum einmal in Eins-gegen-Eins-Situationen durchsetzen. Er produziere zu viele Fehlpässe und sei mehr Belastung als Bereicherung. Nutzer „Paulex“ schrieb: „Sahar hat doch in seinen 16 Zeitliga-Minuten schon bessere Ansätze gezeigt als das in die Jahre gekommene und sehr gut ausrechenbare Offensivspiel von Ndjeng.“ Beim 6:1 in Sandhausen wurde nach 24 Minuten seine Auswechslung gefordert.

Vierte Station mit Luhukay

Dass er regelmäßig aufgestellt werde, sei nur durch den Status als ‚Trainer-Liebling" erklärbar. Schließlich arbeiten Jos Luhukay und Ndjeng nach den Stationen Paderborn, Mönchengladbach und Augsburg bereits zum vierten Mal zusammen. Die andere Seite der Diskussion steckte der User „Slaver“ nach dem Abpfiff in Sandhausen ab: „Ndjeng ganz klar Spieler des Tages: Ein Tor, zwei Assists, sehr gute Standards, zwei weitere gute Abschlüsse und die meisten Ballkontakte.“

Wobei im Blog teilweise auch die Standards kritisch gesehen werden. So rechnete der Nutzer „Pathe“: „ Ich bin bei all denen, die trotz des hohen Sieges nicht zufrieden sind.“ Begründung: Beim 6:1 habe Hertha aus dem Spiel heraus nur einen Treffer erzielt, rechne man drei Tore nach Standards und zwei nach Einzelaktionen heraus.

Höchste Zeit also, mit den Beteiligten zu sprechen. Marcel Ndjeng outet sich als Fan von Eins-gegen-Eins-Situationen, allerdings eher bei Mitspielern: „Ich find"s super, wenn es Kollegen gelingt, sich so durchzusetzen. Aber ich bin nicht der Typ für den dreifachen Übersteiger.“ Für sich selbst bevorzugt er „gelungene Kombinationen, das ist auch eine Form von attraktivem Fußball“.

Ndjeng, der Unterschätzte. Er stand, abgesehen von einer Ausnahme, bei allen 13 Saisonspielen in der Startformation. Nachdem er in den ersten Partien als rechter Außenverteidiger aushalf, ist er seit der Verpflichtung von Peter Pekarik im August auf seine angestammte Position im rechten Mittelfeld vorgerückt. Was hat es mit dem Verdacht des ‚Lieblingsschülers" auf sich?

Regelmäßige Trainingsbeobachter, die auch die geheimen Einheiten sehen, erzählen: Von Bevorzugung könne keine Rede sein. Wenn ihm etwas nicht gefalle, sei Luhukay in seiner Ansprache sehr direkt. Und Ndjeng zähle zu den Spielern, die er durchaus härter kritisiere.

Trainer Jos Luhukay beschreibt seinen Profi so: „Marcel ist offen in seiner Art und wirkt positiv in die Mannschaft hinein.“ Luhukay verwendet eine seltene Formulierung: „Marcel ist ein dienender Spieler.“ Ein Hinweis, dass eine funktionierende Mannschaft eine Balance verschiedener Typen braucht. Herthas Künstler sind Ronny und Änis Ben-Hatira.

Die Stürmer Adrian Ramos, Sandro Wagner oder Sami Allagui laufen ohnehin in einer eigenen Kategorie. Aber dazu werden Arbeiter benötigt, die neben Solidität den Blick für das Ganze mitbringen – wie Peer Kluge, Peter Niemeyer und Ndjeng. Etwas, was für Zuschauer manchmal schwer zu sehen, dem Trainer aber wichtig ist, formuliert Luhukay: „Marcel ist ein echter Teamspieler. Er vernachlässigt nie die Defensive.“

Daneben verfügt Ndjeng über offensive Qualitäten. „Marcel ist in jeder Saison für eine gewisse Anzahl an Assists gut“, sagt Luhukay. In Sandhausen bereitete er zwei Treffer vor, darunter das wichtige Führungstor von Ramos, und traf einmal selbst. Die Frage, ob das 5:1 als Torschuss oder Flanke gedacht war, umdribbelt der gebürtige Bonner mit deutsch-kamerunischen Wurzeln schmunzelnd: „Aus der Entfernung wollte ich den Ball gefährlich vors Tor bringen.“

Standards als Qualitätsmerkmal

Insgesamt weist seine Statistik nach 13 Runden zwei Tore und drei Vorlagen aus, ein solider Wert. Eine ganz andere Meinung als mancher Fan haben Trainer und Spieler zu Standardsituationen. „In Sandhausen sind die endlich mal durchgehend präzise gekommen“, sagte Ndjeng. Luhukay bezeichnet die Torgefahr, die Hertha durch Standards habe, „als eine Extraqualität“. Gerade in engen Partien können dies Spiele entscheiden. „Wir haben mit Marcel und Ronny zwei hervorragende Schützen. Und im gegnerischen Strafraum mit unseren großen Spielern eine sehr gute Lufthöhe“, so der Trainer, „bei uns ist jeder Standard eine halbe Torchance.“

Trotz der Serie von nun elf Spielen ohne Niederlage, trotz des zweiten Platzes in der Zweiten Liga weiß Ndjeng um die Defizite. „Wir sind immer noch dabei, uns kennenzulernen.“ Auch ihm ist nicht entgangen, dass Herthas Kombinationsfluss viel zu häufig nicht wie gewünscht läuft. „Eigentlich wollen wir diese Situationen viel, viel klarer ausspielen. Aber da sind wir noch am Arbeiten.“