Bundesliga

Hertha und Kalou – Mit Drogbas Segen und Rocky Balboa

Dank neuem Stürmerstars und alten Tugenden überwinden die Berliner die Selbstzweifel der letzten Wochen und gewinnen endlich einmal wieder – auch, weil sie einen typischen Underdog-Fußball spielen.

Foto: Martin Rose / Bongarts/Getty Images

Dass einer ein cooler Hund ist, erkennt man im Zeitalter der Digitalisierung bisweilen auch an seinem Twitter-Kanal. „Alles ist schön“, schrieb Salomon Kalou dort nur eine Stunde nach Herthas erkämpften 1:0 gegen Wolfsburg am Mittwochabend. Cool ist das allein noch nicht. Kalou aber garnierte jenen schnöden Satz mit einem Videoausschnitt: Zu sehen war dort Sylvester Stallone. Eine Szene aus dem Film „Rocky Balboa“ von 2006.

Die alternde Boxlegende hat sich soeben von seinem Sohn den Vorwurf anhören müssen, dass dieser von anderen nie als er selbst gesehen werde, sondern nur als der Sprössling seines Vaters. Der aber mache sich selbst nun und somit auch den Sohn durch sein geplantes Comeback im Ring lächerlich.

Rocky zieht die buschigen Augenbrauen hoch und setzt zu einer Standpauke an: „Wenn du weißt, was du wert bist, dann geh’ raus und hol’ dir, was du willst! Aber du musst bereit sein, Schläge einzustecken und nicht nur zu jammern: ‚Ich bin nicht, wo ich sein sollte, wegen dem oder dem.‘ Feiglinge tun das, aber du bist besser als das.“ Stopp. Behalten wir das kurz im Hinterkopf.

Glückwunsch-SMS für den Ivorer

Ein paar Stunden später, am nächsten Morgen, stand Kalou neben Herthas Geschäftsstelle und lächelte sein Zahnlückenlächeln in die Kameras. Natürlich war der Stürmer der gefragteste Mann an diesem Tag. Erstes Spiel für die Berliner von Beginn an, erstes Tor – und dazu noch eines, das für den allerersten Sieg in dieser Saison und damit nach zuvor vier erfolglosen Partien für ein bisschen mehr Ruhe im und um den Verein herum gesorgt hat. Für den neuen Klub gleich beim Startelfdebüt zu treffen, sei eine feine Sache, klar, sagte Kalou.

Und dann erzählte der 29-Jährige, dass ihm neben seinen acht Schwestern und zwei Brüdern auch ein alter Kumpel eine Glückwunsch-SMS geschrieben habe: Didier Drogba. Beide kennen sich aus der ivorischen Nationalmannschaft und der gemeinsamen Zeit beim FC Chelsea. Drogba also schrieb in etwa: Glückwunsch, Junge. Guter Start. Mach weiter so!

Didier Drogba ist einer der schillernsten Namen im internationalen Fußball der vergangenen Jahre und in dieser Funktion färbte er auch ein bisschen auf Kalou ab. Als Hertha den Angreifer kürzlich für 1,8 Millionen Euro aus Lille verpflichtete, kam kein Artikel über ihn ohne den Beisatz aus: Gewann die Champions League 2012 und spielte mit Drogba und solchen Stars.

Nun haben wir also Didier Drogba und Rocky Balboa, um ein bisschen was über Herthas Siegtorschützen Kalou zu erfahren. Beide Namen aber erzählen des Weiteren auch eine Menge über die Berliner selbst und die „Befreiung“ gegen den VfL, wie Trainer Jos Luhukay das 1:0 nannte.

Kalou nämlich ist ja so etwas wie Herthas Drogba – der Star im Team. Er kann gut Fußball spielen, offensichtlich entscheidende Tore schießen und sieht dazu auch noch verflucht gut aus. Den ersten Schritt aus der Krise taten die Blau-Weißen aber nicht, weil sie nun selbst einen kleinen „Drogba“ haben, sondern wieder viele kleine Rocky Balboas.

94 Minuten pure Leidenschaft

Rocky ist ja nichts anderes als der personifizierte Underdog, der sich aus schwierigsten Verhältnissen mit viel Herz und Nehmerqualitäten gegen stärkere Gegner durchboxt. Hertha hat sich gegen die qualitativ besseren Wolfsburger auf eben diesen Stil besonnen: Mit einem fast schon vergessenen Underdog-Fußball, der nicht immer schön, dafür aber leidenschaftlich war, besiegten sie den VfL, der nach dem Spiel und mit Blick auf fast jede gewonnene Kategorie in der Statistik gar nicht verstand, wie das passieren konnte.

„Fußballerisch war das noch nicht zum Genießen, aber die Fans haben 94 Minuten pure Leidenschaft geboten bekommen“, sagte Luhukay stolz. Seine Mannschaft habe ihn „mitgerissen“, weil jeder für den anderen da gewesen sei und „den absoluten Willen“ gezeigt habe. Erstmals in dieser Saison lief sein Team mehr als der Gegner (117,66 Km) und blieb am Ende trotz nur 38 Prozent gewonnener Zweikämpfe ohne Gegentor.

Luhukay hat das in den mehr als zwei Jahren seines Schaffens in Berlin mit dem Wort „Mentalität“ geklammert. Sein Leitsatz war nach dem Wiederaufstieg: Mentalität schlägt Qualität. Mit all den neuen, bisweilen klanghaften Namen, die im Sommer kamen, schien das aber überwunden und Hertha auf die Seite „Qualität“ aufgerückt zu sein.

Psychologisch wichtiger Sieg

Das war ein Trugschluss. Hertha spielt noch lange nicht so gut, wie man sich das erhofft hatte, und in jener holprigen Anfangsphase war es eine weise Entscheidung, sich auf altbewährte Tugenden, einen echten Aufsteigerfußball zu berufen.

„Mit Zusammenhalt und Einsatzwille kann man Erfolg haben. Diese Eigenschaften müssen wir in der Liga abrufen. Dann haben wir die Basis, mit der wir uns wieder Sicherheit holen“, sagte Luhukay. Sein Team hatten zuletzt arge Selbstzweifel geplagt. So trat es zumindest auf. Vor dem Auswärtsspiel gegen Augsburg am Sonntag sind diese vorerst überwunden. „Der Sieg war psychologisch sehr wichtig für uns, damit wir wieder Selbstvertrauen haben“, sagte Per Skjelbred.

Rocky Balboa übrigens – das konnte man in Kalous kleinem Filmausschnitt nicht sehen – hatte seine Motivationsrede an den Sohnemann mit der Boxerweisheit eingeleitet, dass es im Leben nicht darum gehe, wie stark man schlagen, sondern wie gut man einstecken könne. Die Hertha hat zuletzt viel Prügel bezogen. Umgefallen ist sie nicht.