„Gänsehaut.“ „Ein bisschen Kribbeln.“ „Und es wird ganz warm.“ So beschreibt Herthas Cheftrainer Jos Luhukay das Gefühl, das ihn am Montagabend überkommen wird, wenn er im Olympiastadion während des Spitzenspiels der Zweiten Liga gegen Eintracht Braunschweig (20.15 Uhr/Sport1 und hier im Live-Ticker der Berliner Morgenpost) hinüber zur Ostkurve schaut, wo die treusten Hertha-Anhänger stehen.

Der Niederländer genießt die Heimspiele seiner Mannschaft besonders. Einige seiner Vorgänger auf Herthas Trainerbank dagegen hätten ihre Gefühlswelt bei Partien vor eigenem Publikum wohl mit ganz anderen Attributen beschrieben: Angstschweiß. Ein bisschen Schüttelfrost. Und es wird ganz flau in der Magengegend.

Daheim noch ungeschlagen

Doch es hat sich einiges verändert bei den Berlinern, seit Luhukay die Mannschaft im vergangenen Sommer übernommen hat. Dass er mit Vorfreude auf das Heimspiel am Montag blickt, hat gute Gründe. Verliefen die Auftritte im Olympiastadion doch zumeist nach dem Wunsch des 49-Jährigen.

In den 13 Heimspielen der Saison hat Hertha neunmal gewinnen können, viermal unentschieden gespielt und dabei nur neun Gegentore zugelassen. Die Berliner sind damit das einzige Team der ersten und zweiten Spielklasse, das zu Hause noch ungeschlagen ist. Zuletzt gewannen die Blau-Weißen daheim sogar dreimal in Folge (gegen Kaiserslautern 1:0, Duisburg 4:2 und Bochum 2:0).

„Wir sind gerade in unseren Heimspielen besonders stark“, sagt Luhukay wie selbstverständlich. Dabei ist die Dominanz auf eigenem Boden für Hertha BSC keineswegs selbstverständlich. War doch gerade die eklatante Heimschwäche die Achillesferse der Herthaner bei den beiden Abstiegen aus der Bundesliga in den vergangenen drei Jahren. 2009/2010 gewann Hertha vor eigenem Publikum nur ein einziges Spiel und war damit das schlechteste Heimteam der Liga.

Heimfluch in den beiden Abstiegsjahren

Auch 2011/2012 präsentierte sich Hertha im Olympiastadion nur unwesentlich verbessert. Zehn Niederlagen bekamen die Berliner Zuschauer zu sehen bei lediglich vier Siegen. Kein Team musste im eigenen Stadion mehr Gegentore hinnehmen (29). Phlegmatisch wirkten die Spieler oft, wenn sie zu Hause antreten mussten. Als wiege die Erwartung der eigenen Anhänger tonnenschwer auf ihren Schultern.

Die erschreckend schwache Heimbilanz der Vergangenheit ist auch eine Ursache dafür, dass Luhukay heute sagt: „Es brauchte eine Zeit, dass sich die Fans wieder in Hertha verliebten. Die Mannschaft musste sich das erst erarbeiten.“

Herthas Manager Michael Preetz hatte bei Luhukays Vorstellung im Sommer gesagt, er erhoffe sich von der Verpflichtung auch, dass die Mannschaft zukünftig besonders bei Heimspielen wesentlich dominanter auftrete. Dass dies nun tatsächlich eingetreten ist, hat vor allem einen Grund.

„Der Trainer will, dass wir in unseren Heimspielen richtig Pressing spielen“, erklärt Innenverteidiger Fabian Lustenberger die neue Maßgabe. „Wir setzen den Gegner immer unter Druck. Diese Strategie ist bisher immer aufgegangen.“ Luhukay hat seiner Mannschaft bei Auftritten im eigenen Stadion ein aggressives Forechecking verordnet, wie es Borussia Dortmund pflegt.

So wurde beispielsweise Kaiserslautern vor wenigen Wochen überrumpelt, und das ist auch die Marschrichtung gegen Braunschweig am Montag. „Wir wollen voll auf Offensive setzen. Wir werden aggressiv draufgehen und den Gegner von der ersten Minute an unter Druck setzen“, sagt Luhukay. Den zahlenden Zuschauern wolle sein Team schließlich „etwas bieten“.

Respekt vor Braunschweigs Trainer Lieberknecht

Das scheint beim Berliner Publikum anzukommen. Gegen die Niedersachsen werden mehr als 50.000 Zuschauer erwartet. Nach dem Stadtderby gegen den 1. FC Union wäre dies die größte Kulisse der Saison für die Herthaner. „Um die Mannschaft ist wieder mehr Euphorie zu spüren“, sagt Luhukay, der sich für die letzten drei Heimspiele der Saison noch mehr Zuschauer wünscht, „denn das gibt der Mannschaft Aufwind“.

Kapitän Peter Niemeyer ist voller Vorfreude auf das Gipfeltreffen mit der Eintracht: „Es wäre schön, wenn wir gegen Braunschweig gewinnen würden, das wäre ein wichtiger Schritt Richtung Aufstieg.“ Der 29-Jährige erwartet eine „Superstimmung unter Flutlicht“. Es sei alles angerichtet, „jetzt müssen wir nur noch ein geiles Spiel daraus machen“.

Um den Tabellenzweiten Braunschweig auf Distanz zu halten (einen Punkt hinter Hertha) und sich eine verbesserte Ausgangssituation im Rennen um die Zweitligameisterschaft zu erarbeiten, setzt Luhukay auf die wiederentdeckte Heimstärke seiner Mannschaft, ohne den Respekt vor dem Gegner zu vergessen: „Es ist aller Ehren wert, wie Braunschweig auftritt. Sie sind sehr konstant und haben eine enorme mannschaftliche Geschlossenheit“, sagt der Trainer.

Mit Brooks und Lustenberger gegen Torjäger Kumbela

Im Hinspiel bekam Hertha dies bereits zu spüren, als die Blau-Weißen lange einem Rückstand hinterherliefen und erst im Schlussdrittel zum 1:1 ausgleichen konnten. Dem Team von Trainer Torsten Lieberknecht traut Luhukay daher zu, sich auch in der Bundesliga zu etablieren. „Ich habe großen Respekt vor der Arbeit von Lieberknecht. Die Eintracht ist defensiv sehr stark und versteht es, schnell nach vorn umzuschalten.“

Zudem weiß Braunschweig mit Domi Kumbela den bisher besten Angreifer der Liga in den eigenen Reihen (17 Tore). „Er ist ein echter Vollstrecker, auf den wir aufpassen müssen“, so Luhukay. Ihm entgegenstellen will er seine bewährte Innenverteidigung, bestehend aus John Anthony Brooks und Fabian Lustenberger. „Sie sind für mich das beste Abwehrduo der Liga.“

Darüber hinaus könnte Fabian Holland eine neue Chance links in der Viererkette erhalten, der seinen Stammplatz zuletzt an Routinier Levan Kobiashvili verloren hatte. „Fabian ist einsatzfähig und hat sein kleines Tief überwunden. Er ist eine Option für die Startelf am Montag“, sagt Luhukay.