Spitzenspiel

Hertha BSC entführt beim 1:1 einen Punkt aus Braunschweig

Zwei unterschiedliche Halbzeiten, ein gerechtes Ergebnis: Die Berliner haben ein Remis erkämpft. Trainer Luhukay ist damit zufrieden.

Foto: Lars Kaletta / Bongarts/Getty Images

Das Eintracht-Stadion war mit 21.645 Zuschauern restlos ausverkauft. Doch trotz des lärmigen Umfeldes ergab sich ein seltener Moment. Schiedsrichter Joachim Drees blies in seine Pfeife. Schlusspfiff. Und sowohl auf den Rängen als auch bei den 22 Akteuren auf dem Rasen herrschte Stille.

Nichts war zu hören. Ein, zwei Sekunden lang. Als müssten alle Beteiligten einen Moment durchschnaufen: Was war das für ein Nachmittag? 90 Minuten zuzüglich drei Minuten Nachspielzeit hatte das Spitzenspiel gedauert. Am Ende wies die Videowand aus: Eintracht Braunschweig 1, Hertha BSC 1.

Minuten nach dem Abpfiff staunte Trainer Torsten Lieberknecht in der Eintracht-Kabine: „Meine Mannschaft war enttäuscht. Ich habe sie gefragt, ob sie noch alle Tassen im Schrank haben. Ihr habt einen Punkt gegen Hertha BSC geholt. Schaut auf die Tabelle, dann müssen wir uns doch kneifen.“

In der Tat bleibt es auch nach dem elften Spieltag der Zweiten Liga dabei: Außenseiter Braunschweig führt mit fünf Punkten Vorsprung die Tabelle an, Hertha verteidigt Rang zwei.

Peter Niemeyer kassiert fünftes Gelb

Dennoch blieben überkochende Emotionen aus. Fabian Lustenberger, der das Trikot mit seinem Schweizer Landsmann Orhan Ademi getauscht hatte, sagte: „ Wir müssen mit dem Punkt zufrieden sein. In der ersten Hälfte haben wir viel zu ungenau nach vorn gespielt. Die zweite Halbzeit war dann besser.“

Es war ein sehr zerfahrenes Topspiel, das beide Kontrahenten bis zur Pause boten. Lag es an der Kälte oder am rutschigen Rasen, es war kaum Zusammenhang da.

Hertha bekam zunächst keinen Zugriff auf die Partie. Peter Niemeyer kassierte eine frühe Gelbe Karte (12.). Es war seine fünfte, damit fehlt der Kapitän am Freitag im Heimspiel gegen den FC Ingolstadt.

Die Gastgeber hingegen traten zunächst mit dem Selbstbewusstsein einer Mannschaft auf, die in dieser Saison ungeschlagen ist. Resolut, robust und schnörkellos agierte das Team von Trainer Lieberknecht. Und geduldig.

Bis zur 25. Minute ließ sich die Eintracht Zeit für den ersten Torschuss. Der brachte prompt die Führung. Hertha-Verteidiger John Brooks attackierte Dennis Kruppke etwas zu spät, durch die Beine des Berliners sauste der Ball ins linke Eck, 0:1, es war das sechste Tor des Braunschweigers. „Das ist ärgerlich, wir verteidigen gut und lassen nur einen Torschuss zu, aber der ist gleich drin“, haderte Mittelfeldspieler Marcel Ndjeng.

Angriff auf Angriff rollte auf das Braunschweiger Tor

Die Gäste taten sich weiter schwer, Druck aufzubauen. In der Pause sprach Trainer Jos Luhukay seiner Mannschaft Mut zu. Die zeigte nun endlich die Qualitäten eines Aufstiegsanwärters.

Angriff auf Angriff rollte auf das Braunschweiger Tor. „Wir haben viel früher attackiert und den Gegner zu Fehlern gezwungen“, beschrieb Lustenberger den Plan. Doch ehe Hertha ein Powerplay in der Braunschweiger Hälfte aufzog, gab es zwei heikle Situationen zu überstehen. Torwart Thomas Kraft entschärfte Eintracht-Konter gegen Gianluca Korte (61.) und vor allem gegen den frei vor ihm auftauchenden Domi Kumbela (63.).

Doch fortan spielten nur die Gäste. Immer engmaschiger zog Hertha das Netz. Bei einer Grätsche gegen Peer Kluge hätten die Berliner gern Elfmeter gehabt, Schiedsrichter Drees entschied auf Eckball (66.). Dann gelang Luhukay mit der Einwechslung von Sandro Wagner der entscheidende Schachzug. Der 1,93 Meter große Stürmer sicherte Hertha die Dominanz bei jedem hohen Ball. Er legte die Bälle für die Kollegen ab, die das Eintracht-Tor mit Schüssen belegten. Die Niedersachsen wurden immer konfuser, weil Hertha jeden verlorenen Ball postwendend zurückerkämpfte.

Weil die Braunschweiger Defensive ihr Augenmerk auf Wagner legte, profitierte der bis dahin agilste Hertha-Stürmer davon. Ndjeng und Ronny überraschten die Eintracht-Abwehr mit einem schnell ausgeführten Freistoß. Ronny flankte hoch vors Tor, und Adrian Ramos köpfte den Ball energisch ins Tor, sein dritter Treffer, alle drei per Kopf erzielt, 1:1 (78.).

Der kolumbianische Nationalstürmer hätte zum Helden werden können. 45 Sekunden nach dem Ausgleich eroberte Ramos den Ball in der Braunschweiger Defensive – und löffelte ihn mit einem missglückten Kunstschuss über Torwart Daniel Davari und das Tor. Zehn Meter neben ihm reckte der völlig freistehende Wagner flehend die Hände in den Himmel, ein Querpass und Hertha hätte…

Ronny vergibt die letzte Chance

Die letzte Chance zum Siegtreffer vergab Ronny, der gegen die wankenden Braunschweiger einen 18-Meter-Freistoß Zentimeter neben den rechten Pfosten setzte (90.) – es blieb beim letztlich gerechten 1:1. „Die Eintracht hat in der ersten Hälfte aggressiv und robust verteidigt“, sagte Hertha-Trainer Luhukay. „aber nach der Pause haben wir gezeigt, dass wir uns durchsetzen wollten. Wir haben dem Gegner unser Spiel aufgezwungen. Mit dem Resultat bin ich zufrieden, wir haben beide einen Punkt auf die Konkurrenz gewonnen.“ Seit neun Spielen ist der Hauptstadt-Klub nun ungeschlagen.

Sein Braunschweiger Kollege outete sich bei der Pressekonferenz als Fan. „Ich will noch nicht gratulieren“, sagte Lieberknecht, „aber der Aufstieg geht nur über Hertha. Da habe ich keine Zweifel.“ Da huschte dem bis dahin sehr ernst schauenden Luhukay ein kleines Lächeln übers Gesicht.