Sieben Rentner, zwei Journalisten, kein einziger Ordner: Am Arbeitsplatz des Domi Kumbela, einem der derzeit treffsichersten Stürmer im deutschen Profifußball, geht es beschaulich zu. Auch kurz vor dem Saisonhöhepunkt, dem Gastspiel von Eintracht Braunschweig bei Hertha BSC am Montag (20.15 Uhr/Sport1, HIER im Liveticker der Berliner Morgenpost), ist es wundersam ruhig um den Torjäger. Das Gedrängel der Fans und Medien am Rande des Eintracht-Trainingsplatzes hält sich in Grenzen.
In der Mannschaft wird gescherzt, ohne den Blick für das Wesentliche zu verlieren. „Wir haben Respekt, freuen uns aber auf die 1. Liga – wenn es denn wirklich klappt“, sagt Kumbela. Aus dem einstigen Traum, nach 28 Jahren endlich die Rückkehr in die Bundesliga zu schaffen, ist in Braunschweig längst ein klares Ziel geworden – vor allem dank der vielen Tore des 28-Jährigen.
Disco-Schlägerei und Drogenkonsum
Das bundesweit beachtete Spitzenspiel bei Hertha, der ersehnte Aufstieg in Reichweite – die vorläufigen Karrierehöhepunkte für Kumbela sollen die nächsten Schritte eines Spielers nach oben sein, dessen Laufbahn als Berufsfußballer schon als gescheitert galt. Bestimmt blockt der gebürtige Kongolese, der in der Pfalz aufgewachsen ist, die immer wiederkehrenden Fragen zu den düsteren Momenten seiner Vergangenheit ab.
„Was passiert ist, liegt in der Vergangenheit. Ich freue mich über den Erfolg mit Eintracht Braunschweig und habe keine Lust mehr, über das Vergangene zu reden“, sagt jener Mann, den die Bild im Dezember 2007, als er bei Rot-Weiß Erfurt spielte, als „schlimmsten Fußballer des Ostens“ bezeichnet hatte. Kumbela weicht Fragen zu einer Schlägerei in einer Diskothek aus, bei der er nicht nur einen Türsteher verprügelte, sondern auch seine schwangere Lebensgefährtin verletzt haben soll.
Die Liste seiner Verfehlungen ist jedoch weitaus länger: Zum Beispiel der unrühmliche Abgang aus der zweiten Mannschaft des 1. FC Kaiserslautern, aus der er wegen des Konsums von Cannabis verbannt wurde. Oder die mutmaßliche Verwicklung in den Wettskandal 2005, wegen der er vom Landgericht Frankfurt zu einer Geldstrafe verurteilt wurde. Und da sind ja auch noch die Unsportlichkeiten, wegen derer er in Erfurt in wenigen Wochen dreimal vom Platz gestellt wurde und die den Verein letztlich bewogen, Kumbela freizustellen.
Tore als Vergangenheitsbewältigung
Aber all das ist nun Vergangenheit. Schweigen und Tore schießen – das ist die Form der Vergangenheitsbewältigung, mit der Kumbela die Krisen gemeistert hat und bei der Eintracht zum Publikumsliebling aufgestiegen. „Der Domi“, wie ihn die Fans rufen, oder „der Kumba“, wie ihn Braunschweigs Trainer Torsten Lieberknecht liebevoll nennt, hat eine kuriose Vita zu bieten.
Rot-Weiß Ahlen, SC Paderborn und eben Erfurt – seine bisherigen Stationen lassen nur bedingt erahnen, dass dieser bullige Angreifer die Eintracht fast im Alleingang zum Aufstieg schießen könnte. In Abwesenheit des verletzten Kapitäns Dennis Kruppke, in der Hinrunde noch alles überragt hatte, lastet seit der Winterpause die gesamte Verantwortung auf Kumbela. Das klare Bekenntnis, das er mit seiner vorzeitigen Vertragsverlängerung bis zum Sommer 2016 dem Verein gegenüber abgegeben hat, wird mit großen Taten auf dem Platz untermauert. Kumbela glänzt nicht nur als Torschütze, sondern auch als vorbildlicher Arbeiter.
„Domi hat eine spezielle Historie. Aber er übernimmt bei uns Verantwortung. Und er weiß auch, was er an uns hat“, sagt Eintracht-Manager Marc Arnold. „Er hat verstanden, dass Fußball auch ein Beruf ist. Es entwickelt sich alles in die richtige Richtung.“
Luhukay: „Kumbela ist ein Ausnahmespieler“
Kumbela kam 2010 ablösefrei aus Ahlen nach Braunschweig. Schon 2008 spielte er für die Niedersachsen, in dieser Saison aber ist er wertvoller den je. Es ist das Verdienst von Eintracht-Trainer Lieberknecht, dass Kumbela nunmehr seine Stärken voll einbringt. Dem ist sich auch der Spieler selbst bewusst: „Meine Vertragsverlängerung war auch eine sehr persönliche Entscheidung, weil ich mich in Braunschweig sehr wohl fühle, und weil mir der Trainer hier eine zweite Chance gegeben hat, mein Glück neu zu versuchen“, sagt Kumbela, der in dieser Saison bereits 17 Tore erzielt hat.
Damit ist er der Toptorjäger der Liga. Daher warnt Herthas Cheftrainer Jos Luhukay seine Mannschaft: „Er ist der Ausnahmespieler im Team der Braunschweiger und hat viele, viele Spiele für sie entschieden. Da müssen wir aufmerksam sein.“
Der zweite Frühling des Domi Kumbela steht stellvertretend für eben jenen von Eintracht Braunschweig, das nach dem deutschen Meistertitel 1967 auf eine ebenso bewegte Historie mit Skandalen zurückblickt wie der Stürmer. Mittlerweile gibt die Eintracht wieder ein idyllisches Bild ab. Lieberknecht und Arnold sind seit ihrem Amtsantritt vor fast fünf Jahren für eine Bodenbildung und eine Weiterentwicklung verantwortlich, die Applaus verdient.
In Ermangelung der finanziellen Mittel für namhafte Zugänge ist die Braunschweiger Erfolgsmannschaft Stück für Stück mit jungen Akteuren aus unteren Spielklassen ergänzt worden. Im Fall von Kumbela wollte das Führungsduo auf einen Mann bauen, an dessen Qualitäten beide immer geglaubt haben, und der sich seinen Weg zu anderen Vereinen schon verbaut hatte. „Ich habe mich weiterentwickelt und übernehme mittlerweile eine gute Rolle in der Mannschaft“, sagt Kumbela.
Er spricht von einer großen Vorfreude. Olympiastadion, mehr als 50.000 Zuschauer, Duell der Zweitliga-Giganten – es sind große Auftritte wie diese, die Domi Kumbela dabei helfen, seine unrühmliche Vergangenheit endgültig abzuschütteln.





