Zweite Liga

Herthas Jugend steht auf dem Prüfstand

Die Zweite Liga ist für Herthas Talente eine Reifeprüfung. Trainer Jos Luhukay verfährt nach dem Motto Fordern und Fördern. Doch nicht alle Youngster konnten sich für höhere Aufgaben empfehlen.

Foto: Rauchensteiner / picture alliance/Augenklick/Ra

Der 5. Oktober 2012 war ein Tag nach dem Geschmack von Jos Luhukay. Vor dem Hinspiel gegen Herthas kommenden Gegner 1860 München (Sonnabend, 13 Uhr/Sky und im Liveticker der Berliner Morgenpost) hatten die Berliner einen Engpass in der Defensive zu kompensieren. Nach Maik Franz hatte sich auch Abwehrspieler Felix Bastians verletzt, und Herthas Cheftrainer musste in der Innenverteidigung ein wenig improvisieren.

Neben Mittelfeldspieler Fabian Lustenberger stellte der Niederländer den damals erst 19 Jahre alten John Anthony Brooks auf. Und die scheinbare Notlösung entpuppte sich als Glücksgriff. Hertha besiegte die bis dahin ungeschlagenen Löwen und spielte gegen die starke Offensive der Münchner sogar zu Null. Von diesem Tag an hat sich Brooks, das Eigengewächs aus Herthas Jugendakademie, zur festen Größe im Abwehrzentrum entwickelt.

Der Deutsch-Amerikaner ist ein Beispiel dafür, dass Luhukay in einer für Hertha existenziell wichtigen Spielzeit nicht davor zurückschreckt, auf eigene Talente zu setzen. Dass das Experiment mit Brooks positiv ausgeht, war nicht zu erwarten. „Es ist noch nicht so lange her, da waren wir vor allem mit Brooks’ Fitness nicht zufrieden. Er hat selber hart an sich gearbeitet und verstanden, worum es im Profifußball geht“, sagt Herthas Manager Michael Preetz.

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Der Rückgriff auf die eigenen Nachwuchsspieler ist für Hertha eine finanzielle Notwendigkeit. Mit 42 Millionen Euro Verbindlichkeiten muss der Verein zwangsläufig auch seine Spieler selbst ausbilden und formen. Dies war ein Grund dafür, dass man sich vor der Saison für Jos Luhukay als neuen Trainer entschieden hat.

Denn der 49-Jährige hatte bereits bei seinen früheren Stationen in Paderborn, Mönchengladbach und Augsburg bewiesen, dass er die Fähigkeit besitzt, junge Spieler zu entwickeln, und dass er zu ihnen einen besonderen Draht hat.

Brooks hat Luhukays Forderungen am deutlichsten umgesetzt

Doch die Hand, die Luhukay den Talenten reicht, ist bei Hertha verbunden mit einer Forderung: „Unsere jungen Spieler haben in der Zweiten Liga die Chance zu beweisen, dass sie nicht nur dabei sein wollen, sondern auch in der Bundesliga in der kommenden Saison eine wichtige Rolle für uns spielen können“, sagte Luhukay zu Saisonbeginn.

Einer, der diese Forderung bisher am deutlichsten umgesetzt hat, ist Brooks. Seit dem Hinspiel gegen München fehlte er nur ein einziges Spiel. „John ist ein Paradebeispiel für einen unserer Jungen, der die Zweite Liga genutzt hat, um sich durchzusetzen. Wir trauen ihm zu, dass er auch in der Bundesliga seinen Stammplatz verteidigen kann“, sagt Preetz.

Schulz hat sich festgespielt

Ein weiteres Positiv-Beispiel ist derzeit Nico Schulz. Nach seiner Verletzungspause setzte ihn Luhukay zuletzt dreimal in Folge von Beginn an ein und gab ihm damit sogar den Vorzug vor Änis Ben-Hatira. „Ich bin wirklich angetan von seiner Leistung. Es ist nicht selbstverständlich, mit so viel Tempo und Einsatzwillen zurückzukommen“, lobte er den Mittelfeldspieler.

Schulz hat Luhukays Gleichschritt zwischen Fordern und Fördern verstanden: „Für uns junge Spieler ist es super, dass der Trainer uns das Vertrauen schenkt. Im Gegenzug müssen wir unsere Chance dann auch nutzen und es mit Leistung zurückzahlen.“

Sein Vertrag läuft noch bis 2014, und Preetz sagt: „Nico haben wir voll auf dem Zettel für die nächste Saison und wünschen uns, dass er den nächsten Schritt macht.“

Holland in der Rolle des Herausforderers

Lange sah es bei Fabian Holland so aus, als meistere auch er die Reifeprüfung Zweite Liga, um sich für höhere Aufgaben zu empfehlen. Nachdem der 22-Jährige fast die komplette Hinrunde auf der Position links in der Viererkette gesetzt gewesen war, stagnierten seine Leistungen jedoch nach der Winterpause. Seinen Stammplatz verlor Holland an Routinier Levan Kobiashvili.

„Es ist bei jungen Spielern nicht ungewöhnlich, dass sie auch mal eine Schwächephase haben. Aktuell ist er in der Rolle des Herausforderers und hat mit Kobiashvilli einen starken Konkurrenten vor sich“, erklärt Preetz.

Brooks und Holland im Visier von U21-Nationaltrainer Adrion

Holland selbst hat sich vorgenommen, sich seinen Stammplatz schnellstmöglich zurückzuholen: „Für mich geht es nur darum, im Training alles zu geben, um zu zeigen, dass ich der Beste für diese Position bin. Ganz einfach.“

Ob er schon reif für die Bundesliga ist, werde sich zeigen: „Ich traue es mir auf jeden Fall zu, und ich denke, dass weiß der Trainer“, sagt Holland. Im Dezember hat Hertha den Vertrag mit ihm bis 2016 verlängert. Ein Zeichen dafür, dass Preetz auch in der Ersten Liga auf ihn setzen will.

Holland und Brooks haben sich darüber hinaus in den Fokus der U21-Nationalmannschaft gespielt. „Dass Holland sich auf der linken Seite durchsetzt, war so nicht zu erwarten. Er ist eine spannende Personalie, ebenso wie Brooks“, sagt Nationaltrainer Rainer Adrion.

Neben Brooks, Holland und Schulz hat auch der 17 Jahre alte Hany Mukhtar erste, gute Eindrücke bei Luhukay hinterlassen. Ihn hat der Trainer zuletzt sogar als potenziellen Ersatz für Spielmacher Ronny ins Gespräch gebracht.

Einige Talente warten noch auf ihren Durchbruch

Doch es gibt auch Talente im Hertha-Kader, die bisher noch auf ihren Durchbruch warten. Einerseits der Defensiv-Allrounder Alfredo Morales (22), andererseits Marvin Knoll (21), der im Mittelfeld flexibel einsetzbar ist. Die Verträge beider Akteure laufen im Sommer aus, und Manager Preetz sagt: „Beide haben die Chance, uns bis zum Ende der Saison von sich zu überzeugen. Vor allem Morales ist auf einem guten Weg.“

Das liegt nicht zuletzt am Nationalmannschaftslehrgang der USA unter Trainer Jürgen Klinsmann im Januar. Morales kehrte mit viel Selbstbewusstsein zurück. Beim 1:0-Sieg gegen den VfR Aalen konnte er über 90 Minuten auf sich aufmerksam machen und dürfte am Sonnabend gegen München eine Alternative für den verletzten Mittelfeldspieler Peer Kluge sein.

„Alfredo hat alle Chancen auf eine Weiterbeschäftigung bei uns“, so Preetz. Bei Knoll dagegen ist die Situation schwieriger. Die Chancen, die ihm Luhukay zu Beginn der Saison und nach der Winterpause gab, konnte er auch aufgrund seiner Verletzungen nicht nutzen, um einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen. Zwar sagt Preetz, dass auch bei ihm die Tür offen stehe, doch eine Vertragsverlängerung ist unwahrscheinlich.

Ihn könnte das Schicksal von Shervin Radjabali-Fardi ereilen, den Luhukay nach der Winterpause aussortierte. Auch sein Vertrag läuft aus. Noch bleiben Morales und Knoll neun Saisonspiele, um sich bei Luhukay für die Bundesliga zu empfehlen. Die Gelegenheit dazu war nie besser als in dieser Zweitliga-Saison.