Fußball

Hertha entdeckt den Jungbrunnen

Trainer Luhukay vertraut regelmäßig Talenten wie Brooks, Holland, Schulz oder Mukhtar - und hat Erfolg dabei

- An den 26. September 2012 wird sich Hany Mukhtar sein Leben lang erinnern. Es ist einer der ersten kühlen Herbsttage des Jahres. Hertha BSC führt gegen Dynamo Dresden mit 1:0. Fast 43.000 Zuschauer im Olympiastadion, 90. Minute. Mukhtar steht an der Seitenlinie und kommt für den entkräfteten Brasilianer Ronny in die Partie. Nur ein paar flüchtige Augenblicke, dann pfeift der Schiedsrichter ab. Das Spiel ist gewonnen und Hany Mukhtar am Ziel seiner Träume angekommen.

An jenem Tag gibt der 17 Jahre junge Mittelfeldspieler sein Debüt im Profiteam von Hertha BSC. Gerade einmal drei Monate zuvor hatte Mukhtar mit der B-Jugend der Berliner das Finale um die Deutsche Meisterschaft gegen den VfB Stuttgart gewonnen. Nun also ist er Teil einer Zweitliga-Mannschaft, die als Topfavorit für den Aufstieg in die Erste Liga gilt. Ein "unbeschreibliches Gefühl" sei das gewesen, sagte Mukhtar nach diesem Abend. "Ein Traum, für den ich zehn Jahre lang gearbeitet habe." An einen dachte er in diesem Moment besonders - an Trainer Jos Luhukay: "Ihm verdanke ich alles."

Hany Mukhtar ist das jüngste Beispiel für einen Nachwuchsspieler, dem Herthas Cheftrainer das Vertrauen geschenkt hat. Seit Luhukay im vergangenen Sommer vom FC Augsburg gekommen ist, beorderte er mehrfach Spieler aus der Berliner Jugendabteilung in den Zweitliga-Kader. Ungewöhnlich ist das zwar nicht. Bemerkenswert aber ist, dass der Niederländer in einer Saison, an deren Ende für den Bundesliga-Absteiger nicht weniger als der direkte Wiederaufstieg stehen muss, von Beginn an den Mut besaß, diese jungen Spieler auch in die Startelf aufzubieten. Als etablierte Akteure zu Saisonbeginn ausfielen, schickte Luhukay unter anderem John Anthony Brooks (19 Jahre), Nico Schulz (19), Marvin Knoll (21) und Torwart Philip Sprint (19) aufs Feld - alle samt gebürtige Berliner. Am dritten Spieltag überraschte Luhukay, als er Fabian Holland (ebenfalls in Berlin geboren) auf der linken Abwehrseite zum Startelf-Debüt in der aktuellen Spielzeit verhalf. Auch er ist erst 22 Jahre alt. Holland hat diesen Platz seitdem nicht mehr hergegeben und in den sechs Partien seither keine einzige Sekunde verpasst.

Herthas wirtschaftliche Zwänge

Es sei natürlich toll, wenn die "Jungs" die Möglichkeit bekommen, ihre Qualität einzubringen, sagt Luhukay. Spieler wie Holland, Brooks, Schulz oder Mukhtar seien auf einem vielversprechenden Weg. Für ihre Entwicklung seien Einsatzzeiten bei den Profis enorm wichtig. Dann folgt ein Satz, der den Standpunkt des Trainers deutlicher kaum herausstellen könnte: "Ich fürchte mich jedenfalls nicht davor, die Jungs einzusetzen."

Luhukay weiß, dass er bei Hertha BSC allein aus wirtschaftlichen Gründen zunehmend auf junge Spieler setzen muss. Verbindlichkeiten von über 30 Millionen Euro sowie ein fast um die Hälfte reduzierter Etat (im Vergleich zur Bundesliga-Vorsaison) lassen dem Hauptstadt-Klub keine andere Wahl. Davon abgesehen hat die Ausbildungsarbeit Tradition im Verein: Die Deutsche Fußball-Liga hat Herthas Nachwuchsakademie mit der höchsten Wertung - drei Sterne - zertifiziert. Doch seitdem Hertha ausbildet, gibt es Diskussionen darüber: Wie viel dieser Talente kommen tatsächlich im Profigeschäft an?

Deshalb hat Hertha-Manager Michael Preetz im Sommer einen Trainer verpflichtet, der auf seinen bisherigen Stationen bewiesen hat, dass er mit jungen Leuten arbeiten kann. Beim SC Paderborn gehörte in der Saison 2005/06 beim damaligen Coach Luhukay der erst 19 Jahre alte Daniel Brinkmann zum Stammpersonal des Zweitligisten. Bei Borussia Mönchengladbach vertraute Luhukay zwei Jahre später auf einen 18-jährigen Mittelfeldspieler, den er zum Stammspieler machte. Mittlerweile ist er Nationalspieler und verdient sein Geld beim FC Chelsea: Marko Marin. Auch während der drei Saisons beim FC Augsburg war sein Team von Jungspunden wie Ibrahim Traoré (21), Stephan Hain (21) und Moritz Leitner (18) gespickt. Alle drei spielen heute erstklassig.

Die Kritiker in Berlin sahen Luhukay zunächst anders. Der neue Hertha-Trainer strich am Ende der Vorbereitung gleich drei Junioren-Nationalspieler aus dem Kader: Sebastian Neumann (21/jetzt verkauft an den VfL Osnabrück), Fanol Perdedaj (21/ausgeliehen an Lyngby BK) und Marco Djuricin (19/ausgeliehen an Jahn Regensburg). Hinter vorgehaltener Hand hagelte es Kritik. Der neue Trainer werde auf erfahrene Spieler wie Sami Allagui (26), Peter Niemeyer (28), Marcel Ndjeng (30) oder Peer Kluge (31) setzen, das sei doch kein Zukunftskonzept.

Die Fakten jedoch sagen: Hertha betreibt die Mission Wiederaufstieg mit dem viertjüngsten Kader der Zweiten Liga. Ja, Luhukay setzt auf den Faktor Erfahrung. Aber eben auch die Jugend. Die Youngster berichten nach dem ersten Saisondrittel von ihrem Vorgesetzten: "Luhukay hat einen besonderen Draht zu jungen Spielern." Das sagt Nico Schulz. Den 19-Jährigen, der schon vor zwei Jahren erste Profi-Einsätze hatte, hatte Luhukay zu Beginn als Linksverteidiger und zuletzt als Einwechselspieler auf verschiedenen Positionen gebracht. Der Trainer rede oft mit den Jungen. "Er sagt immer wieder, dass er uns jungen Spielern vertraut und unser Talent schätzt." Dass Luhukay bereits in der Vergangenheit Nachwuchsspieler förderte, weiß Schulz: "Deswegen schaue ich positiv in die Zukunft mit ihm als Trainer."

Auch John Brooks hat das Gefühl, in Luhukay einen Coach zu haben, der ihn versteht: "Er kann auf uns Junge sehr gut eingehen. Er sagt, was wichtig ist und nimmt uns Ängste." Auch ihn stellte Luhukay zu Saisonbeginn in die Startelf und beorderte den Deutsch-Amerikaner nach den Ausfällen von Maik Franz, Roman Hubnik und Felix Bastians zuletzt im Topspiel gegen 1860 München (3:0) erneut dorthin. Nicht ohne ihn zuvor in einem langen Gespräch noch auf dem Trainingsplatz auf die Aufgabe einzuschwören.

Holland, der von den Nachwuchsspielern in dieser Saison die meiste Einsatzzeit bekam, sagte: "Der Trainer lässt diejenigen spielen, die am besten drauf sind. Da ist es ihm egal, ob einer älter oder jünger ist."

Dennoch weiß Luhukay, dass er die Erwartungen an seine Rohdiamanten dämpfen muss. Eine "Goldene Generation" wie einst (Kevin) Boateng, Dejagah und Ebert seien die Jungen noch nicht, sagt Luhukay. "Wir sind froh, dass wir die Jungs haben. Aber es ist ein weiter Weg, bis sich die Talente als Profis stabilisieren."

Talente schwärmen von Luhukay

Anders als sein Trainer-Vorgänger Markus Babbel, der in seinem ersten Zweitliga-Jahr bei Hertha zwar auch auf Youngster wie Angreifer Pierre Michel-Lasogga und Schulz gesetzt hatte, in der darauffolgenden Bundesliga-Saison aber davon zunehmend Abstand nahm, hält Luhukay verstärkt Kontakt zu den Jugendteams bei Hertha. So schaut er oft selbst oder einer seiner Co-Trainer Spiele der B-, A- und U23-Mannschaften. Zudem lädt Cotrainer Markus Gellhaus einmal in der Woche die Toptalente der Jugendteams zu einem besonderen Sichtungstraining.

Nico Schulz ist sich sicher, dass Luhukays Affinität zu jungen Profis auch nach einem möglichen Aufstieg im kommenden Jahr anhalten wird. So sagt Schulz: "Ich glaube, er wird auch in der Bundesliga auf uns setzen." Wenn es so kommt, dann könnte sich für Hany Mukhtar einen weiteren Traum erfüllen.