Zweite Liga

Herthas Scheitern in Dresden ist auch eine Chance

Aus der Pleite gegen Dynamo müssen die Berliner die Lehren für den Saisonendspurt ziehen. Platz eins ist für Hertha BSC in Gefahr.

Foto: Thomas Eisenhuth / dpa

„Fehler“, hat James Joyce einmal gesagt, „sind das Tor zu neuen Entdeckungen“. Auch wenn der irische Schriftsteller des frühen 20. Jahrhunderts nicht als ausgeprägter Fußballfachmann herhalten kann, so liegt in Joyce‘ Worten letztlich doch die Schlüsselerkenntnis für den bestmöglichen Umgang mit sportlichen Niederlagen: Dem Scheitern wohnt die Chance inne, es beim nächsten Mal besser zu machen. So einfach ist das.

Nun ist nicht bekannt, ob Herthas Cheftrainer Jos Luhukay ein Liebhaber derartiger Aphorismen ist. Seinen Profis aber gab der Niederländer am Sonntag und Montag frei, um über die verdiente Niederlage gegen Dynamo Dresden (1:0) am Sonnabend nachzudenken und vielleicht ja sogar selbst einige Entdeckungen zu machen.

Die Pleite bei den abstiegsbedrohten Sachsen war der erste Misserfolg nach 21 ungeschlagenen Partien und erst die zweite Niederlage für Hertha überhaupt in der laufenden Saison.

Ungewohnte Defensivschwächen

Und sie hatte Gründe: Nicht nur, dass die Berliner lediglich in der Anfangsphase ihr gewohnt dominantes Spiel aufziehen, sich danach aber gegen aufopferungsvoll kämpfenden Dresdnern kaum noch durchsetzen konnten. Auch die ansonsten stabile Defensive der Blau-Weißen zeigte gegen den bulligen Angreifer Mickael Poté und dessen flinken Kollegen Lynel Kitambala ungewohnte Schwächen.

Dass der Siegtreffer zu allem Überfluss durch ein Eigentor (Pierre-Michel Lasogga) nach einem Dresdner Freistoß fiel, passte ins Bild dieses verkorksten Betriebsausflugs. Denn Dynamo schlug Hertha schließlich mit den eigenen Waffen. Gewann Luhukays Team doch im Hinspiel ebenfalls durch ein Selbsttor nach Freistoß mit 1:0.

Dass die Pleite auf den kurzfristigen Personalwechsel vor der Partie zurückzuführen war, als mit Marcel Ndjeng und Ronny gleich zwei Spieler passen mussten und durch Lasogga und Sandro Wagner ersetzt wurden, will man bei Hertha nicht gelten lassen. Zwar sagte Luhukay: „So etwas habe ich noch nie erlebt.“

Doch Herthas Manager Michael Preetz verwies auf die Qualität der Spieler, die dafür ins Team rückten: „Das darf keine Ausrede für uns sein.“ Man habe verdient verloren und gesehen, dass der Aufstieg „kein Spaziergang“ wird. „Es ist nicht selbstverständlich, dass wir so aufspielen wie zuletzt. Wir haben immer noch alle Karten selbst in der Hand und werden auch wieder erfolgreicher spielen“, so Preetz.

Kluge fordert volle Konzentration auf Duisburg

In der Tat gibt es wenig Gründe für Hertha, in Panik zu verfallen. Denn die Folgeschäden der Niederlage gegen Dresden sind überschaubar. Weil Verfolger Kaiserslautern gegen Bochum nicht über ein 0:0 hinaus kam, verkürzte sich Herthas Abstand auf den Relegationsplatz drei nur um einen Zähler auf zwölf Punkte.

Darüber hinaus hat die erste Pleite nach 21 ungeschlagenen Spielen auch etwas Gutes, wie Peer Kluge befand: „Jetzt ist endlich das Gerede von der Serie vorbei.“ Je mehr darüber gesprochen wurde, so der 32-Jährige, umso größer sei die Gefahr gewesen, dass sich irgendwann der Schlendrian einschleicht.

Auch sein Kollege Nico Schulz hatte nach der Niederlage gesagt: „Vielleicht haben wir im Kopf ein bisschen nachgelassen.“ Das müsse nun Vergangenheit sein, so Kluge: „Wir wissen jetzt wieder, wie sich das Verlieren anfühlt, und ich hoffe, dass wir uns in der nächsten Woche wieder voll konzentrieren.“

Den Berlinern bietet sich nunmehr die Gelegenheit, frei nach Joyce, aus ihren Fehlern in Dresden die richtigen Lehren für die ausstehenden zehn Partien der Saison zu ziehen. Und das möglichst schnell.

Denn am Sonntag empfängt Hertha mit dem MSV Duisburg erneut einen Klub aus den unteren Gefilden der Tabelle, dessen Formkurve zuletzt mit zwei Unentschieden in Folge (darunter ein 1:1 gegen den Drittplatzierten Kaiserslautern) wieder etwas nach oben zeigte.

Platz eins ist in Gefahr

Hertha muss hoffen, dass dies zumindest vorerst so bleibt, denn heute trifft der MSV auf den Tabellenzweiten Eintracht Braunschweig und könnte verhindern, dass die Berliner bei einem Sieg der Eintracht nach nur einer Woche wieder von der Tabellenspitze verdrängt werden. Zwar hat Luhukay kürzlich betont, dass es für ihn zweitrangig ist, ob Hertha auf Platz eins oder zwei aufsteigt.

Doch seine Mannschaft dürfte erleichtert sein, wenn man sich trotz des Missgeschicks gegen Dynamo weiterhin Tabellenführer nennen könnte. Dann nämlich bliebe die Pleite weitestgehend folgenlos.

Luhukay selbst übrigens ging mit der ersten Niederlage seit dem 2. Spieltag auffällig entspannt um. Man müsse sie mit Größe verarbeiten und akzeptieren, dass Dresden an diesem Tag die bessere Mannschaft war. Dass die schöne Sammlung von ungeschlagenen Partien nun futsch ist, kümmerte ihn wenig. „Jede Serie reißt irgendwann“, sagte der 49-Jährige nur beiläufig.

Trotziger gab sich sein Kapitän Peter Niemeyer: „Jetzt müssen wir eben eine neue Serie starten.“ Dem Scheitern wohnt schließlich eine Chance inne.