Zweite Liga

Hertha BSC sucht Verstärkung auf der Außenbahn

Aufstiegsfavorit Hertha hat keine überragende Besetzung für die rechte Seite gefunden. In Dresden will Talent Nico Schulz überzeugen.

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Auf dem Papier sieht die Aufgabe nach einem Pflichtsieg aus. Tabellenführer Hertha BSC gastiert beim 16. der Zweiten Liga, Dynamo Dresden (heute, 13 Uhr). Doch Jos Luhukay tut, was ein Trainer immer zu tun hat: „Dresden ist stärker, als es die Tabelle ausdrückt. Sie haben mit Mickael Poté einen der besten Stürmer der Liga, auch über Außen sind sie stark. Ich bin etwas verwundert, dass sie sich im Abstiegskampf befinden.“

Bei den Kellerkindern Jahn Regensburg und SV Sandhausen hatten die Berliner locker mit 5:1 und 6:1 gewonnen. Luhukay lehnt es strikt ab, beim Drittletzten in ähnlichen Dimensionen zu denken. „In Dresden erwartet uns ein Gegner, der absolut nicht zu unterschätzen ist.“

Die Herausforderung im Glücksgas-Stadion hat verschiedene Aspekte. Zum einen kann Hertha BSC, seit 21 Partien ungeschlagen, den stolzen Lauf an der Elbe auf 22 Begegnungen ausbauen. Das wäre die zweitbeste jemals gespielte Serie im deutschen Unterhaus. Bisher gelang dieses Kunststück 1982/83 Waldhof Mannheim. Den Bestwert hat der 1. FC Köln 2002/03 aufgestellt (25).

Nach dem schwer erarbeiteten, aber hochverdienten Sieg im Topspiel gegen Kaiserslautern sowie dem beruhigenden Abstand von 13 Punkten auf Relegationsrang drei kann Hertha auch die Planungen für die (mutmaßliche) Bundesliga-Saison 2013/14 forcieren. Mit Blick auf das bisherige Jahr fällt auf, dass der Hauptstadt-Klub nirgends so viel Personal im Einsatz hatte wie auf den Außenbahnen rechts und links.

Auf der rechten Seite waren acht Kandidaten im Einsatz: Daniel Beichler (mittlerweile an SV Sandhausen ausgeliehen), Adrian Ramos, Nikita Rukavytsya (nach Mainz gewechselt), Marcel Ndjeng, Änis Ben-Hatira, Nico Schulz und Sami Allagui. Auf der linken Seite waren sechs Profis unterwegs: Marvin Knoll, Ben-Hatira, Ramos, Schulz, Ben Sahar und Allagui.

Die vielen Wechsel hatten mit Verletzungen zu tun. Zudem bedeutet Spielpraxis für viele verschiedene Spieler, dass die interne Zufriedenheit wächst. Weil unter Luhukay jeder Spieler die Chance sieht, zu Einsätzen zu kommen.

Kritik an Sahar und Allagui

Aber die vielen Wechsel besagen auch etwas anderes: Dass der Aufstiegsfavorit keine überragende Besetzung für diese beiden laufintensiven Positionen gefunden hat. „Wir mussten da öfters notgedrungen wechseln“, sagte Luhukay. Der Trainer macht kein Hehl daraus, dass ihn nicht jede Lösung überzeugt hat. „Auch wenn es nicht ihre Wunschposition ist: Ben Sahar und Sami Allagui hatten ihre Chancen. Aber wir waren nicht immer zufrieden .“

Keine Frage, für die Bundesliga braucht Hertha Verstärkungen. Es ist kein Geheimnis, dass seit Längerem Flügelspieler gescoutet werden. Seit Monaten steht Szymon Pawlowski (26) von Zaglebie Lubin auf dem blau-weißen Wunschzettel. Der polnische Nationalspieler kann im Mittelfeld sowohl rechts wie links als auch zentral im Mittelfeld spielen.

Für die derzeitigen Hertha-Profis bedeutet die aktuelle Konstellation: Elf Spiele in der Zweiten Liga stehen noch aus. Elf Mal bietet sich also die Gelegenheit, Werbung in eigener Sache zu betreiben. Auf der rechten Seite ist derzeit Marcel Ndjeng (30) gesetzt. Herthas „Mr. Zuverlässig“ stand bei allen 23 Saisonpartien auf dem Platz. Als Teamplayer, der er ist, hat Ndjeng als rechter Außenverteidiger ausgeholfen. Seine Bilanz mit vier Toren und drei Vorlagen ist solide. Ndjeng ist auch kommende Saison dabei. Allerdings würde man sich für die Bundesliga ein wenig mehr Dynamik wünschen.

Auf der linken Seite hat nach dreimonatiger Verletzungspause Nico Schulz (19) mit einer couragierten Vorstellung gegen Lautern auf sich aufmerksam gemacht. Der Youngster, der aus der eigenen Jugend kommt, räumte ein, überrascht gewesen zu sein. „Davor war ich ja nicht mal im Kader. Der Trainer hat mir gesagt, dass er glaubt, dass ich bei 100 Prozent bin.“ Schulz agierte unerschrocken und mutig. Schon nach drei Minuten konnte Lauterns Schlussmann Tobias Sippel ihn nur per Foul stoppen. Pech für Hertha, dass Ronny mit dem fälligen Elfmeter am Torwart scheiterte.

Hertha setzt auf eigene Talente

Der U20-Nationalspieler, der bereits in der Hinrunde zwölfmal im Einsatz war, will die Gelegenheit unbedingt nutzen, sich zu etablieren. Die Fans mögen ohnehin Spieler aus dem eigenen Nachwuchs. Auch die finanziell schwierige Lage von Hertha legt einen Schwerpunkt auf selbst ausgebildete Profis nahe. Zudem ist es als Talent leichter, in der Zweiten Liga zu Einsätzen zu kommen, als im Oberhaus.

Die Erfahrungen im Profi-Alltag, die jetzt in Dresden, Aue, bei 1860 München oder dem 1. FC Köln gesammelt werden, kann ihm dann niemand nehmen. „Ich hoffe natürlich, der zu sein, der sich durchsetzt“, sagte Schulz, verweist aber auf die Unwägbarkeiten seines Berufes. „Am Anfang hat Änis da gespielt. Dann hat er sich verletzt, dann habe ich gespielt. Dann habe ich mich verletzt.“

Heute bei Dynamo Dresden wird Trainer Luhukay erneut Schulz vertrauen. Die wesentlich erfahreneren Konkurrenten Sahar (23) und Allagui (26) stehen nicht mal im 18er-Aufgebot.