Interview

Herthas John Heitinga – „Platz elf gilt es zu toppen“

Herthas Verantwortliche halten sich mit Saisonzielen zurück. Ihr neuer Verteidiger setzt sich trotzdem eines. Im Interview spricht John Heitinga über Siegermentalität und seine indonesischen Wurzeln.

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Die Integration stockt noch ein bisschen bei John Heitinga. Immer wenn Herthas neuer Innenverteidiger im Interview über seinen Trainer Jos Luhukay spricht, benutzt er das Wort „Manager“. Heitinga hat fünf Jahre in England gespielt. Dort heißt der Trainer eben Manager, weil er beide Ämter in Personalunion innehat. Ansonsten allerdings scheint der 30 Jahre alte Niederländer weniger Startschwierigkeiten bei seinem neuen Klub zu haben. Beim heutigen Saisonauftaktspiel der Berliner im Olympiastadion gegen Werder Bremen (15.30 Uhr/Liveticker bei immerhertha.de) wird der Vizeweltmeister von 2010 schon in der ersten Elf stehen. Ein Gespräch über Neuanfänge.

Berliner Morgenpost: Herr Heitinga, in Deutschland gibt es den berühmten Vers von Hermann Hesse: Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Schon mal gehört?

John Heitinga: Nie gehört, aber ich finde, das passt ganz gut. So geht es mir auch gerade. Für mich ist Hertha ein Neuanfang, eine neue Herausforderung. Und den Zauber darin spüre ich.

Mögen Sie Veränderungen?

Ja, total. Nicht nur im Fußball mag ich Veränderungen, sondern auch im Leben allgemein. Nach 18 Jahren bei Ajax Amsterdam ging ich nach Spanien und lernte dort eine neue Sprache und eine neue Kultur kennen. Danach war ich fünf Jahre in England. Das verändert einen. Und das ist gut so.

Sie spielen nun in Ihrem fünften Klub und in der vierten verschiedenen Liga. Ist es Ihnen nie schwer gefallen, neu anzufangen?

Der größte Sprung für mich war der von Ajax zu Atletico Madrid. Denn damals war es das erste Mal, dass ich meine Heimat verlassen habe. Jetzt ist die einzige Schwierigkeit, dass ich mit zwei kleinen Kindern umziehe. Alles muss mit der Schule organisiert werden. Zum Glück haben wir schon am Tag meiner Unterschrift hier in Berlin ein Haus gefunden. Meine Familie ist nun bei mir. Das ist die Basis: Wenn die Familie glücklich ist, kommt der Rest von allein. Dann fällt mir der Neustart auch nicht schwer.

Gibt es bei Hertha eigentlich ein Ritual für neue Spieler? Mussten Sie vor der Mannschaft singen oder eine Rede halten?

Nein. Zum Glück nicht. In England musste ich vor der versammelten Mannschaft singen. Aber ich bin ein ganz schrecklicher Sänger. Da haben die Kollegen hier noch einmal Glück gehabt.

Man könnte sagen, dass Sie diesen Neuanfang bei Hertha auch gebraucht haben. Ihre Karriere ebbte im letzten Jahr ab. Bei Everton saßen Sie nur auf der Bank. Mit Fulham stiegen Sie ab und verpassten auch die WM.

Das ist die eine Sichtweise. Die andere ist, dass ich in der Saison zuvor zum Spieler des Jahres bei Everton gewählt wurde und sie mir daraufhin einen neuen Vertrag anboten. Aber ich lehnte ab. Danach saß ich nur noch auf der Bank. Und das hatte nichts mit dem Trainer Roberto Martinez zu tun. Deshalb ging ich nach Fulham und spielte dort jedes Spiel. Leider hat es nicht für den Klassenerhalt gereicht. Und weil ich lange nicht gespielt hatte, wurde ich auch nicht für die WM nominiert.

Von außen betrachtet könnte man dennoch meinen, dass der Weg von einem Top-Fünf Team der Premier League zu Hertha für Sie ein Rückschritt ist.

Nein. Das sehe ich nicht so. Hertha ist ein großer Klub für mich. Ich erinnere mich, wie Trainer Jos Luhukay und Manager Michael Preetz zu mir nach Amsterdam kamen, um mich zu überzeugen. Ich habe ihnen gesagt, dass ich unterschreiben werde, weil es sich richtig angefühlt hat. Das ist das Wichtigste. Ich finde, Hertha als Klub und Berlin als Stadt bieten alles, was ich brauche.

Nun gibt es für Sie und Hertha wieder einen Neuanfang: Die Bundesliga beginnt mit dem ersten Spiel gegen Bremen...

(seufzt) ...ja, endlich. Sieben Wochen haben wir uns vorbereitet. Das war die längste Vorbereitung, die ich jemals hatte. Aber eigentlich war das gar nicht so schlecht, denn wir haben mit mir sieben neue Spieler. Da hilft es, wenn man eine längere Zeit zusammen ist, bevor es richtig losgeht.

Damit der Zauber des Anfangs erhalten bleibt, wäre ein Heimsieg gegen Bremen nicht gerade hinderlich.

So ist es. Wir spielen zu Hause. Die Leute kommen, um etwas geboten zu bekommen, und wir wollen die Fans begeistern. Die drei Punkte wollen wir in Berlin behalten.

Neben dem Zauber gibt es andererseits aber immer auch die Unsicherheit bei Neuanfängen. Nach sieben Wochen, wissen Sie da schon, wo Sie als Team stehen?

Noch nicht. Wir haben erst ein Pflichtspiel gehabt – und das gegen ein unterklassiges Team. Gegen Bremen wird wahrscheinlich noch nicht alles klappen, aber wir brauchen einen guten Start für das Selbstvertrauen.

Luhukay hat Sie beim Team als denjenigen vorgestellt, der die Rolle des erfahrenen Anführers übernehmen soll. Aber geht das eigentlich als neuer Spieler?

Ich bin hier nicht der neue Anführer. Wir müssen das alle gemeinsam machen. Aber auf meiner Position muss man Kommandos geben. Ich rede halt gern und viel auf dem Feld – manchmal vielleicht ein bisschen zu viel (lacht).

Sie wurden als geborener Anführer präsentiert. Würden Sie das auch von sich sagen?

Geborener Anführer nicht. Das kam erst mit der Erfahrung. Man kommt in Situationen, in denen man schon mal war. Man hat schon eine Menge Fehler gemacht, und diese Erfahrungen kann ich den jüngeren Spielern weitergeben. Fußball heißt lernen. Ich will bei diesem Lernprozess helfen. Aber die Kollegen müssen auch mir helfen.

Muss jemand wie Sie, der in großen Ligen und fast 90 Länderspiele gespielt hat, noch dazulernen?

Ja, natürlich. Ich bin jetzt 30. Aber man muss immer von seinen Kollegen lernen, egal ob man erst 17 oder schon 30 ist. Man muss sich ständig verbessern, sonst fällt man hinten runter.

Denken Sie, dass sich die Bundesliga in den letzten Jahren deutlich verbessert hat?

Absolut. Ich habe mit vielen meiner Kollegen aus der niederländischen Nationalmannschaft über die Bundesliga gesprochen – Klaas-Jan Huntelaar, Rafael van der Vaart. Und alle haben mir versichert, dass die Liga sehr stark und ausgeglichen ist.

Es könnte sein, dass Sie Ihre physische Spielweise hier etwas umstellen müssen.

Kürzlich haben wir eine Schiedsrichter-Schulung gehabt. Da habe ich schon gehört, dass es hier schneller mal Gelbe und Rote Karten gibt als in England. Da muss ich mich anpassen. Sicher. Aber ich verspreche Ihnen, ich werde nicht viele Karten kriegen.

Auch in der niederländischen Nationalmannschaft gab es einen Neuanfang. Louis van Gaal ist weg, und Guus Hiddink ist neuer Bondscoach. Glauben Sie, dass es für Sie nun ein Comeback dort geben kann?

Das ist erst einmal nicht mein Ziel. Meine Priorität ist Hertha. Ich habe zehn Jahre in der Nationalelf und fünf große Turniere gespielt. Ich bin zufrieden mit meiner Länderspielkarriere, was nicht heißen soll, dass ich keine Lust mehr hätte. Ich bin immer noch hungrig auf Erfolg – mit Hertha und dem Nationalteam. Wenn ich hier in Berlin gut spiele, dann wird es vielleicht eine Rückkehr geben.

Sie und Luhukay haben neben der Nationalität eine weitere Gemeinsamkeit: Ihr Großvater ist in den 50er Jahren aus Indonesien in die Niederlande gekommen, ebenso wie Luhukays Vater. Beide mussten neu anfangen. Hat das für Sie eine Rolle gespielt?

Mein Vater war noch ein Baby, als er aus Indonesien kam. Er traf meine Mutter, eine Niederländerin, und ich habe etwas aus beiden Kulturen mitbekommen.

Luhukay hat mal gesagt, dass sein Vater nach der Emigration eine harte Zeit hatte. Niemand wollte ihn in den Niederlanden haben. Daraus habe er gelernt, noch härter zu arbeiten, um anzukommen.

So war es auch für meine Familie. Mein Opa zog damals in ein kleines Dorf in die Niederlande, wo er der einzige mit einer dunklen Hautfarbe war. Er musste sich erst die Anerkennung erarbeiten. Das habe ich mitgenommen, als ich dann selbst ins Ausland ging. Als Mensch hat mich das geprägt. Ich bin jemand, der hart arbeitet und immer gewinnen will. Ich bin ein Siegertyp.

Diese Siegermentalität haben Sie oft als Ihre größte Stärke definiert. Wie äußert sich das?

Ich hasse es einfach, zu verlieren. Wenn ich etwas spiele, muss ich einfach immer gewinnen. Das kann dann schon mal zu Problemen führen, wenn man zu Hause ein Brettspiel spielt. (lacht) Aber als Fußballprofi muss man so sein.

Sie wurden für die Innenverteidigung geholt, eine Position, die bei Hertha bereits im letzten Jahr gut besetzt war. Mit Ihnen gibt es nun einen großen Konkurrenzkampf.

Das ist doch wunderbar. Wenn man den nächsten Schritt machen will, braucht man Druck. Letztes Jahr war Fabian Lustenberger leider lange verletzt, und Hertha hatte Schwierigkeiten, das zu kompensieren. Um weiter erfolgreich zu sein, muss man viele Optionen haben, und die haben wir nun. Für mich ist die Konkurrenz kein Problem.

Wann wäre die nun beginnende Saison eine erfolgreiche für Sie?

Wenn wir besser abschneiden als im letzten Jahr. Letztes Jahr wurde Hertha Elfter. Das gilt es zu toppen.

Sie haben viele Mannschaften in Ihrer Karriere gesehen. Was, denken Sie, wird möglich sein mit diesem Team?

Es ist noch zu früh, um das zu beurteilen. In drei Monaten wissen wir, was möglich sein wird. Aber ich persönlich habe ein gutes Gefühl für diese Saison.