Hertha BSC

John Heitinga ist Teamplayer und Anführer, ein moderner Profi

Der Niederländer Heitinga über seinen Start bei Hertha BSC, Europa-League-Hoffnungen in Berlin, seinen Platzverweis im WM-Finale 2010 und das Geheimnis der deutschen Nationalmannschaft.

Foto: City-Press / Mathias Renner / City-Press GbR

Das Training war vorbei, die Spieler von Hertha BSC verließen den Platz. Nur einer rief laut, Torwart Thomas Kraft: „John! Niederlande!“ John Heitinga war bereits auf dem Weg zur Kabine, drehte aber sofort um. Es war der erste Tag nach der Weltmeisterschaft. Beim Turnier in Brasilien war Deutschland nicht auf die Niederlande gestoßen. Also wurde das Duell nachgeholt auf einem Trainingsplatz in Ostwestfalen. Heitinga, Niederlande, gegen Kraft, Deutschland. Ruhig legte sich Heitinga den Ball zurecht, lief an, Tor – keine Chance für Kraft. Fünf Mal wiederholten die Kontrahenten diese Szene. Fünf Mal musste Kraft den Ball aus den Maschen holen. Heitinga gelang, was zwei seiner Kollegen von der „Elftal“ misslungen war, im Halbfinale gegen Argentinien scheiterte Holland wegen zwei vergebener Elfmeter.

Eine kleine Szene aus dem Trainingslager zeigt, wen Hertha mit Heitinga verpflichtet hat: einen abgeklärten, erfahrenen und durchsetzungsstarken Verteidiger. Zugleich auch einen Führungsspieler. Nicht von der Sorte, für den Stefan Effenberg prototypisch steht. Der Niederländer braucht weder Gebrüll noch heftige Gesten. Heitinga strahlt das ganz natürlich aus.

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Dabei mag Heitinga, 30, das Wort Führungsspieler nicht. Es entspricht nicht seiner Vorstellung von Fußball als Mannschaftssport, wenn einer im Vordergrund steht. Wenn Heitinga das Spiel erklärt, fällt immer wieder das Wort Team. Und er ist ein Teil davon: „Ich bin ein Teamplayer. Ich habe vielleicht mehr Erfahrung als die anderen. Aber wir müssen trotzdem zusammen funktionieren.“ Es ist mehr als die übliche Höflichkeit eines Neuen. Heitinga gilt als unkomplizierter Profi, der seinen Job im wahrsten Sinne des Wortes professionell lebt. Nicht ohne Grund hat Trainer Jos Luhukay den Innenverteidiger bei dessen Vorstellung mit Levan Kobiashvili, 37, verglichen. Der Georgier galt bis zu seinem Karriere-Ende im Sommer als wichtiger Baustein für den Zusammenhalt in der Mannschaft.

Auch Kobiashvili hat nie von sich als Führungsspieler gesprochen, obwohl er es unbestritten war. Er musste dafür nicht einmal mehr regelmäßig spielen. Seine Erfahrung und seine Professionalität sprachen für sich. Deshalb passt es, wenn Heitinga sagt: „Ich bin nicht der Leader bei Hertha. Schließlich bin ich nicht der einzige, auch andere Spieler haben Erfahrungen. Ich habe 87 Mal für mein Land gespielt, war bei fünf großen Turnieren dabei. Aber das macht keinen Anführer aus, wenn die Mannschaft nicht funktioniert.“ Die Zahl seiner Länderspieleinsätze hat er genau im Kopf. Heitinga hat sie so klar parat, als wollte er damit sagen: Ich bin damit noch lange nicht fertig.

Lob für die deutsche Nationalelf

Er hat die WM in Brasilien genau verfolgt. Sein Lieblingsmotiv: die Mannschaft. Das deutsche Wort ist in Großbritannien, wo er die letzten fünf Jahre bei Everton und Fulham spielte, ein Synonym für die deutsche Nationalmannschaft. Die Einzelspieler gehen in einem Gesamtwerk auf. So meint es Heitinga: „Deutschland war vom ersten Tag der WM bis zum Finale eine Mannschaft. Sie wussten voneinander, was sie können, aber auch, was sie nicht können.“

Heitinga sitzt auf der Terrasse der Hotelanlage. Hinter ihm die alten Mauern des 1185 gegründeten ehemaligen Zisterzienserklosters. Er lümmelt sich nicht in den Stuhl, sondern sitzt ruhig und aufrecht. Bei Fragen überlegt er kurz und antwortet dann – klar, knapp und präzise. Er ist nicht der Spieler, für den auf Youtube Zusammenschnitte mit Kunststückchen seiner Fußballkarriere hochgeladen werden. In den Videos finden sich stattdessen geradlinige Aktionen: Distanzschüsse, Kopfbälle. Bei Erfolg springt er hoch, reißt die Arme mit nach oben. Und dann signalisiert er seinen Mitspielern: Los, weiter geht’s. Selbst mit Jubeln hält er sich nicht übermäßig auf. Das Spiel als Arbeit. Das ist John Heitinga.

Die Romantik von Derbys

„Man muss miteinander arbeiten“, sagt er, wenn er über den Weg zum guten Teamgeist spricht. „Arbeit. Keine Freundschaft. Manchmal hasst man sich. Manchmal liebt man sich. Aber, wenn man erfolgreich sein will, darf man nur an das Ziel denken. Gemeinsam in 90 Minuten für drei Punkte kämpfen. Danach kann man wieder miteinander reden. Aber nicht hätte, wenn und aber. Dann ist es zu spät.“ Der 1,80 Meter große Manndecker hält sich nicht gerne mit der Vergangenheit auf. Die kann er nicht ändern. So einfach ist das für ihn. Sein Platzverweis im WM-Finale 2010 gegen Spanien? Vielleicht hängt ihm diese Gelb-Rote Karte von Kapstadt für immer nach. Aber er ist mit sich im Reinen. Heitinga hat einen Satz für Nachfragen zu diesem Ereignis: „Es gibt immer ein nächstes Spiel.“ Klar, knapp und präzise. Auch seine Ziele mit Hertha sind so. Klar möchte er wieder Champions League oder Europa League spielen. „Aber man muss realistisch bleiben. Das ist eine schrittweise Entwicklung. Wir wollen mit Hertha besser spielen als vergangene Saison und vielleicht in Zukunft wieder in Europa.“

Doch bei aller Abgeklärtheit, die der Niederländer mit zu Hertha bringt, hat er eine fußballromantische Seite. Er hat bei Atletico das Madrider Stadtderby erlebt, bei Ajax die Auseinandersetzungen mit Feyenoord und in Liverpool das Merseyside mit Everton. Wenn ansonsten Worte wie Ehrgeiz, Kampf, Plan und Arbeit seine Sätze bestimmen, geht er in sich, wenn er darüber nachdenkt, welches Derby ihn am meisten beeindruckt hat. Es ist Heitinga anzusehen, wie vor seinem Auge ein Film mit Erlebnissen abläuft. „In Madrid lebt das Derby von der Underdog-Rolle Atleticos und in Liverpool von der speziellen Lage.“ Er schiebt Kaffeetassen auf dem Tisch zusammen, um die räumliche Nähe der beiden Stadien zu demonstrieren. „Und Ajax gegen Feyenoord ist…“ Er holt Luft. „Purer Hass.“ Polizei-Hubschrauber begleiteten die Mannschaftsbusse und gegnerische Fans dürfen nicht ins Stadion. Ob ihn das stört? „Nein. Auf dem Platz nehme ich das nicht wahr.“ Heitinga knipst die Fußballromatik aus, aus ihm spricht wieder der Profi über seine Arbeit.

Heitinga und das Prinzip Verantworung

Doch am meisten sagen die Strafstöße gegen Thomas Kraft nach dem Training etwas über die Autorität Heitingas aus. Deutschland–Niederlande? „Das war doch nur eine extra Einheit für den Torwart.“

Doch er weiß, dass es gerade beim Elfmeterschießen darum geht, Verantwortung zu übernehmen. „Es gibt Spieler, die schießen Elfmeter und es gibt welche, die es nicht tun.“ Heitinga legt eine Pause und sagt: „Ich schieße.“