Hertha BSC

Kalou, Luhukay und das verschobene Vertrauen

Statt Star Salomon Kalou stärkt Hertha-Trainer Jos Luhukay Profis wie Julian Schieber, Jens Hegeler und John Brooks. Die Ergebnisse geben ihm recht. Trotz Kritik steht Kalou im Kader gegen Hoffenheim.

Foto: imago sportfotodienst / imago/Bernd König

Vorweg die Neuigkeit: Salomon Kalou steht in Herthas Aufgebot für die Partie gegen Hoffenheim (Sonntag 15.30 Uhr, Liveticker bei immerhertha.de). Normalerweise hätte dies wenig Neuigkeitswert, aber der ergibt sich daraus, dass Kalou seinem Trainer Jos Luhukay gerade ziemlich viel Ärger bereitet hat. Öffentlich beschwert hatte sich der ivorische Stürmerstar darüber, dass er seit geraumer Zeit nicht mehr spielen dürfe und dass Luhukay ihm nicht die Gründe erklärt habe. Kalou beklagte also mangelndes Vertrauen – etwas, das er in seiner bisher recht schillernden Karriere nicht kannte.

Dafür gab es eine überschaubare Geldstrafe (vierstellig) vom Verein und einen öffentlichen Rüffel. Den Afrikaner aber auch aus dem Kader für das abschließende Hinrunden-Spiel werfen, das wollte Luhukay nicht. Das kann man als Versuch werten, unter die unschöne Angelegenheit, die nur Verlierer auf allen Seiten produziert hat, einen Strich zu ziehen.

Kalou hat seine Nichtberücksichtigung persönlich genommen. Ähnlich ist es beim anderen namhaften Spieler im Berliner Kader: John Heitinga. Auch der Vizeweltmeister von 2010 ist aktuell außen vor, obwohl er ebenso wie Kalou im Sommer als neuer Hoffnungsträger geholt wurde. Heitinga hat sich bisher zwar nicht öffentlich beschwert, sagte allerdings, dass Luhukay auch mit ihm nicht gesprochen habe. Aber wann hat das eigentlich angefangen mit Kalou und Heitinga? Und was genau ist da passiert? Bei der Beantwortung dieser Frage kommt man darauf, dass Luhukay aus geschäftlichen Gründen gehandelt hat.

Einzelgespräche vor Köln-Spiel

Um das zu verstehen, müssen wir bis Anfang November zurückgehen: Hertha hat soeben drei Pflichtspiele in Folge verloren und befindet sich nicht nur in der Tabelle (ein Punkt vor den Abstiegsrängen), sondern durch das Pokal-Aus beim Drittligisten Bielefeld auch in der Gunst der eigenen Fans im freien Fall. Nach dem 0:2 gegen Hannover ist Länderspielpause, und Luhukay nutzt die Zeit für eine Kehrtwende.

Der 51-Jährige bestellt sich den jungen Innenverteidiger John Anthony Brooks zum Einzelgespräch: „John“, sagt Luhukay, „du spielst jetzt, und ich nehme dich bis zum Winter auch nicht mehr aus der Mannschaft“.

Ein ähnliches Vier-Augen-Gespräch gibt es mit Jens Hegeler: „Keiner hat mehr drauf gekriegt als du. Aber mach’ dir keine Sorgen. Ich setze auf dich“, sagt Luhukay. Hegeler hatte zuvor im Mittelfeld viel Kritik eingesteckt. Nach dem Ausfall von Fabian Lustenberger soll er neben Brooks im Abwehrzentrum auflaufen. Darüber hinaus stärkt Luhukay auch Stürmer Julian Schieber.

Defensivere Ausrichtung

Es kommt die Auswärtspartie gegen Köln am 12. Spieltag. Überraschend sitzen Kalou und Heitinga auf der Bank. Dafür spielen nun Brooks, Hegeler und Schieber. Hertha gewinnt zwar etwas glücklich 2:1, aber durch eine verbesserte Defensive nicht unverdient. Luhukay sieht sich auch durch die Leistung gegen den FC Bayern (0:1) am Spieltag darauf bestätigt und rüttelt danach ebenso gegen Gladbach (1:3), Dortmund (1:0) und Frankfurt (4:4) nicht mehr an seinen Personalentscheidungen.

Es ist also eine Verschiebung des Vertrauens, die sich hier ereignet hat: weg von Kalou und Heitinga, hin zu Brooks, Schieber und Hegeler. Denn Luhukay wollte den freien Fall mit einer Strategieänderung aufhalten. Diese hieß „gestärkte Defensive“, und sie hatte Erfolg: Krankte das Berliner Spiel zuvor an einer schwachen Zweikampfführung, hat sich diese nunmehr verbessert. Von 44,9 Prozent durchschnittlich gewonnener Duelle bis einschließlich 11. Spieltag steigerte sich der Wert seit dem Köln-Spiel auf 47,1 Prozent.

Das hat auch mit den Personalentscheidungen zu tun: Schieber hat die deutlich bessere Zweikampfquote im Vergleich zu Kalou (42,3 zu 27,7 Prozent). Ebenso ist es bei Brooks und Heitinga (61,7 zu 52,7 Prozent). Zudem führt Brooks wesentlich mehr Zweikämpfe als Heitinga bei ähnlicher Spielzeit (141 zu 93). Gleiches gilt für Hegeler.

Trainer-Lob für Brooks

Und die Ergebnisse geben Luhukay recht: Aus fünf Partien seit der Entscheidung gegen Kalou und Heitinga holte sein Team sieben Punkte – 1,4 Zähler durchschnittlich pro Spiel. Zuvor waren es elf Punkte in elf Partien – ein Zähler durchschnittlich pro Spiel.

„Ich finde, dass wir es jetzt defensiv als Team besser machen“, sagt Brooks. Sein Trainer lobt ihn explizit: „Ich bin richtig angetan von Johns Entwicklung“, so Luhukay. Brooks selbst sagt: „Es ist für mich wichtig zu wissen, dass der Trainer mir vertraut und dass ich auch mal Fehler machen kann.“

Jenes Vertrauen, dass Kalou und wohl auch Heitinga vermissen, gibt Luhukay aktuell Spielern wie Brooks, Hegeler und Schieber. Das hat Konfliktpotenzial, wie man sehen konnte, aber Luhukay wird auch gegen Hoffenheim dabei bleiben: Heitinga steht erneut nicht im Kader, Kalou schon. Aber er wird wohl vorerst wieder nur auf der Bank sitzen.