Abstiegskampf

Salomon Kalou und Herthas Torschusspanik zur Unzeit

Hertha BSC trifft im Endspurt um den Klassenerhalt in der Bundesliga viel zu selten. Das liegt an der Formkrise des Starangreifers Salomon Kalou – aber auch an der strikten Defensivtaktik des Teams.

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Salomon Kalou gibt Rätsel auf. „Nein“, sagt Herthas Stürmer, „ich bin nicht enttäuscht“. Zumindest nicht darüber, dass ihn sein Trainer Pal Dardai bei der Niederlage in Dortmund schon zur Pause vom Feld nahm. Das macht einer wie Dardai ja nur, wenn sein Starspieler, den er bisher immer getätschelt hatte, entweder verletzt ist, oder einen gebrauchten Tag erwischt hat, dass er nicht mehr auf Besserung im zweiten Durchgang hoffen kann.

Nach einem kurzen Gespräch mit Kalou ist man sich nicht ganz sicher, ob vielleicht sogar beides beim Ivorer zutraf. „Ich war einfach nicht gut“, sagt der 29-Jährige. Ob er vielleicht müde sei im Saisonendspurt? „Erschöpft bin ich nicht“, sagt Kalou. Aber dann fasst er sich an die Seite, sagt: „Hamstring“, also hintere Oberschenkelmuskulatur, verkneift das Gesicht und geht.

Kalou ist seit 738 Minute ohne Tor

Bei Hertha jedenfalls wissen sie nichts von einer Verletzung Kalous. Aber auf der Suche nach den Ursachen seiner aktueller Formkrise stöbert man eben nach allerhand möglichen Gründen. Seit 738 Minuten hat Kalou nicht mehr getroffen, neun Spiele lang. Das fiel länger nicht so auf, weil Hertha kaum Gegentore zuließ, und Kalous Sturmpartner Valentin Stocker zu treffen begann.

Aber nun, in der entscheidenden Phase der Saison, in der es für die Blau-Weißen durch drei Niederlagen in Folge plötzlich doch noch einmal eng wird im Abstiegskampf, fragt man sich: Was ist mit Kalou los? Er kam im Sommer doch als ein Angreifer, dessen Prominenz eigentlich gar nicht recht zu der Mittelmäßigkeit Herthas passt. Und er war eine große Verheißung auf bessere Zeiten.

Nun ist es nicht so, dass es in dieser ungemütlichen Saison irgendwann mal eine dauerhaft starke Phase des Champions-League-Siegers von 2012 gab. Sechs Tore hat er insgesamt in 25 Spielen erzielt, drei vorbereitet. Das ist deutlich weniger, als man sich erhofft hatte. In Frankreich beim OSC Lille erzielte der Afrikaner in den beiden Spielzeiten zuvor immerhin starke 30 Tore. Er treffe dann, wenn die Mannschaft es am nötigsten habe, hat Kalou vor drei Partien in dieser Zeitung angekündigt. Aber danach kam nichts. Zudem fiel der ivorische Nationalspieler zuletzt mit schwachen Trainingsleistungen negativ auf.

Drittbeste Defensive, drittschlechteste Offensive

Doch es ist auch nicht so, dass Kalous aktuelle Misere allein von ihm selbst verschuldet wäre. „Es ist schwierig für ihn in unserem System“, sagt Dardai und meint damit die ultradefensive Ausrichtung seiner Mannschaft. Mit einer konsequenten Abwehrtaktik hatte der Ungar das strauchelnde Team nach der Übernahme von Jos Luhukay stabilisiert. Sieben Mal war es ungeschlagen geblieben.

Aber diese Saison wird in der Rückbetrachtung als eine der mangelhaften Balance zwischen Angriff und Abwehr zu bewerten sein. Zwar ist es Hertha unter Dardai gelungen, nur zwölf Gegentore in 13 Partien zu kassieren. Nur Gladbach (sieben) und Bayern (zehn) waren in dieser Zeit defensiv besser. Andererseits aber führt jene Ausrichtung auch dazu, dass vorn Flaute herrscht und Kalou kaum Anspiele sieht: Nur elf Tore konnte Hertha unter Dardai erzielen. Lediglich Paderborn (neun) und der HSV (zehn) trafen in den vergangenen 13 Partien noch seltener.

Bei Luhukay war das genau umgekehrt: In 19 Spielen unter dem Niederländer erzielten die Berliner ordentliche 24 Tore. Dafür aber kassierten sie hinten katastrophale 38 – also pro Spiel zwei Gegentreffer. Hertha BSC ist in dieser Spielzeit wie eine zu kleine Tischdecke: Deckt sie die eine Seite der Platte ab , ist die andere blank.

Kalou wurde gegen den BVB durch Sandro Wagner ersetzt – einen Spieler, der zwar auch nicht gerade das Toreschießen erfunden hat (null Saisontreffer), aber wenigstens immer mit vollem Einsatz zur Werke geht. Dardai schließt sogar nicht aus, Wagner beim so wichtigen letzten Heimspiel gegen Frankfurt am Sonnabend Kalou in der Startelf vorzuziehen: „Ich will die Trainingsleistung der Woche abwarten“, sagt er.

Hertha braucht einen Sieg, um sicher in der Liga zu bleiben. Die aktuelle Torschusspanik kommt daher zur Unzeit.