Hertha-Profi

Herthas Ben Sahar – der israelische Patient

Ben Sahar galt lange als Wunderkind in seiner Heimat. Doch bei Hertha konnte sich der Angreifer nicht durchsetzen und sucht jetzt einen neuen Verein. Mit Berlin aber hat er noch nicht abgeschlossen.

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Auf dem kleinen Berg hoch zum Trainingsgelände von Hertha BSC läuft ein Hund. Ein prachtvoller Rottweiler, der irgend jemandem ausgebüchst sein muss. Er schnüffelt ein bisschen an der einen Ecke. Läuft weiter. Schnüffelt an einer anderen. Läuft weiter. Dann hält er kurz inne, hebt den schweren Kopf behäbig in die Luft und nimmt Reißaus, als irgendwo jemand krachend eine Autotür zuschlägt.

Ein paar hundert Meter weiter oben joggt Ben Sahar in Begleitung seiner Kollegen von Hertha BSC über den Schenckendorffplatz. Auch er galt ja lange Zeit vielen in der Fußballwelt als ein Prachtexemplar seiner Gattung.

Seit Kurzem aber dürfte sich der israelische Angreifer – nun ja, nicht unbedingt weggejagt – aber zumindest von der Kette gelassen fühlen. Die Verantwortlichen des Bundesligasechsten haben dem 24-Jährigen gewissermaßen das Hoftor geöffnet: „Lauf Junge! Du bist frei.“

Nach für ihn enttäuschenden anderthalb Jahren im Team von Herthas Trainer Jos Luhukay und keiner einzigen Einsatzminute in der Bundesliga-Hinrunde darf er sich einen neuen Verein suchen.

Vertrag erst im Sommer bis 2015 verlängert

„Ich wollte hier in Berlin Erfolg haben“, sagt Sahar. „Aber für mich lief es nicht, wie ich es geplant hatte, und die Mannschaft spielt erfolgreich. Da war und ist es schwer für mich, meine Einsätze zu bekommen.“

Dabei hatte es im Sommer noch ziemlich genau nach Plan ausgesehen für Ben Sahar. Nachdem Herthas Manager Michael Preetz den Israeli 2012 vom französischen Klub AJ Auxerre zunächst für ein Jahr unter Vertrag nahm und Sahar für die Berliner sogar finanziell lukrativere Angebote (Red Bull Salzburg) ausschlug, verlängerten die Blau-Weißen nach dem Aufstieg den Kontrakt um zwei weitere Jahre bis 2015.

„Ich wollte unbedingt mit Hertha Bundesliga spielen und nahm das Angebot über die Vertragsverlängerung als sehr positives Zeichen“, erklärt Sahar seine damalige Entscheidung für Hertha.

Millionengehalt in Frankreich ausgeschlagen

Es hätte für ihn nämlich auch jede Menge schöner Alternativen gegeben: Der Bundesligakonkurrent SC Freiburg zeigte Interesse. Konkrete Angebote unterbreiteten Maccabi Tel Aviv aus Israel und der niederländische Erstligist Heracles Almelo.

Sie schlug Sahar ebenso aus wie die verlockende Offerte des ambitionierten französischen Erstligisten FC Evian, der ihm ein Jahresgehalt von 1,3 Millionen Euro bot. Und das, obwohl er bei Hertha dem Vernehmen nach weniger als die Hälfte davon verdient.

Sahar aber wollte nicht wieder weiterziehen – nicht erneut von vorn anfangen. Zu oft schon war er ein Spieler auf dem Sprung gewesen in seiner Karriere. Eine Karriere, die ziemlich verheißungsvoll begann, nunmehr aber ins Stocken geraten ist. Mit 17 Jahren entdeckten ihn die Scouts des englischen Spitzenklubs FC Chelsea bei einem Jugendturnier in Irland.

Von Trainerlegende José Mourinho entdeckt

Unter Trainerlegende José Mourinho gab er sein Debüt in der Premier League. In seiner Heimat Israel galt Sahar fortan als Versprechen darauf, vielleicht doch irgendwann einen Spieler von Weltformat hervorzubringen. Das führte – wenn auch nicht bei ihm selbst, aber zumindest in seinem Umfeld – bisweilen zu überzogenen Erwartungen.

Im Londoner Team der Superstars um Didier Drogba war schnell kein Platz mehr eingeplant für den Emporkömmling aus Cholon, und es begann für Sahar eine Odyssee durch halb Europa: Bei sieben Klubs in fünf verschiedenen Ländern – darunter die Queens Park Rangers, der FC Portsmouth und Espanyol Barcelona – versuchte er den Durchbruch.

Nie verweilte der flinke Angreifer, der auf allen Positionen in der Offensive spielen kann, länger als ein Jahr. Das israelische Wunderkind, es mutierte schleichend zum israelischen Patienten, um den es sich zu sorgen galt.

Seinen Platz im Nationalteam, für das er bereits mit 17 debütiert hatte und 31 Spiele bestritt, verlor er, als er nach dem Wechsel zu Hertha im Sommer 2012 zunächst nur auf der Bank saß. Immerhin auf 18 Einsätze (nur ein Spiel über die volle Distanz) kam er noch im Zweitligajahr.

Doch als Luhukay ihn nach dem Aufstieg nicht ein einziges Mal in der Bundesliga einsetzte und ihm zudem mit Per Skjelbred im August ein weiterer Konkurrent vorgesetzt wurde, wusste Sahar, dass er nun doch weiterziehen muss.

Angreifer will in Europa bleiben

„Die vergangenen sechs Monate waren sehr frustrierend für mich“, sagt Sahar. Eine ähnliche Durststrecke habe er in seiner Karriere nie erlebt. Sein neuer Berater Maikel Stevens, Sohn von Ex-Hertha-Trainer Huub Stevens, sondiere den Markt.

„Ich muss nun meinen Weg weitergehen, auch wenn es mir schwer fällt. Nun gilt es, mental stark zu bleiben und nach vorn zu schauen“, sagt Sahar.

Seit dem 1. Januar und noch bis Ende des Monats ist das Transferfenster geöffnet. Zwar gibt es bereits Interessenten, aber noch war kein Klub dabei, der auch Sahar interessiert. Für ihn ist wichtig, dass ein fester Platz im möglichen neuen Team für ihn reserviert ist: „Ich muss spielen, denn ich bin noch jung und will mich weiterentwickeln“, sagt er.

Eine Rückkehr nach Israel, wo sein Name immer noch klangvoll ist, schließt er aus: „Ich will in Europa bleiben – vielleicht sogar in der Bundesliga“, sagt Sahar. Am liebsten würde er sich bis Saisonende ausleihen lassen: „Dann könnte ich sechs Monate Spielpraxis sammeln und im Sommer gestärkt zurückkommen, um zu zeigen, dass ich es verdient habe, ein Teil dieser Hertha-Mannschaft zu sein.“

Das wäre dann, als kehre der Streuner zurück aufs Gehöft. Die Frage ist, ob sie ihm bei Hertha wieder das Tor öffnen werden.