Bundesliga

Warum Hertha BSC nicht auf Ben Sahar setzt

100 Prozent für null Minuten: Stürmer Ben Sahar gilt als Muster-Profi, schlug lukrative Angebote aus. Aber Berlins Bundesligist Hertha BSC setzt nicht auf ihn.

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Der Stürmer umdribbelt seinen Gegenspieler, hämmert den Ball aus 16 Metern an die Unterkante der Latte, von dort springt er hinter Torwart Thomas Kraft ins Netz. „Super, Ben“, „stark gemacht“ rufen die Mitspieler. Lautstarke Zustimmung, selbst wenn es um ein internes Trainingsspiel geht – das ist ein seltenes Erlebnis für Ben Sahar.

Der Israeli erlebt bei Hertha BSC die komplizierteste Station einer ohnehin komplizierten Karriere. Hertha hat acht Bundesliga-Partien absolviert, Sahar stand nicht einmal im 18er-Kader. Noch eindeutiger: Am letzten Tag der Transferperiode verpflichtete der Aufsteiger mit Per Skjelbred einen weiteren Spieler, exakt für die Position von Sahar auf der rechten Außenbahn.

Im Gespräch ist Sahar offen. „Ich bin enttäuscht. Das hatte ich mir anders vorgestellt.“ Er freue sich für die Kollegen, die auf Rang sechs stehen. Aber er würde gern mehr mithelfen bei der Mission Klassenerhalt.

Evian lockte mit 1,3 Millionen

Sahar ist eine der wenigen Personalien bei Hertha, über der eine Art Nebel liegt, niemand weiß genau, was dahinter los ist. In seiner Heimat gilt er, seit er 2006 vom FC Chelsea verpflichtet wurde, als Versprechen, dass Israel mit den großen Fußball-Nationen mithalten könne. In Berlin fragen sich Beobachter aber, ob Sahar überhaupt erstligatauglich ist.

Im Sommer war sein Vertrag in Berlin ausgelaufen. Es gab Alternativen. Bundesligist SC Freiburg war interessiert. Herakles Almelo und Maccabi Tel Aviv unterbreiteten ein konkretes Angebot. Die lehnte Sahar ebenso ab wie das des französischen Erstligisten FC Evian, der mit einem Jahressalär von 1,3 Millionen Euro lockte. Sahar entschied jedoch, bei Hertha einen neuen Zwei-Jahres-Vertrag zu unterschreiben, obwohl er dort dem Vernehmen nach „nur“ 550.000 Euro verdient. Begründung: Er sei nach zuvor acht Stationen in sechs verschiedenen Ländern binnen sechs Jahren müde, ständig herumzuziehen. Außerdem rechnete Sahar nach einem für ihn zähen Jahr in der Zweiten Liga sich in der Bundesliga bessere Chancen aus.

Sahar hat mit Chelsea Premier League gespielt, mit Espanyol Barcelona in der Primera Division, mit AJ Auxerre in der Ligue 1. „Die Bundesliga ist eine der besten, vielleicht sogar die beste Liga der Welt“, erzählt er. „Jedes Spiel ist offen. Dort wird schnell gespielt. Ich dachte, dass das mir mit meinem Speed entgegenkommen würde.“ Die sportliche Leitung von Hertha entschied im Sommer zwar, Sahar einen Zwei-Jahres-Kontrakt zu geben. Doch wenn Trainer Jos Luhukay sein Aufgebot benennt, fehlt Sahar regelmäßig. Im Training fällt auf, dass Sahar häufig relativ angespannt wirkt. Oft fehlt die Klarheit im Spiel und der Blick für die taktisch richtige Auflösung bestimmter Situationen. So kommt er relativ selten dazu, seine Stärken wie die Geschwindigkeit oder seinen guten Abschluss, überhaupt einzusetzen.

Dass für ihn keine tragende Rolle vorgesehen ist, war endgültig klar, als der Verein Per Skjelbred holte. Exakt auf der Sahar-Position im rechten Mittelfeld. „Konkurrenzkampf ist in Ordnung, das gehört zum Profifußball“, sagte Sahar. Er wünsche sich, auch mal Chancen zu erhalten. Diese Aussage ist vor dem Hintergrund zu verstehen, dass Skjelbred nach seinem Wechsel sofort in der Startelf stand.

Sahar sagt: „Der Trainer trifft die Entscheidungen, er ist verantwortlich. Und es toll zu sehen, wie Hertha sich in der Bundesliga behauptet.“ Aber bei allem Verständnis, als Sahar nach der Partie in Kaiserslautern – Hertha schied beim Zweitligisten mit 1:3 aus dem DFB-Pokal aus, Sahar war in einer schwachen Mannschaft der gefährlichste Herthaner - im nächsten Spiel gegen Mainz erneut nicht im Bundesliga-Kader stand: „Da war ich geknickt.“

Somit stellt sich die Frage, warum Hertha im Sommer Sahar gehalten hat. Der Mann, der die Antworten geben kann, hält sich bedeckt. „Ich habe vor der Saison gesagt, dass ich nicht öffentlich über Spieler rede, die nicht spielen“, sagte Jos Luhukay. „Intern rede ich regelmäßig mit Ben. Er weiß, was ich erwarte. Mehr gibt es nicht zu sagen.“

Hilfe vom Mentaltrainer aus Israel

Sahar will sich nicht entmutigen lassen. Er will der Mannschaft helfen, wisse manchmal aber nicht, was er noch anbieten müsse. Doch das gehöre zum Profifußball. „Das Geschäft ist schnelllebig. Man muss ständig bereit sein.“

Sahar ist 31-facher Nationalspieler für Israel. Um Spielpraxis zu haben, war er vier Mal für die U23 in der Regionalliga im Einsatz. Er gilt als Vorzeigeprofi, alle loben seine Einstellung. Sahar arbeitet einmal pro Woche mit einem israelischen Sportpsychologen an der mentalen Stabilität. Die Frage, wie viel Zeit er sich gibt, sein Vertrag läuft bis 2015, die nächste Wechselperiode kommt im Januar 2014, lehnt Sahar ab. „Ich lebe im Jetzt. Ich tue alles, um der Mannschaft und dem Verein zu helfen.“

Man darf gespannt sein, ob Hertha bis zum Winter Gebrauch machen wird von Sahars Qualitäten. Derzeit steht seine Bilanz bei 100 Prozent Einsatz für null Bundesligaminuten.