Bundesliga

Kojak der Lüfte – Ramos ist für Hertha wertvoller denn je

Der kopfballstarke Kolumbianer trifft für die Berliner gegen Hoffenheim doppelt. Es waren seine Saisontore sechs und sieben. Dennoch hat der Angreifer kaum Chancen, bei der WM 2014 dabei zu sein.

Foto: Uwe Anspach / picture alliance / dpa

Allzu viele Gedanken macht sich Adrian Ramos nicht. Rasierer raus. Haare ab. Fertig. Warum? „Einfach so“, sagte Herthas Angreifer am Tag nach dem 3:2 der Berliner gegen die TSG 1899 Hoffenheim. Er selbst hatte die Sache vor dem Spiel in die Hand genommen, um mit blank rasiertem Schädel in das Duell mit den Kraichgauern zu gehen. Eine Kojak-Frisur, warum nicht?

Ebenso eigenmächtig wie bei seiner zuvor ohnehin schon raspelkurzen Haarpracht hatte Ramos aber auch die Partie am Sonnabend zu Gunsten seiner Mannschaft entschieden. Ein Tor für Änis Ben-Hatira vorgelegt, zwei eigene erzielt und ersteres davon – einen Foulelfmeter – nicht nur selbst eingeleitet, sondern dazu auch noch dem Kollegen Ben-Hatira den Ball entwendet, der wohl auch gern geschossen hätte.

Es war der allererste Elfmeter, den der Kolumbianer für Hertha ausführte. Er habe sich eben gut gefühlt. Ball her. Anlaufen. Reinhauen. Keine Zeit für ausufernde Gedanken. Es war sein Saisontreffer sechs.

Nummer sieben besorgte dann kurz vor Abpfiff das kahl geschorene Köpfchen, als die Berliner gerade einen 2:0-Vorsprung verspielt hatten und Gefahr liefen, mal wieder ohne die Belohnung von drei Punkten für eine engagierte Leistung vor fremden Publikum dazustehen. Mit sieben Saisontoren hat Ramos nun schon nach zwölf Spielen die Ausbeute seiner letzten Bundesligaspielzeit übertroffen: 2011/12, als Hertha am Ende in die Zweitklassigkeit abstieg, waren es noch sechs.

Luhukay hat Herthas Spiel an Ramos ausgerichtet

Trifft der 27-Jährige in dieser Regelmäßigkeit weiter, wird er auch seine bis dato Bestmarke von zehn Toren aus der Saison 2009/10 verbessern. „Adrian hat einfach eine überragende Qualität bei Kopfbällen“, lobte Herthas Trainer Jos Luhukay.

Und das weiß der Gelobte auch selbst. „Da bin ich gut“, sagte er am Sonntag dem RBB. Doch niemals zuvor seit seinem Wechsel 2009 vom kolumbianischen Erstligisten América de Cali für insgesamt 2,4 Millionen Euro war Ramos für Hertha wertvoller als derzeit.

Schon früh in der Saisonvorbereitung hatte sich Luhukay auf Ramos als seine erste Wahl für die einzige Position in der Sturmspitze festgelegt und das Spiel seiner Mannschaft an ihm ausgerichtet. Das bedeutete nicht nur schnelles Umkehrspiel von Abwehr auf Angriff, für welches Ramos dank seiner Sprinterqualitäten prädestiniert ist. Es bedeutete auch ein auf Kombinationen basierendes Angriffspiel, das auch beim Stürmer Ramos nicht ins Stocken gerät, da er nachgewiesener Maßen ebenso ein versierter Techniker ist.

Nicht zuletzt aber sollte es auch eine Spielweise sein, bei welcher der Angreifer bei gegnerischem Ballbesitz die erste Abwehrhürde darstellt. Denn auch dafür schließlich war Ramos der geeignete Kandidat, wie er am Sonnabend erneut unter Beweis stellte: Da griff er Hoffenheims besten Innenverteidiger im Aufbauspiel, David Abraham, früh in dessen Hälfte an, sodass der dem jungen Niklas Süle den Spielaufbau überlassen musste, der das weniger zu seinen Stärken zählen darf.

Fernduell mit Pierre-Michel Lasogga

Jene Fähigkeiten aber machten Ramos bei Luhukay zum bevorzugten Angreifer und degradierten Pierre-Michel Lasogga gleichsam zum Zuschauer, der zwar ebenso ein treffsicherer Stürmer ist, aber eben Probleme im Kombinationsspiel und in der Rückwärtsbewegung nachgewiesen hatte.

Mittlerweile trifft der 21-Jährige bekanntlich nach Belieben für den Hamburger SV, an den er bis Saisonende ohne Kaufoption ausgeliehen ist. Gegen Bayer Leverkusen (3:5) am Sonnabend erzielte Lasogga bereits seine Saisontore Nummer sieben und acht, hat damit sogar einen Treffer mehr als Ramos auf dem Konto – benötigte dafür aber vier Spiele weniger.

Ob es nun ein Fernduell der beiden Angreifer um die Gunst des Trainers für die kommende Spielzeit gebe, in der Lasogga zumindest laut Vertrag ja wieder für die Berliner auflaufen könnte, wurde Luhukay gefragt: „Beide zeigen gerade unabhängig voneinander, dass sie richtig viel Qualität haben“, antwortete der Niederländer.

Für den Aufstieg aus den Niederungen der Zweiten Liga sei Ramos im vergangenen Jahr sehr wichtig gewesen, sagte Luhukay (er erzielte elf Tore, davon zehn Mal den ersten Treffer der Berliner, und bereitete dazu noch neun Tore vor).

Lasogga (sieben Spiele, ein Tor, zwei Vorlagen) hingegen habe nichts dafür gekonnt, dass er wenig spielte, schließlich hatte er lange wegen eines Kreuzbandrisses gefehlt. Mit beiden aber durch diese Bundesliga-Saison zu gehen, wollte Luhukay auch nicht: „Zwei Gute auf einer Position geht nicht“, sagte der 50-Jährige. Also wurde Lasogga in Hamburg zwischengeparkt – mit bisher mehr als zufriedenstellenden Ergebnissen für alle Parteien. „Der HSV ist perfekt für Pierre und für uns ist es auch perfekt“, sagte Luhukay.

Preetz will im Winter mit Ramos verlängern

Ganz perfekt ist die Situation für Hertha allerdings dann doch nicht. Zwar schießt Lasogga derzeit seinen Marktwert in schöne Höhen, was ja nur im Sinne seines Heimatklubs sein kann. Doch sein Vertrag läuft im Sommer nur noch ein Jahr. Weil aber auch das Arbeitspapier von Ramos ebenfalls bis 2015 Gültigkeit besitzt, kommt auf Herthas Manager Michael Preetz demnächst reichlich Arbeit zu.

Die Berliner würden im Winter am liebsten vorzeitig mit Ramos verlängern. Doch dessen Seite lässt sich noch bitten. Würde er Lasogga im Sommer für viel Geld an den HSV oder einen anderen Interessenten verkaufen, wäre Geld in der ansonsten leeren Kasse der Hauptstädter, um Ramos auch mit einer satten Gehaltserhöhung zum Bleiben zu bewegen.

Bahnt sich aber ein Abgang von Ramos an, dessen Leistungen auch anderen Klubs aufgefallen sein dürften, könnte wiederum eine Vertragsverlängerung mit Lasogga angestrebt werden. Dieser hängt ziemlich an Hertha, und auch Preetz versteht ihn als „seinen Jungen“.

Dass gleichsam beide Stürmer verkauft werden, ist ebenfalls ein Szenario, mit dem sich Herthas Verantwortliche beschäftigen. Mit der üppigen Doppelablöse müsste dann natürlich auf Einkaufstour gegangen werden.

Harte Konkurrenz mit Falcao

Es ist anzunehmen, dass sich Adrian Ramos bisher auch darüber noch nicht allzu viele Gedanken gemacht hat. Bei einem Thema aber wird auch er nachdenklich: Der Weltmeisterschaft 2014 auf seinem Heimatkontinent in Brasilien.

Kolumbien hat sich qualifiziert, doch einen Anruf von Nationaltrainer José Pekerman gab es trotz der zuletzt starken Leistungen auch für die beiden Testspieler der „Cafeteros“ gegen Belgien (14.11.) und die Niederlande (19.11.) nicht. Derzeit hat er schlechte Karten im Nationalteam. Ramos’ bisher letztes Länderspiel liegt bereits zwei Jahre zurück.

Ihm wurde nicht nur der Abstieg mit Hertha 2012 zum Verhängnis, sondern auch die Konkurrenz im Sturm der Kolumbianer. Da hat Ramos vor allem Radamel Falcao vor der Nase, der kürzlich für 60 Millionen Euro zum AS Monaco gewechselt ist und derzeit als einer der besten Stürmer der Welt gilt.

„Ich hoffe, dass ich noch eingeladen werde“, sagte Ramos am Sonntag. Dafür arbeite er bei Hertha hart. Es sei sein absoluter Traum, bei der WM für sein Land dabei sein zu können, hatte Ramos oft in der Vergangenheit wiederholt. Kontakt zu Pekerman gab es bisher nicht. „Aber“, sagte Ramos, „treffe ich weiter für Hertha, wird er sich melden.“