Hertha BSC

Ben-Hatira - „Wir mussten gegen das Getto-Image kämpfen“

Änis Ben-Hatira trifft mit Hertha BSC auf den Schalker Kevin-Prince Boateng. Im Interview spricht Ben-Hatira über die Freundschaft zu ihm und verrät, warum sie ihm manchmal auch geschadet hat.

Foto: Oliver Mehlis / picture alliance / ZB

Änis Ben-Hatira sitzt im Medienraum von Hertha BSC und grinst wie ein Kind. Der 25 Jahre alte Mittelfeldspieler der Berliner freut sich auf die Partie gegen Schalke 04 (Sonnabend 15.30 Uhr/im Liveticker bei immerhertha.de), denn er wird dabei einen Spieler wiedersehen, mit dem ihn eine besondere Beziehung verbindet: Kevin-Prince Boateng. Beide wuchsen zusammen im Wedding auf und begannen ihre Karrieren bei Hertha. Im Interview spricht Ben-Hatira über Boateng und die gemeinsame Vergangenheit.

Berliner Morgenpost: Herr Ben-Hatira, gibt es echte Freundschaften im Profifußball?

Änis Ben-Hatira: Ich kann von mir sagen, dass ich echte Freunde im Profifußball habe, auch wenn es nur sehr wenige sind. Sicherlich ist es im Fußball schwerer, enge Freundschaften mit all der Vertrautheit aufzubauen, wie man das mit einem Freund aus dem Buddelkasten hat.

Warum? Weil man ja auch irgendwie Konkurrenz füreinander ist?

Ja, der Konkurrenzkampf spielt eine Rolle. Außerdem muss man es auch so sehen: Wir sind ja in erster Linie Arbeitskollegen, und in anderen Berufen führen enge Arbeitsbeziehungen ja auch nicht gleich zu dicken Freundschaften. Und das Geschäft ist sehr schnelllebig.

Am Sonnabend kehrt Kevin-Prince Boateng zurück nach Berlin. Sie kennen sich seit der Kindheit. Sind Sie echte Freunde?

Wir haben seit der E-Jugend zusammengespielt – zunächst noch bei den Reinickendorfer Füchsen, später bei Hertha. Auch außerhalb des Vereins haben wir sehr viel Zeit zusammen verbracht, sind in der gleichen Gegend aufgewachsen und zusammen zur Schule gegangen. Diese sehr intensive Zeit hat uns so zusammengeschweißt. Das hält, auch wenn wir uns mal länger nicht sehen. Deshalb würde ich sagen: Ja, Kevin und ich sind echte Freunde. Ähnlich ist es mit Jerome...

...Kevins Halbbruder, gegen den Sie am vergangenen Wochenende beim FC Bayern (2:3) gespielt haben...

...Ich habe Jerome nach dem Spiel eine SMS geschrieben und ihm gesagt, dass ich immer für ihn da sein werde. Er, Kevin und Ashkan Dejagah – wir haben so viel Zeit zusammen verbracht, das verbindet uns einfach. Unsere Freundschaft hängt nicht davon ab, wie oft wir uns sehen, sondern dass es immer wieder wie früher ist, wenn wir uns sehen, und dass wir wissen, dass wir uns aufeinander verlassen können. Wir sind Freunde fürs Leben.

Wie haben Sie die Karriere von Kevin verfolgt? Sie verlief ja turbulenter als Ihre.

Ich ziehe den Hut vor Kevin und bin unglaublich stolz darauf, was er geschafft hat. Als er von Hertha nach England gewechselt ist und dort zum allerersten Mal merkte, wie es ist, nicht erste Wahl zu sein, war das für ihn wie ein Schock. Das haben auch wir, seine Freunde, gespürt. Aber er hat daraus gelernt und sich in kurzer Zeit enorm entwickelt.

Wie erlebt man es, wenn der eigene Jugendfreund öffentlich an den Pranger gestellt wird, wie bei Kevin nach dem Foul an Michael Ballack?

Ich kann mich daran noch gut erinnern, denn ich war damals beim FA-Cup-Finale im Stadion. Was danach passiert ist, kam mir wie eine Hetzjagd auf Kevin vor. Das habe ich zuvor noch nie so erlebt. Er war plötzlich das perfekte Feindbild. Das hat mir damals sehr wehgetan. Aber Kevin hat das nur stärker gemacht. Bei der WM in Südafrika hat er gezeigt, dass er kein Treter ist und kam danach zum AC Mailand in eine Weltklassemannschaft.

Vergleichen Sie sich eigentlich manchmal mit ihm? Schließlich hat er es bereits dahin geschafft, wo Sie noch hinwollen.

Ja, absolut. Aber das hat für mich nichts mit Konkurrenz oder Neid zutun. Kevin motiviert mich. Er war bei einer WM und ist mit Mailand schon Meister geworden. Oder Jerome, der gerade das Triple gewonnen hat. Das will ich auch: Ich will auch zur WM und irgendwann Titel gewinnen.

War diese Freundschaft zu Kevin mal von Nachteil für Sie? Er hat sich früh das Image des Gettokickers gegeben, das nicht bei allen gut ankam.

Das Image der Gettokicker hat uns ja allen gefallen. Denn das war es doch, was uns miteinander verbunden hat. Dieses Klischee: Wir sind die Straßenjungs und mischen jetzt die Liga auf. Das haben wir damals für cool und richtig empfunden. Vielleicht hat Kevin es etwas übertrieben. Aber an diesem Badboy-Image haben wir alle unseren Anteil, nicht nur er, und alle mussten wir später dafür einen hohen Preis zahlen.

Welchen Preis haben Sie zahlen müssen?

Als ich beim HSV spielte, rief mich unser Trainer Martin Jol in die Kabine. Er war gerade neu bei uns und hatte zuvor Kevin bei Tottenham Hotspur trainiert. Kevin hatte mir schon geschrieben, dass ich bestimmt wegen ihm mit Jol Ärger bekommen würde. Jol sagte zu mir: Änis, du bist wie dein Bruder, wie Boa. Er ist ein guter Junge und ein guter Kicker, aber bei euch flattert es wie Vögel im Kopf. Da wusste ich, dass ich bei Jol erst mal gegen dieses Image ankämpfen musste.

Haben Sie es bereut, sich so als Gettojungs inszeniert zu haben?

Nein, das nicht. Das Problem ist nur, dass die Leute beim Wort Getto immer gleich an Schlägereien und Ärger machen denken. Aber für uns bedeutete es in erster Linie, dass wir in unserer Gegend im Wedding, die nicht die beste war, bis es dunkel wurde in Käfigen Fußball gespielt haben. Wir mussten später oft dagegen ankämpfen, immer als die Krawall-Jungs zu gelten.

Was haben Sie für Ihre Karriere aus dem Käfig mitgenommen?

Man lernt dort, besonders kreativ zu sein und sich durchzusetzen. Man lernt es, um keinen Preis verlieren zu wollen, denn im Käfig gab es die Regel, dass der Gewinner draufbleiben durfte. Und wir wollten immer weiterspielen. Der Käfig war für uns wie eine Schule und hat uns auch als Charaktere geprägt. Auf Schalke hört man jetzt ja, wie sehr alle von Kevins Sieger-Mentalität schwärmen. Das hat er im Käfig gelernt.

Viele Beobachter sagen heute, Kevin habe eine Wandlung durchlaufen. Haben Sie das auch so erlebt?

Für mich bleibt Kevin immer Kevin. Natürlich ändert man Ansichten und das hat er auch, aber für mich persönlich ist er immer noch derselbe Junge, den ich von klein auf kenne. Er wird für mich immer wie ein Bruder sein.

Wie war es für Sie, als Kevin 2009 kurz vor der U21-EM in Schweden wegen Disziplinlosigkeit aus dem Kader flog und Sie später ohne ihn Europameister wurden?

Ich erinnere mich an die Vorbereitung des Turniers noch sehr gut. Es gab da ein Spiel gegen Irland, da standen fünf Berliner, alles alte Freunde von mir, in der Startelf: Kevin, Jerome, Ashkan, Partick Ebert und ich. Das war wie ein Traum. Warum Kevin damals gehen musste, weiß ich bis heute nicht. Es hat uns alle traurig gemacht. Obwohl wir Europameister geworden sind, wäre es schöner gewesen, wenn er dabei geblieben wäre. Denn es war das letzte Mal, dass wir alle noch einmal zusammen waren. Das hat uns zurück in die Vergangenheit geworfen.

Glauben Sie, dass es eine neue Generation von Straßenfußballern, wie Sie und Kevin es waren, in Berlin geben wird?

Wenn ich heute so durch den Kiez gehe, fällt mir auf, dass die Käfige etwas leerer sind als früher. Vielleicht ist es jetzt auch schon eine ganz andere Zeit: Heute spielen die Kinder viel auf der Playstation. Das hatte bei uns damals nur Jerome. Aber jetzt klinge ich ja schon fast wie ein Opa. (lacht)

Wie wird es für Sie sein, zum ersten Mal gegen Ihren Freund Kevin zu spielen? Hatten Sie vor dem Spiel noch einmal Kontakt?

Nein, wir haben uns jetzt erst einmal in Ruhe gelassen. Es wird natürlich etwas Besonderes für mich sein, zum ersten Mal gegen ihn zu spielen. Aber ehrlich gesagt blendet man das die 90 Minuten im Spiel aus und versucht, mit seiner Mannschaft die Partie zu gewinnen. Es geht ja für Hertha und für Schalke um viel. Für unsere Freundschaft ist danach noch Zeit.

Es gibt ja im Fußball auch so etwas wie Feindschaften. Es heißt, Hertha- und Schalkefans pflegen eine Rivalität. Spielt das für Sie eine Rolle?

Ich sage es mal so: Für mich ist dieses Spiel eines der Highlights der Hinrunde, denn erstens spiele ich gegen Kevin, und zweitens weiß ich, dass die Fans sich nicht so riechen können, und da will man dann natürlich umso mehr für seine Fans gewinnen.