Vielleicht war es der frisch rasierte Schädel. Wer weiß? Eine Kampffrisur gewissermaßen hatte sich Adrian Ramos für die Partie seiner Mannschaft von Hertha BSC gegen die TSG 1899 Hoffenheim zugelegt. Und ein Kampfspiel sollte es werden. Eines, an dessen Ausgang Ramos einen gehörigen Anteil haben sollte. Eines, das die 25.078 Zuschauer in der Rhein-Neckar-Arena von Sinsheim, unter ihnen US-Nationalcoach Jürgen Klinsmann, elektrisieren sollte. Eines, das am Ende mehr als nur einen Berliner Helden hervorbringen sollte.

Dank der Tore von Ramos (53. und 83. Minute) und Änis Ben-Hatira (13.) gewann Hertha eine packende Partie im Kraichgau und sicherte sich damit den ersten Auswärtserfolg der Saison.

Erster Auswärtssieg der Saison

„Wir haben uns heute endlich einmal für unseren Aufwand belohnt“, sagte ein glücklicher Hertha-Trainer Jos Luhukay nach dem Spiel. „Ich bin richtig angetan von meiner Mannschaft. Sie hat heute alles gezeigt, was ich von ihr erwarte.“

Unter der Woche hatte der Niederländer insbesondere von seinen Außenstürmern mehr Torgefahr gefordert: Die hatten gut zugehört. Sami Allagui, der als einzige Änderung gegenüber dem 0:2 gegen den FC Schalke vor einer Woche für Nico Schulz in die Startelf gerückt war, hatte die erste Gelegenheit des Spiels, als er an der Strafraumgrenze einen Ball direkt nahm und nur um Zentimeter das Hoffenheimer Tor verfehlte (3.). Eine Minute später strich ein Schuss von Änis Ben-Hatira knapp am Pfosten vorbei.

Die Kraichgauer dagegen brauchten zehn Minuten, um ihrerseits gefährlich vors Tor zu kommen: Kapitän Andreas Beck passte scharf in den Berliner Strafraum, doch Tarik Elyounoussi rutschte um eine Fußspitze vorbei. Gegen das bis dahin zweitbeste Offensivteam der Liga (26 Treffer) agierte Hertha aus einer tief stehenden Abwehr heraus, um bei Balleroberung schnell zu kontern. Denn das Team von Trainer Markus Gidsol ist schließlich auch das abwehrschwächste.

Und so war es auch ein Konter, der zum 1:0 führte: Ramos legte sich einen Ball selbst an der Außenlinie vor, passte gedankenschnell in die Mitte, wo Ben-Hatira heranstürmte und die Kugel unter die Latte drosch (13.).

Die TSG dagegen brachte Herthas Keeper Thomas Kraft zunächst nur mit Standardsituationen ins Schwitzen: Den ersten Freistoß des ehemaligen Berliners Sejad Salihovic aus knapp 25 Metern fing der Schlussmann noch mühelos (26.). Der zweite aber von identischer Position zwang den Schlussmann zur sehenswerten Parade (30.). Drei fatale Patzer waren Kraft in den vergangenen zwei Begegnungen unterlaufen. Dafür wurde der 25-Jährige unter der Woche heftiger als je zuvor in seiner Zeit in Berlin kritisiert. Nach der Pause aber zeigte Kraft, dass er sehr wohl ein erstklassiger Keeper ist: Erst tauchte der eingewechselte Fabian Johnson völlig freistehend vor ihm auf, doch Kraft parierte (49.). Nur drei Minuten später stand Kevin Volland allein vor ihm – Kraft hielt erneut.

Zwei zweifelhafte Elfmeter

Nun entwickelte sich eine turbulente Partie – das lag auch an Schiedsrichter Deniz Aytekin. Ramos war über links in den Hoffenheimer Strafraum eingedrungen, der früh eingewechselte Jannik Vestergaard ging etwas unbeholfen in den Zweikampf, Ramos rutschte wegen eines Rasensfehlers weg, Aytekin zeigte auf den Elfmeterpunkt. Herthas Angreifer blieb ruhig. Der Kolumbianer verwandelte den fälligen Strafstoß sicher zur 2:0-Führung (53.).

Und wie Hertha erhielten auch die Hausherren einen schmeichelhaften Elfmeter. TSG-Trainer Markus Gisdol brachte mit Sven Schipplock einen frischen Stürmer. Als dieser im Berliner Strafraum nach einem Zweikampf mit Sebastian Langkamp zu Fall kam, entschied Aytekin erneut auf Strafstoß. Das nennt man dann wohl Konzessionsentscheidung. Salihovic verwandelte aus elf Metern zum 1:2 (70.).

Nun wurde es immer hitziger. Bei nahezu jeder Entscheidung Aytekins gegen Hoffenheim gab es wütende Pfiffe. Hertha ließ sich davon etwas anstecken und machte zunehmend Fehler in der Abwehr. Doch erneut war Torwart Kraft zur Stelle, als Volland völlig frei vor ihm auftauchte (72.).

Luhukay reagierte und wechselte defensiv: Für Per Skjelbred kam Peter Niemeyer. Für Allagui gab Marcel Ndjeng sein Comeback, nachdem er sich am ersten Spieltag verletzt hatte. Hoffenheim drängte nun mit aller Macht auf den Ausgleich und sollte ihn bekommen: Einen Freistoß zirkelte Salihovic aus 17 Metern unter die Latte (80.).

Luhukay: „Als das 2:2 fiel, dachte ich: Oh je“

Als alles danach aussah, dass die Berliner mal wieder ohne drei Punkte im Gepäck heimfahren müssen, schlug Peter Pekarik eine Flanke in den Hoffenheimer Strafraum. Und nun kam sie zum Einsatz, die frisch rasierte Glatze des Adrian Ramos. Der Angreifer stieg hoch und köpfte das Spielgerät zum 3:2-Siegtreffer in die Maschen (83.). Es war sein siebtes Saisontor und sein zweiter Doppelpack in dieser Spielzeit (er traf schon beim 6:1 gegen Frankfurt doppelt).

Weil Kraft in der fünf Minuten langen Nachspielzeit schließlich noch ein letztes Mal gegen den verzweifelten Volland rettete, blieb es beim letztlich nicht unverdienten Sieg. „Als das 2:2 fiel, dachte ich: Oh je“, verriet Luhukay später. „Dann aber kam Adrian. Er hat einfach diese unglaubliche Qualität bei Kopfbällen. Das hat er perfekt gemacht.“ Dank Ramos’ Glatze sichert sich Hertha vor der Länderspielpause Tabellenplatz sieben.