Für Fabian Lustenberger gab es am Freitag eine gute Nachricht: Der Schweizer Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld hat den 25-Jährigen für das Testspiel in Südkorea (15.11.) nominiert. Es wäre sein erster Einsatz bei der A-Nationalelf. Ein Grund für die Berufung dürfte sein, dass Lustenberger sich bei Hertha zu einer zentralen Figur entwickelt hat. Am Sonntag enden für den Innenverteidiger die ersten 100 Tage im Amt des Mannschaftskapitäns. Zuvor muss er an Sonnabend mit Hertha bei der TSG 1899 Hoffenheim antreten (15.30 Uhr/im Liveticker bei immerhertha.de). Im Interview zieht Lustenberger eine erste Bilanz.

Berliner Morgenpost: Herr Lustenberger, haben Sie sich in dieser Woche eigentlich einmal nachgemessen?

Fabian Lustenberger: Nein, daran werde ich wohl nichts mehr ändern können. Aber ich weiß, worauf Sie anspielen.

Es wurde diskutiert, ob Ihre Größe bei Kopfbällen von Nachteil sei. Als Innenverteidiger sind Sie mit 1,80 Meter eher klein.

Wenn man sich meine Zweikampfwerte ansieht, merkt man, dass das kein Nachteil ist. Ich gewinne meist über 50 Prozent der Duelle. Nur wenn jemand 1,90 Meter groß ist, heißt das nicht automatisch, dass er jedes Kopfballduell gegen mich gewinnt.

Sind Sie ein moderner Verteidiger?

Für einen Abwehrspieler ist wichtig, dass er seine Zweikämpfe gewinnt. Da ist es egal, ob er 1,75 Meter oder 1,90 Meter groß ist. Einen Typus für einen modernen Verteidiger gibt es meiner Meinung nach nicht. Wichtig ist, dass man eine Balance zwischen fußballerischen Fähigkeiten und Aggressivität im Zweikampfverhalten findet. Es gibt einige hervorragende Verteidiger, die meiner Statur entsprechen. Fabio Cannavaro mit 1,76 Meter oder Carlos Puyol mit 1,78 Meter zum Beispiel.

Bleiben wir bei der Größe: Am Sonntag sind Sie 100 Tage Hertha-Kapitän. Sind Sie an der Aufgabe gewachsen?

Schwierig zu sagen. Am Wochenende trage ich die Kapitänsbinde auf dem Platz. Ich darf beim Schiedsrichter ein bisschen mehr meckern, ohne dass ich gleich Ärger bekomme. Und ich stehe etwas mehr im Fokus der Öffentlichkeit. Aber ich glaube, dass ich mich persönlich nicht verändert habe. Zumindest habe ich das versucht. Das müssten meine Mitspieler bestätigen, ob das so ist.

Woran merken Sie, dass sie mehr im Fokus der Öffentlichkeit stehen?

Ich werde jetzt viel kritischer beobachtet. Nach dem ersten Spiel als Kapitän wurde in einer Boulevardzeitung mein ganzer Tagesablauf seziert. Das war das Pokalspiel in Neumünster. Da wurde mir zur Last gelegt, dass ich die Seitenwahl vor Anpfiff nicht gewonnen habe. Das sind Dinge, die ich in dem Maße nicht erwartet habe. Aber ich kann das ganz gut einschätzen, dass nicht nur die Leistung auf dem Platz zählt.

Ärgert Sie das?

Im ersten Moment war ich ein bisschen irritiert. Dann habe ich gedacht: Gut zu wissen, dass so genau hingeschaut wird. Bei der Seitenwahl steht die Chance 50 zu 50, dass man gewinnt. Aber ich habe schnell begriffen, dass das einfach dazu gehört und so Geschichten entstehen. Deswegen habe ich damit auch kein Problem.

Vor Ihnen wurden Kapitäne bei Hertha oft attackiert. Arne Friedrich wurde vorgeworfen, kein echter Leader zu sein. Bei Andre Mijatovic ging es um die Leistung und auch Peter Niemeyer wurde bisweilen kritisch gesehen. Haben Sie sich darauf vorbereitet?

Vorbereiten kann man sich darauf nicht. Wenn man Leistung zeigt, kommt die Kritik nicht. Das ist das Einzige, was man beeinflussen kann. Dazu versuche ich, gegenüber dem Boulevard wenig Angriffsfläche bieten. Wenn ich das Gefühl habe, etwas sagen zu müssen, dann mache ich das. Aber ansonsten habe ich nicht das Bedürfnis mich besonders profilieren zu müssen. Ich gehe das ganz entspannt an.

Ihnen wird ein gewisses schweizerisches Diplomatentum nachgesagt. Hilft das in Ihrer Funktion als Kapitän?

Es kommt nicht schlecht an, wenn man etwas diplomatisch ist. Das heißt natürlich nicht, dass ich es allen recht mache. Wenn ich eine Meinung habe, dann vertrete ich die auch. Aber diese Saison gab es eigentlich noch keinen Grund, etwas zu klären. Das können wir nach dem ersten Krach noch einmal besprechen, ob das geklappt hat.

Sie meinen die Aussprache mit den Fans in der Kurve beim Heimspiel gegen Mainz nach dem Pokal-Aus? Das wurde meiner Meinung nach extrem aufgebauscht. Eigentlich war es schon im Stadion geklärt. Am Ende habe ich in einer Schweizer Zeitung gelesen: Skandal um Hertha-Kapitän! Da stand aber auch nichts weiter drin, als dass wir zu den Fans gegangen sind, um die Vorfälle nach der Pokalniederlage in Kaiserslautern zu klären. Und in den darauffolgenden Spielen haben wir gesehen, dass das Verhältnis zwischen Team und Anhängern intakt ist.

Es gab in den ersten 100 Tagen auch einige Negativ-Schlagzeilen. Wie sind Sie als Kapitän und wie ist die Mannschaft damit umgegangen?

Insgesamt zeigt es sich, dass wir als Mannschaft eine gute Truppe sind. Wir haben am Anfang besprochen, dass wir nichts zwischen uns kommen lassen. Wir sind sehr gefestigt, darauf sind wir stolz.

Für Politiker gilt in den ersten 100 Tagen der Amtszeit eine Schonfrist. Die gibt es für Fußballkapitäne nicht.

Dieser Druck gehört als Profi dazu. Ich bin ja schon im siebten Jahr in Berlin und habe mich daran gewöhnt. Wenn es läuft, ist alles gut. Wenn es nicht läuft, ist alles schlecht. Das lese ich manchmal früh online, denke mir meinen Teil und dann ist es auch wieder vergessen. Ich lasse mir jedenfalls nicht jeden Morgen den kompletten Pressespiegel zuschicken.

Sie haben mit Hertha gerade zwei Spiele in Folge verloren. Wie wichtig ist es, gegen Hoffenheim einen negativen Trend zu verhindern?

Wichtig, denn so würden wir etwas Ruhe vor der Länderspielpause hineinbekommen. Sonst heißt es zwei Wochen lang, dass die nächste Partie gegen Leverkusen unbedingt gewonnen werden muss. Wenn wir an die Leistung der letzten Wochen anknüpfen, können wir in Hoffenheim auf jeden Fall etwas mitnehmen oder gar gewinnen.

Sie wurden von Ottmar Hitzfeld nun für die Schweizer Nationalelf berufen. Was bedeutet Ihnen die Nominierung?

Ich freue mich sehr über diese Nominierung, wäre sehr stolz, wenn ich für die Schweiz auflaufen könnte. Ich war ja schon einmal eingeladen, wurde damals aber leider nicht eingesetzt. In der Bundesliga ist man natürlich Woche für Woche im Fokus von Ottmar Hitzfeld, insofern ist es auch eine Belohnung für mich und eine Bestätigung meiner Leistungen bei Hertha BSC.

Nehmen Sie sich vorsichtshalber lieber nichts vor für den Sommer 2014?

Soweit denke ich noch nicht, bis dahin kann noch viel passieren. Ich bin jetzt erst mal froh, aktuell dabei sein zu dürfen. Was nächstes Jahr sein wird, werden wir sehen.