Bundesliga

Kevin-Prince Boateng kehrt als Star nach Berlin zurück

Kevin-Prince Boateng trifft sechs Jahre nach seinem Weggang aus Berlin erstmals auf seinen Ausbildungsklub Hertha BSC. Der einstige Skandal-Profi hat sich zum Führungsspieler des FC Schalke entwickelt

Foto: Martin Meissner / AP

Ein Spinnennetz soll ihn beschützen. Kevin-Prince Boateng hat es sich auf sein linkes Knie tätowieren lassen – „meine Schwachstelle“, wie er sagt. In dieser Woche hat seine Schwachstelle mehr Schlagzeilen geschrieben als er selbst. Nach dem verlorenen Revierderby gegen Dortmund spekulierte TV-Experte Ottmar Hitzfeld, ob der neue Hoffnungsträger des FC Schalke 04 nicht schon mit einem kaputten Knie aus Mailand gewechselt sei. Große Aufregung bei den Königsblauen, die schließlich zehn Millionen Euro für Boateng an den AC Mailand überwiesen haben und nun im Verdacht stehen, sich übers Ohr haben hauen zu lassen. Mal wieder das linke Knie. Es bleibt eine Konstante im Leben von Boateng. Deshalb das Tattoo. Es habe eine gewisse Symbolik, sagte er: „Ein Spinnennetz kommt immer wieder. Und genauso ist es mit meinem Knie.“

An diesem Sonnabend (15.30 Uhr/im Liveticker bei immerhertha.de) kehrt Kevin-Prince Boateng ins Olympiastadion zurück und trifft zum allerersten Mal seit seinem Weggang vor sechs Jahren auf seinen Ausbildungsverein Hertha BSC. „Für mich wird es sicher ein besonders emotionales Spiel, weil viele Erinnerungen an Hertha hängen“, sagte Boateng der Morgenpost.

Das mit dem Knie, das kennen sie in Berlin. Der 26 Jahre alte Offensivspieler hatte schon mit 13 Jahren in der Jugend der Blauweißen einen Kreuzbandriss, später einen Meniskusriss (2006) sowie einen Meniskuseinriss (2007), der noch bei seinem Wechsel für 7,9 Millionen Euro zum englischen Klub Tottenham Hotspur im Juli 2007 Thema war.

Boatengs Odyssee durch den europäischen Fußball

Ansonsten aber dürften sie bei Hertha Probleme haben, den Profi und Menschen Kevin-Prince Boateng von damals wiederzuerkennen. Denn dessen Rückkehr in seine Geburtsstadt ist der vorläufige Schlusspunkt einer Odyssee durch den europäischen Fußball, die ihn vom hoch talentierten, aber schwer erziehbaren Halbstarken zur kollektiven Hassfigur bis zum Botschafter gegen Fremdenhass und Fußball-Weltstar hat reifen lassen – eine Entwicklung in drei Phasen.

Als Boateng Berlin mit nur 20 Jahren und erst 42 Bundesligaspielen Richtung Premiere League verließ, hatte er sich in Deutschland mit Beharrlichkeit das Image eines zornigen Emporkömmlings aus niedersten Verhältnissen erworben. „Wir“, sagte Boateng damals über sich und seine Kollegen bei Hertha Änis Ben-Hatira und Ashkan Dejagah, „sind wirkliche Ghettokids. Wenn die Leute dahin kommen, wo wir aufgewachsen sind, werden sie sehen: Entweder du wirst Gangster und Drogendealer oder Fußballspieler.“ In einem Fußballkäfig am Panke-Ufer im Wedding hatte Boateng die Nachmittage verbracht. Von Kiez und Käfig lieh er sich die Geschichte des Problemkindes, die ihn einholen sollte.

Boateng und die Probleme in Tottenham

Anders als in Berlin, wo Boateng als großes Talent galt, war er bei den Tottenham Hotspur unter Trainer Martin Jol nur die billigste unter einer Vielzahl von Neuerwerbungen. Er fand sich rasch im zweiten Team wieder, ging Nächte lang aus und nahm zu. Als der Dortmunder Cheftrainer Jürgen Klopp ihn für die Rückrunde 2009 auslieh, hoffte er auf eine zweite Chance.

Doch der Kampf gegen den eigenen Abstieg endete beim BVB im Desaster: Nach einem Kopftritt gegen einen Wolfsburger sah Boateng die Rote Karte, und da war es wieder, das Rüpel-Image: Die „Bild“ nannte ihn „RAMBOateng“, Lothar Matthäus im TV gar „den Fiesling der Bundesliga“. Mit seinem alten Hertha-Kumpel Patrick Ebert trat er in einer durchzechten Nacht in Berlin Autospiegel ab und flog kurz vor der EM wegen Disziplinlosigkeit aus dem Aufgebot der U21-Nationalelf. Das Zerrbild des heißblütigen Brutalos aber verdichtete sich am 15. Mai 2010, als Boateng – nun beim FC Portsmouth – im Finale des FA-Cups das Innenband im Sprunggelenk von Michael Ballack zertrat und den deutschen Nationalmannschaftskapitän um die WM in Südafrika brachte. Boateng, der Staatsfeind Nummer eins.

Die WM 2010 in Südafrika als Wendepunkt

Die WM spielte er für Ghana. Sie sollte der Wendepunkt in seiner Karriere werden. Nach dem Turnier wechselte er zum italienischen Spitzenklub AC Mailand, wurde dort Meister und Publikumsliebling. Als er Anfang Januar nach rassistischen Schmährufen bei einem Testspiel das Feld verließ, wurde er über die Grenzen Italiens hinaus als Vorkämpfer gegen Fremdenhass gefeiert und durfte Ende März gar vor den Vereinten Nationen in Genf über Rassismus im Sport sprechen. Plötzlich war Boateng auch in Deutschland rehabilitiert. Bei seiner Ankunft auf Schalke im August wurde er als neuer Heilsbringer begrüßt, der dem wankelmütigen Revierklub ein bisschen Glanz zurückbringen soll.

Als Grenzgänger verließ Boateng 2007 Berlin, als Schalkes Anführer kehrt er nun in seine Heimatstadt zurück. Auf der Strecke dazwischen ist er ein anderer geworden: „Ich habe sehr viele wertvolle Erfahrungen gesammelt in England und Italien, sowohl als Spieler als auch als Mensch. Ich bin dankbar für alles, was ich in den letzten sechs Jahren erleben durfte“, sagte Boateng.

Respekt vor den Berlinern

Beeindruckt zeigt sich Boateng vom guten Saisonstart seines Ex-Klubs: „Sie haben zurecht ein großes Selbstvertrauen“, sagte Boateng über Hertha. „Natürlich würde ich mir wünschen, dass das Team die Form weiterhin bestätigen kann und ich dann häufiger im Olympiastadion spielen kann. Ich verbinde viel mit dem Klub, das wird auch immer so bleiben.“ Er habe den Traum, sagte Boateng kürzlich der „Sportbild“, irgendwann seine Karriere bei Hertha zu beenden. Wenn das Spinnennetz auf dem linken Knie seine Arbeit macht, dürfte dies aber noch ein bisschen auf sich warten lassen.