Interview

Ben-Hatira fühlt sich bei Hertha als Teil eines Theaterstücks

Um 18.30 Uhr spielt Herthas Änis Ben-Hatira erstmals gegen seinen ehemaligen Verein HSV. Im Gespräch mit Jörn Meyn spricht er über Selbstbewusstsein, Zusammenhalt und Lehrmeister Luhukay.

Foto: Rauchensteiner/Augenklick / picture alliance

Berliner Morgenpost: Herr Ben-Hatira, lassen Sie uns über Selbstvertrauen sprechen. Würden Sie sagen, dass Sie ein selbstbewusster Spieler sind?

Änis Ben-Hatira: Zumindest würde ich sagen, dass ich mir bewusst darüber bin, was ich kann.

Anders gefragt: Wenn Sie aufs Spielfeld laufen, sind Sie dann manchmal auch unsicher?

Mit 18 Jahren, als ich meine ersten Bundesligaspiele für den HSV gemacht habe, da war ich schon manchmal unsicher. Aber heute ist das nicht mehr so. Heute verspüre ich einfach nur pure Vorfreude, wenn ich aufs Feld laufe.

Ist Ihre Spielweise eine, für die man ein großes Selbstbewusstsein braucht?

Ich denke schon. Ich will die Zuschauer unterhalten. Der Platz ist für mich wie eine Bühne, und ich bin Teil eines kleinen Theaterstücks...

…und auf der Theaterbühne müssen die Schauspieler Selbstbewusstsein ausstrahlen. Zweifel sind da nicht zuträglich.

Genauso ist es auch bei mir. Ich gehe raus und bin einfach nur glücklich, dass ich spielen kann. Ich denke nicht darüber nach, ob ich nervös bin, oder ob ich Zweifel habe. Das würde meinem Spiel nicht guttun. Natürlich gibt es auch Spiele, bei denen der Druck stärker ist – zum Beispiel wenn der Erfolg ausbleibt. Aber das belastet mich überhaupt nicht. Ich tue das, was ich liebe und das mit voller Leidenschaft und ohne Angst.

Gab es Momente in Ihrem Leben, in denen es für Sie besonders notwendig war, sich der eigenen Stärke bewusst zu sein und diese auch auszustrahlen?

Meine ganze Kindheit habe ich in Fußballkäfigen verbracht. Der Großteil meiner Freunde, mit denen ich dort gespielt habe, war deutlich älter und größer als ich. Wenn du da als der Jüngste Schwäche gezeigt hast, hast du sofort auf die Socken gekriegt. Da musstest du dich behaupten, sonst warst du schnell wieder draußen. Das hat mich sehr geprägt. Ich hatte eine wunderschöne Kindheit. Fußball war mein Lebensmittelpunkt, und über ihn habe ich gelernt, dass man im Leben Vertrauen in seine eigene Stärke haben muss.

Als Sie in der vergangenen Saison nach langer Verletzung zurückgekommen sind, hat Ihr Trainer, Jos Luhukay, gesagt, dass Sie für Ihre Dribblings ein gewisses Vertrauen in sich selbst bräuchten. Das zurückzufinden brauche Zeit. In den ersten beiden Partien dieser Saison wirkte es so, als hätte sie das Vertrauen wiedergefunden.

Meine Fußverletzung im letzten Jahr war eine Leidenszeit für mich, die ich so zuvor noch nie hatte. Diese Überzeugung, mit der ich immer in Zweikämpfe und Dribblings gegangen bin, war nach meiner Rückkehr erst mal weg. Aber das habe ich mir jetzt zurückgeholt. Ich fühle mich heute noch viel stärker als vor der Verletzung.

Welche Rolle hat Jos Luhukay dabei gespielt?

Ich will es mal so sagen: In meiner Zeit beim HSV habe ich etwa zehn Trainer gehabt. Insgesamt hatte ich in meinem Leben fast 30. Aber ein Vertrauensverhältnis wie zu Luhukay hatte ich vorher nur zu Huub Stevens.

Man spricht in diesen Fällen ja manchmal von einer Art Vaterfigur. Wäre das bei Luhukay übertrieben?

Huub Stevens war für mich eine Art Vaterfigur. Damals war ich noch sehr jung und habe das gebraucht. Heute ist das anders. Dennoch würde ich sagen, dass Jos Luhukay der beste Trainer ist, den ich bisher hatte. Er ist mein Lehrmeister.

Wenn am Sonnabend der HSV ins Olympiastadion kommt, wird es zwei unterschiedliche Ausgangssituationen geben. Sie können mit Ihrem Team nach vier Punkten aus zwei Spielen selbstbewusst in die Partie gehen. Der HSV kommt nach der 1:5-Niederlage sicherlich mit weniger Selbstbewusstsein nach Berlin. Da geht es derzeit wieder hoch her.

Das ist für mich der typische HSV. Was ich hier in meinen zwei Jahren bei Hertha an Zusammenhalt und Familiengefühl erlebt habe, habe ich in meinen fünfeinhalb Jahren beim HSV nie erlebt. Ich meine dieses Gefühl, zusammen durch Dick und Dünn gehen zu können. Wenn ich sehe, was jetzt schon wieder nach nur zwei Spielen beim HSV los ist, tut mir das eigentlich nur weh. Denn ich habe immer noch eine große Verbindung zum Verein.

Es ist ja noch nicht lange her, da war Hertha der Chaosklub der Liga.

Das kann man nicht vergleichen. Als ich vor zwei Jahren zu Hertha zurückgekommen bin, habe ich eine intakte Mannschaft vorgefunden. Der Teamgeist war gut. Dann sind Dinge vorgefallen, die man nicht vorhersehen konnte und für die wir als Mannschaft nichts konnten. Das war eine einmalige und besondere Situation. Aber beim HSV ist es jedes Jahr das Gleiche.

Sind Sie nach zwei recht fulminanten Spielen davon überzeugt, dass es dieses Jahr mit dem Klassenerhalt für Hertha klappen kann?

Absolut. Wir haben gesehen, dass wir bestehen können. Aber Fakt ist auch: Wir sind noch in der Lernphase. Wenn wir zum Beispiel das Spiel gegen Nürnberg vom Sonntag nehmen: Hätte uns einer vor der Saison gesagt, dass wir mit vier Punkten starten werden, hätten das alle gern genommen. Jetzt haben wir gesehen, dass wir sogar mit sechs Punkten hätten dastehen können. Und das sogar verdient. Spätestens jetzt wissen wir, dass wir angekommen sind in der Bundesliga. Aus solchen Spielen wie gegen Nürnberg nehmen wir als Team viel Selbstvertrauen mit gegen den HSV.

Wie wird der HSV hier auftreten?

Die werden um ihr Leben spielen. Die haben ja schon wieder richtig Druck. Das muss uns bewusst sein, und wir müssen die Unsicherheit, die beim HSV nach dem 1:5 auf jeden Fall da ist, ausnutzen.

Sie selbst haben beim HSV und bei Hertha immer angedeutet, dass Sie großes Potenzial haben. Aber konstant hohes Niveau konnten Sie nie wirklich zeigen. Sind Sie mit jetzt 25 Jahren reif dafür?

Ich kenne dieses Klischee. Aber ich bin nun mal ein Spieler, der auf dem Flügel viel ins Eins gegen Eins gehen muss. Das sind 50/50-Situationen. Entweder du kommst durch, oder nicht. Ich kann mir nicht zunächst über einfache Pässe Sicherheit holen. Ich muss gleich ins Risiko gehen. Wenn die ersten Aktionen im Spiel funktionieren, dann läuft auch das gesamte Spiel gut für mich. Dann ist das Selbstvertrauen da. Wenn nicht, dann wird es schwieriger. Dann verkrampft man auch mal. Deshalb gibt es mal solche und mal solche Spiele von mir. Aber die Saison hat gut für mich begonnen und ich hoffe, dass es so bleibt.

Haben Sie sich eigentlich schon mal Tipps von Ihrem älteren Bruder Aymen geholt? Schließlich ist er Stürmer bei den Reinickendorfer Füchsen in der Verbandsliga, und Sie könnten Ihre Torausbeute ja auch noch verbessern?

(lacht) Nee, das brauche ich nicht.

...soviel Selbstbewusstsein muss sein...

(lacht) Nur eines kann ich mir von ihm abgucken: Es gibt keinen besseren Kopfballspieler als ihn. Das muss er mir mal zeigen.