Bundesliga

Die Sehnsucht nach Perfektion im Tor von Hertha BSC

Kritik an der Nummer eins hat bei Hertha Tradition. Doch Torwarttrainer Richard Golz lässt sich trotz der drei Gegentreffer beim FC Bayern keine Krise von Hertha-Torwart Thomas Kraft einreden.

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Vor der Arbeit mit der Gruppe stand ein Einzeltermin. Ehe Thomas Kraft am Nachmittag am Mannschaftstraining teilnahm, bat Torwarttrainer Richard Golz den Schlussmann von Hertha BSC ins Trainerzimmer. Ehe der Fokus auf das kommende Bundesliga-Spiel gegen den FC Schalke geht, stand das Videostudium. Auswertung der letzten Begegnung. Das macht Golz regelmäßig mit seinem Torhüter. Auf dem Video sind jene Sequenzen zu sehen, die der Torwarttrainer während des Spiels notiert hat. Kraft hatte beim 2:3 bei Bayern München keinen guten Tag erwischt. Er patzte beim ersten Gegentor der Münchener, beim zweiten rutschte er weg, der Ball war ebenfalls drin.

Im Nachgang der Niederlage beim Meister ist unter den Fans eine kuriose Diskussion entsprungen. Es gibt Stimmen, die Kraft als nicht bundesligatauglich einschätzen. Andere werfen ihm vor, trotz des Torwarttrainer-Wechsels im Sommer (von Christian Fiedler zu Golz) stagniere Kraft in seinen Leistungen. Andere finden, dass Kraft unter Golz sogar schlechter geworden sei.

Auch Drobny, Aerts und Fiedler standen in der Kritik

Um die Diskussion einordnen zu können, sei darauf hingewiesen: Die Kritik an der jeweiligen Nummer eins hat Tradition in Berlin. Den Vorgängern Maikel Aerts (1,96 m) und Jaroslav Drobny (1,92 m) wurde zwar die richtige Größe und Strafraumbeherrschung attestiert. Aber beide seien mit den Füßen zu limitiert gewesen. Urteil: Keine Torwarte für den modernen Fußball. Deren Vorgänger Christian Fiedler war fußballerisch der vielleicht beste Torwart, den Hertha je hatte. Mit 1,80 Meter, so die Meinung der Kritiker, aber zu klein. Urteil: Für modernen Fußball ungeeignet.

Nun also Kraft – Golz schmunzelt. „Wenn man etwas verändern möchte, braucht das Zeit. Ich bin seit drei Monaten hier.“ Golz schnipst mit den Fingern. „Das ist nichts.“ Er wird mit Kraft positive Szenen besprechen, aber auch die Gegentore. Öffentlich geht er nicht ins Detail. Nur soviel: Die alte Torwart-Regel ‚Wenn der Torwart rausgeht, muss er auch an den Ball kommen’ gilt, so Golz, „auch heute noch“. Damit ist die Verantwortung beim 0:1 geklärt – Fehler Kraft. Auch wird Golz über die anderen beiden Treffer reden, weil der Torwarttrainer seinen Spitzenmann grundsätzlich in einer gute Phase sieht.

Gehirnforschung und Torwartfehler

Golz über den psychologischen Aspekt der Auswertung: „Wenn eine Torwart eine Krise hat, zeige ich ihm nicht jede Woche seine Fehler, die er am Wochenende gemacht hat.“ Angesprochen auf den Albtraum-Tag, den Oliver Baumann am vergangenen Sonntag hatte – der Freiburger Torwart hatte bei allen drei HSV-Toren gepatzt – sagt Golz: „Es gibt Erkenntnisse der Gehirnforschung, dass das mehrfache Anschauen von Fehlern dazu führt, dass dieses Verhaltensmuster sich einbrennt im Gehirn. Deshalb bin ich sicher, dass mein Kollege in Freiburg sich mit Oliver Baumann die Gegentore nicht noch einmal anschauen wird.“

Grundsätzlich mutet die Diskussion über Kraft deshalb kurios an, weil der Torsteher in der vergangenen Saison die mit Abstand beste Defensive der Zweiten Liga dirigiert hat. In der laufenden Saison haben nach zehn Spieltagen nur die Kollegen der Topklubs weniger Gegentore kassiert als Kraft mit Aufsteiger Hertha: Manuel Neuer (FC Bayern), Roman Weidenfeller (Borussia Dortmund) und Bernd Lenno (Bayer Leverkusen). Hinter dem Eindruck ‚gut ist nicht gut genug‘ schimmert eine Sehnsucht der Fans durch. Allerdings eine, die kein Torwart je wird bedienen können: Die Sehnsucht nach Perfektion.

Der Fans weiß nicht um den Matchplan bei Abschlägen

Ein Thema, das Kraft seit seiner Ankunft in Berlin 2011 begleitet, ist der Vorwurf, seine Spieleröffnung sei schwach. Golz widerspricht: „Ich finde, Thomas macht das ganz gut.“ Er räumt aber ein, dass es für die Zuschauer ein Problem gibt: Sie kennen den Matchplan für den Torwart nicht. Auch wenn es für den Betrachter zufällig erscheint, wohin der Ball geschlagen wird, es gibt für jedes Spiel Vorgaben. Grundsätzlich ist Adrian Ramos jemand, der hoch in der Mitte angespielt werden und Kopfball-Duelle gewinnen kann. „Wenn aber beim Gegner hinten van Buyten und Jerome Boateng drinstehen, macht das wenig Sinn“, sagt Golz. „Thomas hatte die Aufgabe, rechts und links auf die Außenbahnen zu schlagen.“

Rausspielen statt rausdonnern

Grundsätzlich verlangt Trainer Jos Luhukay, dass Kraft den Ball ruhig rausspielt „und nicht rausdonnert. Aber manchmal zeigt sich dann niemand“, berichtet Golz, „dann muss Thomas warten. Von außen sieht das aus, als wüsste er nicht wohin. In der Regel verfolgt der Torwart aber den Plan, den wir haben.“

Bleibt das Thema der Größe. Hier schüttelt Golz den Kopf. „Grundsätzlich hilft Reichweite einem Torwart.“ Aber das Thema werde in der Branche in Wellen diskutiert, die sich stetig ändern. „Vor drei, vier Jahren hieß es, unter 1,90 m kann man kein Torwart sein.“

Mentalität wichtiger als Zentimeter

Er deutet auf seinen Körper (1,99 m): „Ich sollte vielleicht sagen, dass er auch noch größer sein darf. Aber so ist es nicht.“ Golz weiß, worüber er spricht. Er hat für den HSV und den SC Freiburg insgesamt 453 Bundesliga-Spiele absolviert. „Stefan Klos ist 1,81 Meter und hat mit Dortmund die Champions League gewonnen. Fabian Barthez ist 1,83 Meter und mit Frankreich Welt- und Europameister.“ Kraft liegt mit seinen 1,87 Metern darüber. „Ich finde, dass Thomas keine Nachteile bei der Reichweite hat.“

Golz stört grundsätzlich die Reduzierung auf Zahlen. Wenn Hertha in dieser Saison mehr Gegentore kassiert als im Vorjahr, „ist der Torwart dann schlechter geworden? Oder liegt das daran, dass Hertha Bundesliga statt Zweite Liga spielt?“ Was nütze ihm die Größe eines Torstehers. „Mir ist ein Torwart lieber, der Mentalität und Präsenz hat.“