Bundesliga

Hertha staunt nach Spiel gegen FC Bayern über sich selbst

Der Aufsteiger verblüfft Liga und Fans mit frechem Fußball und ist trotz der Pleite beim FC Bayern das Überraschungsteam der Stunde. Doch die Vergangenheit zeigt, Grund zum Jubel gibt es noch nicht.

Foto: Johannes Simon / Bongarts/Getty Images

Änis Ben-Hatira verließ den Medienraum von Hertha BSC und stutzte. Eben erst hatte der 25 Jahre alte Mittelfeldspieler den Vertretern der Presse in die Blöcke diktiert, was er über die denkbar knappe 2:3-Niederlage gegen den Champions-League-Sieger FC Bayern am Vortag so dachte. Er sehe sie „mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, sei man doch der derzeit wohl besten Mannschaft der Welt ziemlich lange auf die Nerven gegangen.

Nun hätte der Torschütze zum 2:3-Anschlusstreffer gern eine Dusche gesehen, doch der Weg in die Kabine war ihm verstellt. Rund 80 Hertha-Anhänger standen davor, umzingelten Ben-Hatira – und klatschten Beifall.

Verlieren aber dennoch bejubelt werden, dass hatten Ben-Hatira und seine Kollegen schon am Sonnabend nach Abpfiff in München erlebt, als die rund 5000 mitgereisten Hertha-Fans hoch oben im Auswärtsblock der Allianz-Arena die Mannschaft mit tosendem Beifall verabschiedete.

Am Sonntagmorgen nun erschienen die Anhänger als Kolonne beim obligatorischen Auslaufen, skandierten „Ha Ho He, Hertha BSC“ und wollten sich damit bedanken „für die momentan tolle Leistung“, wie Herthas Fanbeauftragter Donato Melillo übermittelte.

„Das ist eine schöne Geste an die Spieler, die in München so viel Aufwand betrieben haben“, fand Jos Luhukay, Herthas Cheftrainer. Es sei nicht normal, dass man nach einer Pleite so empfangen werde. „Davon wusste wir nichts“, sagte der 50-Jährige.

Großes Lob von Bayern-Trainer Pep Guardiola

Überrascht aber war der Niederländer vor allem von der Art und Weise, wie seine Mannschaft beim zuvor 14 Mal in Serie daheim siegreichen deutschen Rekordmeister aufgetreten war.

Von Beginn an aggressiv in der Defensive und frech im Spiel nach vorn hatten die Blau-Weißen die Münchner an den Rand des ersten Punktverlustes der Saison im eigenen Stadion geführt, dass deren Trainer Pep Guardiola später sogar lobte: „Hertha war das beste Team, gegen das wir bisher gespielt haben.“ Bayerns deutscher Nationalspieler Toni Kroos sprach gar von einem „schmeichelhaften Sieg, bei dem wir sehr viel Glück hatten“.

Zwei Kopfballtreffer nach Torwartfehlern durch Berlins Thomas Kraft, ein Stellungsfehler in der Hertha-Abwehr und ein bisschen Zeitspiel am Ende waren nötig, um den aufmuckenden Aufsteiger schließlich doch noch niederzuringen. Die Liga rieb sich verblüfft die Augen über Hertha, und die Berliner staunten über sich selbst: „Dass wir als Mannschaft gegen diesen FC Bayern so gut aufspielen würden und sogar zwei Tore erzielen, hatte wir selbst nicht erwartet“, sagte Luhukay.

Hineingewachsen in die Bundesliga

Weltklassespieler wie Franck Ribéry, Arjen Robben und Thomas Müller seien nicht richtig zur Geltung gekommen. „Das spricht für uns.“ Und dass seine Mannschaft sich auch dann nicht ergab, als Mario Götze für die Münchner kurz nach der Führung durch Mario Mandzukic auf 3:1 erhöhte, beweise, „wie mental stark wir sind. Denn da sind andere Teams gegen die Bayern schon richtig untergegangen.“

Das unerwartet starke Auftreten der Herthaner in München legt den Verdacht nahe, dass der Aufsteiger endgültig in die Bundesliga hineingewachsen ist. Luhukay ist es gelungen, aus einer Ansammlung mittelmäßiger Profis eine unerschrockene Mannschaft zu formen, die an guten Tagen sogar die Granden der Spielklasse ein bisschen ärgern und – noch viel wichtiger – mit dem großen Rest zwischen Abstiegskampf und Europapokal mithalten kann.

Trainer Jos Luhukay zieht positives Zwischenfazit

„Nach zehn Spieltagen“, hatte Herthas Manager Michael Preetz vor der Saison gesagt, „kann man die Richtung erkennen, wo es hingeht“. Nun ist der Zeitpunkt gekommen, und Luhukay kann nach 15 Zählern auf der Habenseite und Tabellenplatz fünf ein positives Zwischenfazit ziehen: „Die ersten zehn Spiele haben gezeigt, dass wir unser Spiel meistens durchbringen konnten“, sagte der Cheftrainer.

„All das, was wir uns in der Zweiten Liga erarbeitet haben, konnten wir mit in die erste Liga nehmen. Das ist bemerkenswert.“ Dass es seiner Mannschaft darüber hinaus sogar gelungen ist, bisweilen erfrischenden Offensivfußball zu spielen wie gegen Eintracht Frankfurt (6:1), Mainz 05 (3:1) und nun sogar phasenweise beim FC Bayern, macht sie zum Überraschungsteam der Stunde.

Zum selben Zeitpunkt der Saison hatten die beiden anerkannten Überraschungsmannschaften der beiden Vorjahre Frankfurt (20 Zähler am 10. Spieltag) und Borussia Mönchengladbach (17) fünf beziehungsweise zwei Punkte mehr.

Ziel bis zur Winterpause: mehr als 20 Punkte

Am kommenden Wochenende empfangen die Berliner den Champions-League-Teilnehmer Schalke 04, danach folgen ein Auswärtsspiel gegen Hoffenheim und eine Heimpartie gegen den derzeitigen Tabellendritten Leverkusen. „Wenn wir so weitermachen wie bisher, können wir auch da Punkte sammeln“, sagte Luhukay.

Eine bestimmte Ausbeute bis zur Winterpause peile er nicht an: „Man sagt, dass 20 Punkte für einen Aufsteiger ein gutes Vorzeichen wäre, die Liga zu halten. Aber festlegen will ich mich darauf nicht. Für mich könnten es auch ein, zwei Punkte mehr sein.“

Denn Luhukay dürfte gewarnt sein: Vor zwei Jahren unter Markus Babbel hatte Hertha bereits 13 Zähler nach dem 10. Spieltag und 20 Punkte nach der Hinrunde. Bekanntlich stiegen die Berliner dennoch ab.

Nach einem 0:5 im Februar 2012 gegen Stuttgart belagerten damals 200 wütende Hertha-Anhänger das Vereinsgelände und beschimpften Ben-Hatira. „Hau doch wieder ab nach Hamburg“, musste der Ex-HSV-Spieler hören. Nun hat er mitgeholfen, das die Stimmungslage derzeit eine deutlich andere ist.