Das deutsch-französische Verhältnis war schon oft zerrüttet, manchmal gar schwer erschüttert. Doch dieser Tage ist es zumindest im dänischen Silkeborg vollständig intakt. Die besten Handballer beider Nationen teilen sich in der 100.000-Einwohner-Stadt in Laufweite zum Flüsschen Gudenå ihr EM-Quartier. Guillaume Gille schaut daher selbstredend am Tag vor dem wohl spannendsten Spiel bis zu diesem Turnierzeitpunkt in der umfunktionierten Eventhalle einer alten Papierfabrik vorbei, wo sein Nationaltrainer-Kollege Alfred Gislason eben noch über das entscheidende Hauptrundenspiel zwischen Deutschland und Frankreich an diesem Mittwoch (18 Uhr/ZDF) sprach. „Ein Spiel voller Bedeutung, aber dafür lieben wir doch unseren Job“, sagt der 49-Jährige, der einen Großteil seiner Aktivenlaufbahn beim HSV Hamburg verbracht hat.
Handball-EM: Fürs Halbfinale: Frankreich muss gewinnen, Deutschland darf nicht verlieren
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Endspiel ums Halbfinale. Es kann nur einen geben. Siegen oder Fliegen. Gislason und Gille werden mit vielerlei plakativen Aussagen konfrontiert, die die Brisanz der Begegnung hervorheben. Die Ausgangslage nach dem 26:31 gegen Olympiasieger Dänemark ist klar: Frankreich, das mit 46-Tore-Auftritten EM-Rekorde weggeballert hat, aber Spanien 32:36 unterlag, muss gewinnen. Deutschland darf nicht verlieren, um nach den Dänen ins Halbfinale einzuziehen. Ein Unentschieden brächte die DHB-Auswahl in verlockende Nähe zu den Medaillen.

Da sich Handballer nicht auf eine Punkteteilung als Zielsetzung einlassen können, bemüht der Bundestrainer seine grundsätzliche EM-Einschätzung und reicht die Favoritenrolle quasi hotelintern herüber: „Wir haben jetzt monatelang darüber geredet: Wenn wir gegen Dänemark verlieren, müssen wir alle anderen schlagen. Genau dazu ist es gekommen. Die Franzosen sind die zweitbeste Mannschaft in diesem Turnier.“ Torhüter David Späth bringt es auf den Punkt: „Wir pokern nicht, es geht um alles oder nichts.“ Immerhin nicht für Gislason. Die verbandsseitig vor Turnierbeginn eingeleitete Diskussion um die Zukunft des 66 Jahre alten Isländers mit Blick auf den nach der Heim-WM 2027 auslaufenden Vertrag kassiert Sportvorstand Ingo Meckes ein: „Wir haben eine Top-Sechs-Platzierung. Es gibt in diese Richtung keine Gedanken, dass wir etwas verändern.“
Handball-Knaller Deutschland gegen Frankreich: Grgic schießt Dellen ins Gebälk, Mem schwächelt
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Die deutschen Nationalspieler hielten sich nach dem Dänen-Spiel an das Positive. „Wir sind voll im Turnier und haben jetzt eine riesige Chance“, betonte Juri Knorr, der noch immer weit jenseits seines Leistungslimits agiert. Marko Grgic hinterließ am Montagabend mehrere Dellen im Torgebälk, wurde vom Bundestrainer aber für „seinen Mut“ gelobt und bekräftigte: „Wir werden alle acht Millionen Prozent dafür geben, dass wir ins Halbfinale kommen.“ Die wird es benötigen, auch wenn Frankreichs Rückraum-Star Dika Mem etwas turniermüde wirkt. Aymeric Minne und Thibauld Briet überzeugen an dessen Seite aber mehr denn je. Ludovic Fabregas verkörpert am Kreis Weltklasse, für die schnelle Mitte ist Dylan Nahi wie geschaffen. „Wir brauchen einen perfekten Tag“, stellt Kapitän Johannes Golla klar. Vielleicht genügen aber schon „ein bisschen besser platzierte Würfe“, verbessert Gislason, „23 Fehlwürfe dürfen wir uns nicht wieder leisten.“
Es hat wehgetan, ja. Aber wir haben die Kurve bekommen. Nun erwartet uns ein phantastischer Kampf.
Guillaume Gille,, Frankreichs Nationaltrainer, über das Wunder von Lille, die Olympia-Pleite gegen Deutschland
Um dieser Anweisung Folge zu leisten, muss Renars Uscins gar nicht vorab auf YouTube Videoschnipsel vom olympischen Turnier hervorkramen. „Sofern Alfred die nicht für seine Vorbereitung braucht, werde ich sie mir nicht anschauen“, sagt der 23-Jährige, dessen Name mit dem Wunder von Lille fest verzurrt ist. Uscins 14 Tore umrahmen die französische Tragödie, die sich im August 2024 gut 200 Kilometer nördlich von Paris zutrug. Der Rückraumspieler erzwang zum Entsetzen der 27.000 Zuschauer in letzter Sekunde die Verlängerung und langte dort bis zum 35:34 auch noch viermal hin. „Vielleicht spielt das Wunder von Lille in den Köpfen beider Mannschaften eine Rolle. Allerdings ist es auch schon ein bisschen her. Uns gibt es ein gutes Gefühl, dass wir sie da geschlagen haben“, sagt Silbermedaillist Knorr.
Guillaume Gille über das Wunder von Lille: „Es hat weh getan“
Alfred Gislason glaubt nicht, dass Lille Auswirkung auf Mittwochabend haben wird: „Das ganze Turnier mehr als dieser einzelne Sieg hat unser Team weitergebracht. Aber heute zählt das nichts mehr.“ Die Vergänglichkeit des Erfolges wie des Schmerzes kennt auch Guillaume Gille nur zu gut. „Es hat wehgetan, ja“, sagt Frankreichs Nationalcoach, „aber wir haben die Kurve bekommen. Nun erwartet uns ein phantastischer Kampf.“ Und an dessen Ende es nur einen Sieger geben wird.








