Die Bühne im Kedelhuset der alten Papierfabrik in Silkeborg bot die Gelegenheit, für einen Augenblick von der Bildfläche zu verschwinden. Denn in der für Theater umfunktionierten Industriekulisse am Quartier der deutschen Handballer war richtig Druck auf dem Kessel. Es fehlte nicht viel, und Alfred Gislason wären die Mundwinkel auf die weiße Tischdecke mit den Mikrofonen darauf gefallen, als er über den Schock sprach, den die Auswahl des Deutschen Handballbundes am Abend zuvor eine halbe Stunde Autofahrt entfernt in Herning erlebt hatte. So grimmig saß er in der Erklärrunde zum eigentlich unerklärlichen 27:30 gegen Serbien. Als diese vorbei war, schnappte sich der Bundestrainer Kapitän Johannes Golla sowie Teammanager Benjamin Chatton und verschwand hinter einem schwarzen Vorhang. Es brach sich der Eindruck Bahn, dass der 66 Jahre alte Isländer erst einmal genau in Erfahrung bringen musste, was Juri Knorr denn da von sich gegeben hatte, worauf Gislason nur verdutzt reagieren konnte.
Handball-EM: Knorr mit klarer Kritik an den Einsatzzeiten durch Bundestrainer Gislason
Auch interessant
Das Schockerlebnis, das ein desaströses Vorrunden-Aus bei der Europameisterschaft wahrscheinlicher erscheinen lässt als das Erreichen der Hauptrunde, raubte der deutschen Delegation viele Stunden wertvollen Schlafs vor dem abschließenden Gruppenspiel gegen Spanien an diesem Montag (20.30 Uhr/ZDF). Gespräche wurden da bereits geführt, Analysen in Gang gesetzt, warum die deutsche Offensive nach guter erster Halbzeit gegen den Außenseiter vom Balkan in sich zusammengebrochen war. Technische Fehler, reichlich Fehlwürfe und eine Abwehr, die auf einmal keine Stoppfouls mehr hinbekommt. „Viele Kleinigkeiten“, konstatierte Golla, „zum Teil lassen Zentimeter dieses Spiel kippen.“ Es ist seine Aufgabe, Missstände klar anzusprechen, er mochte es auch, dass Juri Knorr sich einbrachte, Verantwortung übernehmen will. Aber: „Jeder darf sagen, was ihm auf dem Herzen liegt“, so Golla. „Ob man das gegenüber der Presse macht, muss jeder für sich abwägen.“

Weil Knorr am Samstagabend in der Jyske Bank Boxen aber das Gefühl hatte, der Mannschaft mehr auf dem Feld als von der Bank aus helfen zu können, ließ er seinem Frust freien Lauf. „Wir haben die Serben in der ersten Halbzeit überrannt – und dann ändern wir alles. Das verstehe ich nicht“, rätselte der 25-Jährige, ein nachdenklicher Mensch sowie mit vier seiner fünf Tore im ersten Durchgang und seiner Dynamik genau der Anführer, als den Gislason ihn erwartet. Aber: „Ich stand in der zweiten Halbzeit nicht mehr viel auf der Platte. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll“, grantelte Knorr. Eine deutliche Kritik, die den Bundestrainer bis zum Sonntagmorgen nicht erreicht zu haben schien. „Wir sprechen intern sehr viel“, antwortete Gislason auf Nachfragen zu der Gardinenpredigt, „aber was er in der Presse gesagt hat, weiß ich nicht.“
Handball-EM: Schluroff trifft weiter, Köster ist in der Abwehr wertvoller als im Angriff
Auch interessant
Die Verteilung von Spielzeit und Verantwortung war Gislason eigenen Gedanken gefolgt. 48 Minuten schenkte er Julian Köster in der Mitte und auf Halblinks des Rückraums das Vertrauen – also auf den Positionen, die er sich mit Knorr teilt. Knorr durfte satte 20 Minuten weniger Herz und Verstand mit dem Ball in der Hand zeigen. „Ich habe lange auf den eingespielten Block gesetzt“, sagte Gislason mit Verweis auf Kösters Gummersbacher Vereinskollegen Miro Schluroff, der sich mit sechs Treffern bei sieben Versuchen erneut als zuverlässigster Schütze hervorgetan hatte. Anders als der EM-Debütant war Köster offensiv kaum ein Faktor. „Aber wenn man anfängt, in der Abwehr zu schwimmen, ist es schwierig, vorne auf Julian zu verzichten“, sagte der Bundestrainer, der ausgiebiges Wechseln zwischen Offensiv- und Defensivsequenzen nicht goutiert. Knorr hatte den Finger in die Wunde gelegt und mit Blick auf das Schicksalsspiel gegen Spanien gewarnt: „Wir werden es nicht schaffen, wenn Spieler 60 Minuten durchspielen.“

Sämtliche Beteiligten im DHB-Tross hatten nach wieder mal vertändeltem Vorsprung in der Schlussphase den Kopf verloren. Gislason auch, als er in der 58. Minute nach überstandener Unterzahl den roten Auszeitknopf am Zeitnehmertisch drückte und nicht gesehen hatte, dass Juri Knorr frei zum Wurf am Kreis kam. Es wäre das 26:26 gewesen, doch die Sirene ertönte Sekundenbruchteile zuvor, was Videoaufnahmen belegten. So klaute der Bundestrainer seinem Team einen Treffer – „und mindestens einen Punkt“, wie er am Sonntag eingestand. Stunden zuvor hatte Gislason eingeräumt, gezockt zu haben. „Ich hatte Angst, den Ball zu verlieren, und gedacht, es wäre schlauer, das Timeout zu nehmen.“ Wie alle anderen Nationalspieler machte der vermeintliche Torschütze dem Trainer keinen Vorwurf, das passiere halt. Es blieb aber beim Knorr’schen Seitenhieb: „Das war die Kirsche auf der Torte und passte zur Situation in der zweiten Halbzeit.“ In der das deutsche Team bis zuletzt offen deckte und sich mit dem 30. Gegentor noch mal zusätzlich unter Druck setzte.
So kommt Deutschland doch noch in die EM-Hauptrunde in Herning
Auch interessant
Denn nun droht es gegen die Iberer die letzten zweimal 30 EM-Minuten in Dänemark zu geben. Die einfachste Rechnung fürs Weiterkommen wäre ein Sieg mit drei Toren Differenz, einen Sieg der Serben gegen Österreich vorausgesetzt. Dann müsste bei Punktgleichheit der drei Teams Spanien auf die Heimreise gehen, Deutschland würde in die Hauptrunde mit der Hypothek von 0:2 Punkten starten. Auch „mit dem Rücken zur Wand“ (Knorr) gilt es laut Torhüter Andreas Wolff nun, „sich gegenseitig Mut zu machen“. Oder wie es Alfred Gislason mit Erinnerung an das Halbfinale in Paris 2024 gegen Frankreich etwas plakativer formulierte: „Wir müssen jetzt das Olympia-Wunder wiederholen.“








